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Die Wirklichkeit ist nur ein Teil des Möglichen. Dürrenmatt

Lebenslänglich – Urteil ohne Richter

 

LEBENSLÄNGLICH ( Neuauflage)

Ein1-1e romanhafte Erzählung über die Folgen von Kindesmissbrauch

Die Täter werden bestraft – manchmal –
Die Opfer haben immer lebenslänglich

Die Geschichte ist frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit real lebenden oder toten Personen, mit Ereignissen oder Schauplätzen wäre völlig unbeabsichtigt und reiner Zufall.

Und doch ist jedes Wort wahr.

Taschenbuch
120 Seiten
ISBN 978-3-7386-3157-9
Verlag: Books on Demand
€ 7,50
 ebook :  € 2,49
auch bei  Amazon 
Leseprobe:

Wissen sie, was ein Trigger ist? Der Psychologe hatte mich davor gewarnt: vor den Auslösern, dem Flash-back, den Erinnerungsfetzen. Sie brechen über dich herein, wie ein Gewitter aus heiterem Himmel. Ein Gewitter im Kopf. Und alles ist wieder da, der ganze Albtraum.

Es ist absurd. Es war der Weichspüler. Emma wollte mir eine Freude machen. Sie wusste, dass ich es hasste Betten zu überziehen. Sie konnte ja nicht ahnen, warum ich das hasste. Sie wollte mir wirklich nur eine Freude machen, als Gegenleistung für die Eiscreme. Deshalb hatte sie an diesem Nachmittag mein Bett abgezogen, die Bettwäsche gewaschen und wieder frisch aufgezogen. Und sie hatte denselben Weichspüler benutzt, den auch meine Mutter benutzte. Wissen sie, immer wenn mein Vater nachts in meinem Zimmer gewesen war, zog meine Mutter am nächsten Tag mein Bett ab und wusch die Bettwäsche. Ein frisch bezogenes Bett, der Duft nach diesem speziellen Weichspüler, bei normalen Menschen löst das ein wohliges, heimeliges Gefühl aus. Für mich war es nur die Erinnerung an das, was geschehen war und an das, was unweigerlich wieder geschehen würde. Ich lag in meiner sauberen, frisch gewaschenen Bettwäsche, fühlte meine Ohnmacht und hatte entsetzliche Angst.

Irgendwann ließ die Angst nach, so, als wäre er da gewesen und wieder gegangen. Ich fühlte mich unendlich schmutzig. Irgendwann gelang es mir aufzustehen. Ich musste unter die Dusche. Aber ich wusste, dass ich diesem Drang jetzt auf keinen Fall nachgeben durfte. Es war ja nichts passiert. Es war nur in meinen Gedanken. Ich schloss die Tür zur Dusche ab und legte den Schlüssel weg.

Nein! Ich würde nicht duschen! Dann hätte er gewonnen. Ich war nicht schmutzig. Ich war nicht schuldig. Ich habe es wirklich versucht. Ich wollte ihm nie mehr diese Macht über mich geben. Und dann stand ich in der Küche und sah zu, wie das kochend-heiße Wasser über meine Hände lief. Wie es seinen Dreck und meine Schuld wegspülte. Ich fühlte, ich musste nur lange genug durchhalten, diesen notwendigen Schmerz lange genug aushalten, wenn ich mich von ihm befreien wollte. (…)

Karl, der Kleingärtner

Fertig.

Mit einem zufriedenen Lächeln räumte Karl Stift und Lineal zurück in die abgegriffene Schreibmappe. Sie hatte seinem Vater gehört. Karl schloss den Din A 4-Block und legte den Jahreskalender darauf. Entspannt lehnte er sich auf seinem Gartenstuhl zurück. Gerade hatte er den letzten Punkt auf seiner heutigen To do-Liste  durchgestrichen. Gleich würde er nach Hause fahren, sein Unterhemd gegen ein Poloshirt tauschen und mit Erika  einen Ausflug zur Feste Ehrenbreitstein machen. Er lächelte, schloss die Augen und lauschte dem Gesang der Amsel. Es war immer dasselbe. Erika mochte nicht, wenn er im Unterhemd in seinem Schrebergarten saß. „Du siehst aus wie ein Proletarier.“ „Na und?“, hatte Karl geantwortet, „ ich bin ein Proletarier, warum sollte ich nicht wie einer aussehen.“ Schon sein Vater hatte im Unterhemd im diesem Schrebergarten gesessen. Karl dachte an die wenigen Schwarzweißaufnahmen, die ihm von seinem Vater  geblieben waren. Er hatte sie gerahmt und im Inneren der Gartenlaube aufgehängt. Auch das Mitgliedsabzeichen des Reichsbund Deutscher Kleingärtner, auf das sein Vater so stolz gewesen war und die Auszeichnungsmedaille der Reichsfachgruppe Reisebrieftaubenwesen hatte er aufgehängt. Für Lieselotte, die Brieftaube, die 1935 wegen hervorragender Flugleistung ausgezeichnet worden war, hatte er sogar  extra ein passendes Regalbrett gezimmert. „Dieses verstaubte, verlauste Vieh kommt mir nicht in die Laube“, hatte Erika protestiert und gedroht, den gesamten Schrebergarten zu boykottieren, wenn Karl darauf bestand, dass Lieselotte bei ihnen einzog. Also musste Lieselotte in der Holzkiste in der Garage bleiben. Aber die Aufzeichnungen seines Vaters aus mehr als fünfzig Jahren Gartenbau hatte Karl mit zum Schrebergarten genommen. Sie lagen jetzt auf Liselottes Regalbrett. Karl kannte sie auswendig. In jeder freien Minute studierte er die Notizen seines Vaters. Auch ein ganz besonderes Blatt hatte Karl zu den Unterlagen gelegt. Er hätte es gerne neben den Fotos aufgehängt. Aber Erika hätte ihm das nie erlaubt. „Das ist vorbei. Das geht uns nichts mehr an“, hätte sie gesagt.  „Vergesst nie, dass das heiligste Recht auf dieser Welt das Recht auf Erde ist, die man selbst bebauen will, und das heiligste Opfer das Blut, das man für diese Erde vergießt.“ Karl wusste, dass es ein Zitat Adolf Hitlers war. Sein Vater hatte es in sorgfältiger Normschrift auf ein Din A 4-Blatt gemalt. Auch ihm war verboten worden, es wieder aufzuhängen. Nach dem Krieg. Karl erinnerte sich an den Vater, wie er 1948 weinend in seinem zerbombten Schrebergarten stand. Der Vater war bei den ersten Kriegsgefangenen, die Russland freigelassen hatte. Die Mutter und er, der kleine, damals sechsjährige Karl, hatten versucht, ein bisschen aufzuräumen, sie wussten, wie sehr der Vater an seinem Schrebergarten hing.  Wie stolz er auf seine persönliche Bekanntschaft mit Hans Kammler war, dem Führer des Reichsbundes der Kleingärtner. Er hatte ihn auf dem Reichskleingärtnertag in Chemnitz kennengelernt. Karl erinnerte sich und schüttelte widerwillig den Kopf. Nein, sein Vater war kein Nazi. Er hatte nie Juden vergast. Aber er hatte seinen Grund und Boden geliebt und als er in den Krieg zog, freiwillig, dann nur, um das zu verteidigen, was er liebte. Später, nach dem Krieg, als sie den Schrebergarten längst wieder aufgebaut hatten und Karl ihn gemeinsam mit seinem Vater bewirtschaftete, hatte der Vater ihm abends beim Bier aus den alten Zeitschriften vorgelesen. Von gesunder Lebensweise und von gesunder und kräftigender Kost, die der Ertrag des Gartens ermöglicht, auch von Disziplin und genauer Planung und davon, dass es eine Unsitte sei, die wertvolle Scholle durch Bepflanzung mit ertraglosen Blumen zu vergeuden. Karl hatte das gefallen. Und er fand bis heute nichts Verwerfliches an der Einstellung seines Vaters. Karl öffnete die Augen, setzte sich auf, atmete tief die reine, würzige Luft ein und betrachtete voller Stolz seinen Garten. Morgen würden sie die Johannisbeeren ernten. Eine Rekordernte! Noch besser als im Juni vor fünf Jahren. Karl hatte extra die Küchenwaage von zuhause mitgebracht. Solche respektablen Ernten kamen nicht vom Nichtstun. Er liebte es, sich den wechselnden Herausforderungen der Natur zu stellen, Wind und Wetter heldenhaft zu trotzen und Mutter Erde immer höhere Erträge abzuringen. Karl kannte die unterschiedlichen Bedürfnisse und vielfältigen Bedrohungen seiner Pflanzen genau. Er hatte ein wachsames Auge auf die Schädlinge und studierte regelmäßig die Kataloge der einzelnen Anbieter für Dünger und Mittel zur Unkrautvernichtung und Ungezieferbekämpfung. Als Schädlingsmanagement hatte neulich ein Anbieter den Einsatz eines neuen Rattengiftes beschrieben. Karl merkte sich die Marke. Er wusste um die optimalsten Aussaattermine und griff selbst zum Pinsel, wenn er den Bienenflug aufgrund widriger Wetterverhältnisse als unbefriedigend empfand. Seit er in Pension war und nahezu jeden Tag im Schrebergarten werkelte, konnte er den Ertrag der Gemüsepflanzen noch einmal um 25 % steigern. Karl genoss Tage wie heute, wenn er schon am frühen Morgen die Bohnenreihen abschritt. 15 Stangen. Exakt nach der Sonne ausgerichtet, im genau vermessenen Abstand von jeweils 80 Zentimetern. Die disziplinierte Ordnung seiner Stangenbohnen verursachte Karl immer ein wohliges Kribbeln im Nacken. „Irgendwann werden sie lebendig und marschieren davon“, pflegte Erika die Heeresschau ihres Mannes zu kommentieren. Karl schnaubte dann nur verächtlich. Frauen! Was verstanden sie schon von effektiver, disziplinierter Gartenarbeit! Da war Kraft gefragt, kompromisslose Ausdauer. Aber besonders auch Köpfchen für die ausgetüftelten Anbaustrategien, die ausgewogenen Düngergaben und die gezielte  Verwendung der chemischen Mittel. Kampfmittel, wie Karl jedem grinsend erklärte, wenn es um Ungeziefer ging. Erika hatte er die Kräuterecke zugewiesen. Ein bisschen Unkrautjäten, im Sommer die Pflanzen schneiden und zum Trocknen in den Schatten hängen. Da konnte sie nicht viel verkehrt machen. Und wenn doch, war er augenblicklich zur Stelle, um es ihr noch einmal zu erklären. Der alte, einbeinige Kurt, vom Schrebergarten nebenan, der hatte ihn verstanden. Mit dem konnte er sich stundenlang über die richtige Kartoffelsorte unterhalten. Frühgold, Heidenniere, Inovator, Turdus. Kurt hatte sie alle gekannt. Und wie der immer seine riesigen Kohlköpfe bewundert hatte und den strammen, festen Lauch. Kurt war ein guter Kerl gewesen. Obwohl er Sozialist war. Aber über Politik haben sie nur  das eine Mal geredet. Als Kurt starb, wunderte sich Karl, wie wenig er über seinen ewigen Nachbarn wusste. Ehefrau? Kinder? Kurt war nur am Wochenende in seiner Laube gewesen und sie hatten eigentlich immer über den Garten gesprochen. Mit einem Sozialisten kann man nicht über Politik reden.

Und dann war Kurt einfach so gestorben, ohne etwas geregelt zu haben und hatte Karl mit dem ganzen Ärger allein gelassen. Karl hatte offiziell die Übernahme des Nachbargartens beantragt. Er war fest entschlossen, den Gemüseanbau im Sinne Kurts weiterzuführen und hatte ein entsprechendes Gesuch an Herrn von Ullrich, den ersten Vorsitzenden des Kleingartenvereins, gerichtet. Karl runzelte die Stirn und schnaubte ungehalten, als er an das Gespräch mit dem feinen Herrn von Ullrich zurück dachte. „Zieh Dir wenigstens ein Poloshirt über“, hatte Erika ihm nachgerufen, als er an einem Samstagnachmittag zur Vereinsklause „Abendfrieden“ losmarschierte. Karl hatte nur den Kopf geschüttelt. Sein Blick streifte das akkurat geschnittene Säulenobst. Der Fruchtansatz der Viktoria-Kirsche war vorbildlich. Karl nickte zufrieden.  Er hatte es nicht nötig, sich für Herrn von Ullrich zu  verkleiden. Karl hatte für den anderen gestimmt, bei der Vorstandswahl vor einem halben Jahr. Der von Ullrich war ihm zu liberal, hat nach seiner Wahl die strengen Anbauregeln geändert: wer wollte, konnte nun auch nur Rasen säen und auf den Gemüsebau verzichten. Zum Glück war es eine geheime Wahl gewesen. Der erste Vorsitzende des Kleingartenvereins saß am Tresen, als Karl das Vereinslokal betrat. Er stand auf und begrüßte Karl mit einem freundlichen Handschlag. Karl musterte seinen Gegenüber. „Der sieht nicht aus wie ein Gärtner, mit der hellen Hose und dem schicken Hemd. Der hat noch nie im Leben ein Gemüsebeet umgegraben.“ Von Ullrich unterbrach Karls Gedanken. „Schön, dass Sie gekommen sind. Lassen Sie uns zum Tisch gehen.“ Herr von Ullrich griff nach seiner ledereingebundenen Aktenmappe und ging Karl zum Stammtisch voraus. Nachdem sie Platz genommen hatten, zog der erste Vorsitzende ein paar Unterlagen aus der Mappe. Karl fühlte, wie er  nervös wurde und ärgerte sich über seine Unsicherheit. So offiziell hatte er sich dieses Gespräch nicht vorgestellt. Ein, zwei Bier, ein bisschen verhandeln, ob man die Pacht beim zweiten Schrebergarten nicht ein paar Euro billiger machen könnte, einen Schnaps auf den verstorbenen Kurt. Hand drauf. Und, damit alles seine Ordnung hatte, schließlich die Unterschrift unter den Pachtvertrag. Jetzt bereute er, dass er nicht Erikas Rat befolgt hatte. Er fühlte sich nackt und angreifbar in seinem verwaschenen Feinrippunterhemd. „Nun, Herr Klein, ich habe Ihr Ansinnen letzte Woche in der Vorstandssitzung vorgetragen“, begann Herr von Ullrich und schaute Karl freundlich an. „Wir wissen es zu schätzen, dass Sie seit vielen Jahren unsere Kleingartenanlage durch Ihren gepflegten Gemüsegarten bereichern.“ Karl nickte eifrig: „Seit über 70 Jahren, Herr Vorsitzender, der Schrebergarten hat schon meinem Vater gehört. Wir sind eine alte Gartenbaufamilie. Uralter Gartenadel, gewissermaßen. Ganz vernarrt in die eigene Scholle.“ Er lachte und verstummte verlegen, als der Vorsitzende nicht in sein Lachen einfiel. Herr von Ullrich musterte Karl schweigend. „Alt“, begann er schließlich „und vernarrt“. Der  Vorsitzende räusperte sich: „Sehen Sie, Herr Klein, damit hätten wir das Problem gewissermaßen auf den Punkt gebracht: Sie werden demnächst 80 Jahre alt. Denken Sie nicht, es wäre an der Zeit, die Gartenarbeit gelassener anzugehen?“ Karl starrte Herr von Ullrich sprachlos an. „Was erlaubte sich dieser Jungsporn? Was waren schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel, gemessen an seiner überragenden Erfahrung im Gemüsebau? Trotz seiner fast 80 Jahre hatte er immer noch die besten Ernten der gesamten Gartenanlage! Und warum? Weil er genau wusste, wann Dünger und wann das richtige Spritzmittel notwendig waren! Der feine Pinkel  war doch über Berliner Tiergartenrasen und ein paar Monatserdbeeren nicht hinausgekommen!“ Ehe Karl die passende Antwort formuliert hatte, fuhr Herr von Ullrich fort: „Dazu kommt, dass viele meiner Vereinskollegen Ihre Anbaumethoden kritisieren.“ Jetzt reichte es Karl! Er richtete sich auf, schob die Brust nach vorne, zog den Bauch ein  und straffte die Schultern: „Was gibt es an meinen Anbaumethoden auszusetzten?“, fragte er herausfordernd. „Kommen Sie vorbei! Schauen Sie sich meine Erträge an! Meine Erfolge sprechen für sich!“ Anscheinend hatte Karl den richtigen Ton getroffen. Mit Genugtuung stellte er fest, dass Herr von Ullrich anscheinend nach Argumenten suchte. Zögernd begann sein Gegner: „Der übertriebene Einsatz der Düngemittel und das viele Gift, das Sie versprühen.“ Karl hatte genug. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und sprang auf. „Die verstehen davon nichts! Diese Öko-Gänseblümchen-Züchter! Erzählen Sie das einmal einem aus der Landwirtschaft! Wer ernten will, muss Mutter Erde auch etwas zurückgeben! Und der Kampf gegen Schimmelpilze, Blattläuse und Kohlraupenbefall kann nicht mit einem Gartenschlauch gewonnen werden, da braucht es den gezielten Gifteinsatz. Aber davon habt Ihr junges Gemüse allesamt keine Ahnung! Für Euch kommt der Apfel doch aus dem Supermarkt!“ Karl atmete schwer. Herr von Ullrich war ebenfalls aufgestanden. „Wir sollten uns wieder beruhigen“, beschwichtigend legte der erste Vorsitzende  seine Hand auf Karls Arm. Wütend schüttelte Karl die Hand ab. Herr von Ullrich zuckte die Schultern. „Also, um die Sache zu Ende zu bringen“, begann er in ernstem Ton, „ Ihr Antrag auf Übernahme eines zweiten Schrebergartens wurde vom Vorstand einstimmig abgelehnt. Sie sollten dieses Votum aber nicht persönlich nehmen.“ Karl schnaubte vor Empörung: „Und ob ich das persönlich nehme! Darauf können Sie Ihren vornehmen Arsch verwetten! Aber Ihr werdet noch an mich denken, wenn Eure Schreberanlagen allesamt aussehen wie Reihenhausvorgärten. Wenn niemand mehr weiß, wie man einen Kohlrabi züchtet. Ihr werdet noch an mich denken!“ Erhobenen Hauptes schritt Karl zur Tür. Bevor er sie öffnete, wandte er sich dem Wirt der Vereinsschenke zu: „Wir sehen uns, Erich. Ich komme auf mein Bier vorbei, sobald dieser feine Herr gegangen ist. Er wird erleben, was er davon hat, mich einen alten Narren zu nennen.“

Karl erinnerte sich an den Sonntagmorgen, als sie ankamen, um Kurts Schrebergarten zu übernehmen. Städter! Das nervtötende schrille Kläffen ihres kleinen Köters hatte Karl die Frühstückslaune verdorben. Er ging zur Himbeerhecke und schaute hinüber: Kleines rotes Flitzerauto, Frau mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel und zwei Gören, ein Junge, ein Mädchen. „Nein, Sie können den Wagen nicht einfach hier an der Hecke stehen lassen! Das ist eine Laubenkolonie und kein Aldiparkplatz!“ Karl hatte es schon befürchtet. Vor vier Wochen war ein Gartenbauunternehmen angerückt und hatte Kurts Gemüsebeete durch langweiligen, unnützen Rasen ersetzt. Karls Sonntag war verdorben. Kreischende Kinder, Dauerbeschallung aus dem CD-Player  und Hundegebell. Ein Gewitter mit anschließendem Dauerregen konnte nicht schlimmer sein. Nein, ein Gewitter wäre eine Wohltat dagegen. Ein Gewitter würde vorübergehen. Aber diese Sippe würde jetzt jedes Wochenende in den Schreibergarten einfallen. Und dann fiel ihm auch noch Erika in den Rücken. Die ganze folgende Woche lag sie ihm in den Ohren. „Es sind nun mal unsere neuen Nachbarn. Eine gute Nachbarschaft ist wichtig. Einer muss den Anfang machen. Wenigstens einmal musst Du ihnen eine Chance geben.“ Eigentlich war Erika Karl immer eine loyale Ehefrau. Aber wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie extrem stur auf ihrer Meinung beharren. Karl erinnerte sich an Lieselotte und schließlich, am nächsten Sonntag, als die ganze Brut wieder anrückte, hatte Karl nachgegeben und Erika erlaubt, sie zum Kaffee einzuladen. Es gab selbstgebackene Triester Torte mit der Johannisbeermarmelade aus der Rekordernte. Und sie kamen! Ein Alptraum! Sie mit rotlackierten Fingernägeln. Hat garantiert noch nie einen Setzling eingepflanzt. Und dann die Kinder! Nicht einen Moment stillsitzen konnten sie. Überall rumgerannt sind sie. „Nein, nicht auf die Beete treten! Ihr müsst auf den Wegen bleiben! Stellt die Gießkanne weg, das ist kein Kinderspielzeug!“ Mit dem Mädchen stimmte etwas nicht. Schlitzaugen und ein Mondgesicht. Und richtig reden konnte sie auch nicht, obwohl sie älter war als ihr Bruder. Und dann beobachtet Karl, wie der Hund seine Bohnenstangen beschnüffelte. Karl sprang auf, aber es war zu spät. Der Köter hatte tatsächlich das Bein gehoben! „Nehmen Sie das Vieh an die Leine!“ Karl konnte sich nur mit Mühe beherrschen. „Ja, natürlich!“, die Frau rief den Hund herbei und leinte ihn am Gartentisch an. „Entschuldigung. Zum Glück ist ja nichts passiert.“ Sie lächelte Karl freundlich an. Karl fing Erikas Blick auf und bemühte sich, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben:  “Ihr Hund verdirbt meine Bohnen. Sie haben tatsächlich überhaupt keine Ahnung vom Gemüsebau. Was wollen Sie überhaupt mit einem Schrebergarten?“ Die Frau lehnte sich zurück und atmete genussvoll tief ein. „Die frische Luft. Es ist wegen der Kinder. Mein geschiedener Mann meinte,  ein bisschen Natur am Wochenende  würde uns gut tun. Er hat den Schrebergarten für uns gemietet. Hier können die Kinder im Freien spielen, ohne dass ich sie ständig beaufsichtigen muss. Marie liebt Pflanzen“, liebevoll strich die Frau der kleinen Marie über die Wange. „Nächste Woche wird ein Sandkasten geliefert und eine Schaukel. Und die Kletterburg, die sich Philip gewünscht hat.“ „Ja! Kletterburg! Kletterburg!“ Philip war aufgesprungen und hüpfte aufgeregt um den Tisch. „Burg! Burg!“ ahmte Marie ihren kleinen Bruder nach und verhedderte sich in der Leine des Hundes, als sie Philip nachrannte. Mit verkniffenem Mund und schwer atmend starrte Karl auf die Kaffeelachen, die Erika eilig mit einem Geschirrhandtuch aufwischte. Marie hatte sich das Knie aufgeschlagen und weinte. „Nein“, Karl schüttelte energisch den Kopf, „wir haben ganz bestimmt kein Pflaster. Am besten bringen Sie die Kleine nach Hause und reinigen da die Wunde. Gartenerde kann sehr gefährlich sein, wegen der Bodenkeime!“ „Wirklich?“, musterte die Mutter die kleine  Wunde  „Ja, dann gehen wir jetzt wohl besser.“ „Besser ist das.“, erwiderte Karl, „und vergessen Sie den Hund nicht!“

„Ein Schrebergarten ist kein Kinderspielplatz!“ Es dauerte lange, bis sich Karls Blutdruck von dem Besuch der neuen Nachbarn erholt hatte. Dann nahm er den Bauhauskatalog und kalkulierte, was ihn ein hoher, stabiler Gartenzaun kosten würde

Aber das mit dem hohen, stabilen Gartenzaun wurde nichts. Punkt 2.5 der Kleingartenverordnung erlaubte nur Zäune bis zu einer Höhe von 1.00 Meter. Karl hatte noch einmal in der Verordnung nachgeschlagen, als Erika den Einwand vorbrachte. Und eine Ausnahmegenehmigung hatte der feine Herr von Ullrich ausdrücklich abgelehnt. „Einigen Sie sich mit Ihren neuen Nachbarn“, hatte Herr von Ullrich leichtfertig erklärt. „Schenken Sie dem Hund ein paar Leckerlies und kochen Sie Marmelade mit den Kindern. Sie werden sehen, die neuen Nachbarn werden eine nette Abwechslung in Ihrem Leben sein. Kinder sind ein Segen.“ Karl hätte gerne auf diese Abwechslung verzichtet. Das Johlen der Kinder, das Bellen und Jaulen des Hundes, die Musik, ja sogar die fremdartigen Kochdüfte, die vom Nachbargrundstück herüberwehten, alles störte Karls Gartenfrieden und machte seine Wochenenden zu einem einzigen Ärgernis. Karl hatte sogar überlegt, am Wochenende in der Stadt zu bleiben und seinen Schrebergarten nur noch unter der Woche aufzusuchen. Aber er wollte seine Pflanzen nicht mit diesen Eindringlichen alleine lassen.

Und dieser neugierige Hund und die ungezogenen Kinder drangen immer dreister in Karls Schrebergarten sein. Bälle und Frisbeescheiben landeten im Pflücksalat und der blöde Köter fand keinen besseren Platz, um seinen Kochen zu vergraben als Karls Möhrenbeet.

„Es ist ein Geschenk, er mag Sie.“ Karl hatte die Nachbarin  mit  dem abgenagten Knochen konfrontiert.

Und dann die Kinder!  Sie kamen durch die Himbeerhecke gekrochen, ohne auf Äste oder Fruchtstände zu achten. Oder sie kletterten über das kleine Gartentor. Standen dann einfach da:  der kleine Philipp mit seiner blöden Schwester an der Hand und fragten, ob das Kuchen sei, was da so lecker duftete.

Dann hatte Karl die kleine Marie erwischt, wie sie die Zucchiniblüten von den Pflanzen pflückte. Wutentbrannt schleppte er die Kleine zu ihrer Mutter. „Schauen Sie doch nur, wie niedlich sie aussieht, mit den gelben Blüten im Haar. Da kann man ihr doch gar nicht mehr böse sein, nicht wahr?“ Und ob Karl ihr böse sein konnte! „Wenn ich Ihre Kinder noch einmal in meinem Garten erwische, rufe ich die Polizei,“ herrschte er die Frau an. „Passen Sie auf Ihre Göre auf. Sie hat mir die ganze Zucchiniernte verdorben.“

Das war an einem Samstagmorgen gewesen. Am Samstagnachmittag kam die Nachbarin mit Kindern und Hund im Schlepptau und überreichte Karl eine ganze Tüte Zucchini und eine Flasche Wein dazu. „Die Zucchini hatte Aldi heute im Angebot. Da habe ich gleich an Sie gedacht.“

Da wusste Karl endgültig, dass diese Frau ihn nie verstehen würde.

Und dann geschah das mit den Erdbeeren. Karl kam gerade aus dem Baumarkt zurück, er hatte dort nach einem effektiven Mittel gegen Wühlmäuse gesucht, als die Göre über seinen eigenen Gartenpfad auf ihn zu stolperte und ihm ihren grellgelben Sandeimer unter die Nase hielt.  „Gefunden! Für Dich!“ nuschelte sie. Voller Entsetzten betrachtete Karl Maries Fundstücke im Eimer. Dann ging sein Blick zum Erdbeerbeet. Tatsächlich! Eine ganze Armee Wühlmäuse hätte nicht schlimmer wüten können. Wenn sie wenigstens nur die reifen Früchte genommen hätte!

„Sie dürfen ihr nicht böse sein. Sehen Sie doch, wie traurig sie jetzt. Sie wollte doch sogar mit Ihnen teilen!“ „Es sind meine Erdbeeren! Auf meinem Grund und Boden!“, schnaubte Karl. „Sie haben ja recht,“ die Mutter nickte beschwichtigend. „Aber Marie liebt buntes Essen. Schauen Sie,“ die Mutter zeigte auf die Liebesperlen in einer kleinen Schüssel auf dem Gartentisch. „Maries Lieblingsnascherei.  Bei den kleinen roten Beeren in Ihrem Garten konnte sie einfach nicht widerstehen.“ „Meine Erdbeeren sind nicht klein. Zumindest nicht, wenn man mit der Ernte wartet, bis sie reif sind. Und dieses Zuckerzeug,“ wütend deutete Karl auf die Liebesperlen,“  ist ungesunder chemischer Mist. Den sollten Sie Ihren Kindern umgehend abgewöhnen, geben Sie ihnen einen Apfel, dann müssen sie auch nicht im Nachbarsgarten wildern!“ Hätte der Schrebergarten der Nachbarin ein Gartentor gehabt, Karl hätte es wütend ins Schloss geworfen als er zu seinem übel zugerichteten Erdbeerbeet zurückstampfte. Liebesperlen! Kleine bunte Kügelchen! Karl dachte über die Liebesperlen nach, während er die herausgerissenen Pflanzen  einpflanzte und versuchte, den angerichteten Schaden zu beheben. Als er damit fertig war, hatte er einen Entschluss gefasst. Schädlingsmanagement. Kleine rosa Kügelchen.

Karl schlug  Erika vor, an diesem Wochenende einen Ausflug zur Feste Ehrenbreitstein zu machen. Erika freute sich.  Es kam selten vor, dass Karl sein Wochenende im Schrebergarten gegen eine andere Freizeitaktivität eintauschte. Erika war, genau wie Karl es erwartet hatte, am Samstagmorgen nicht mit zum Schrebergarten gekommen. Sie wollte zu Hause den Ausflug vorbereiten. Karl war alleine zum Schrebergarten gefahren, um noch schnell einige notwendige Pflegearbeiten zu erledigen. Zum Schluss stellte er ein sorgfältig mit Normschrift geschriebenes kleine Hinweistäfelchen auf: „Vorsicht Gift !“ Dann nahm er seine Schreibmappe von Isabellas Regalbrett  mit zum Gartentisch.

Fertig.  Mit einem zufriedenen Lächeln räumte Karl Stift und Lineal zurück in die abgegriffene Schreibmappe.  Karl schloss den Din A 4 Block und legte den Jahreskalender darauf. Entspannt lehnte er sich auf seinem Gartenstuhl zurück. Gerade hatte er den letzten Punkt auf seiner heutigen To do-Liste  durchgestrichen: Auslegen von  Rattengift im Erdbeerbeet. Er freute sich auf den Ausflug mit Erika.

Die Mutter ( Warten )

Bevor er davon fuhr legte er kurz den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich: „Nicht weinen! Ich besuche Dich. Berlin ist nicht aus der Welt.“ Sie schaute zu ihm auf. Wie groß er geworden war! In der ersten Zeit rief er an. Manchmal. Am Wochenende. Viel zu tun. Der Job. Die neue Wohnung. Die Leute hier sind klasse. Geile Schnecken in den Kneipen. Ich komme vorbei, wenn sich alles eingespielt hat. Oder Weihnachten. Vielleicht. Mal sehen, was die anderen vorhaben.

Die Christmette hat sie zu Hause am Fernsehen angeschaut. Ihr war immer so kalt in der Kirche. Und was wäre, wenn er käme, während sie in der Kirche war. Niemand würde ihm öffnen.  Und seine Schlüssel hatte er hier gelassen.  Ihre Schwester lud sie am ersten Weihnachtstag zum Essen ein. Sie lehnte ab. Ginge leider nicht.  Könnte sein, dass Jens kommt, dann musste sie doch daheim sein. Rouladen hatte sie gekocht. Und Rotkohl. Sein Lieblingsessen. Er kam auch am zweiten Weihnachtstag nicht. Am Neujahrstag schickte er eine SMS. Der Sohn der Nachbarin hat sie ihr vorgelesen. „Der besten Mutter der Welt! Ein gutes, neues Jahr! Viele Grüße aus Paris!“ Ob man das ausdrucken kann, hat sie den Nachbarjungen gefragt.

Einmal hat sie ihn angerufen. Nur so. Auf seinem Handy. Er war wütend geworden. Was das solle? Er sei gerade in einem wichtigen Meeting. Sie solle ihm nicht immerzu nachspionieren.

Eine Woche später hat er sie angerufen. Sich entschuldigt. Ja. Ostern klingt gut. Vielleicht Ostern. Falls nicht Rita … Mal sehen.

Freunde hatten sie eingeladen in ihr Ferienhaus an der Nordsee. Ein nettes Angebot. Ja, sie würde gerne mitfahren. An Ostern? Nein, zu Ostern würde Jens kommen. Und er würde Rita mitbringen. Sie hat sich beeilt mit den Ostereinkäufen. Schließlich sollten die beiden nicht vor verschlossener Tür warten müssen. Die Sahnetorte warf sie am Dienstag in die Mülltonne. Den Osterzopf aß sie unter der Woche. Er war trocken, aber zum Kaffee. Bestimmt war ihm etwas Wichtiges dazwischen gekommen. Sie prüfte, ob ihr Handy geladen war, falls er anrief. Oder hatte er nach Ostern gesagt? Am nächsten Freitag kaufte sie für drei ein und wartete. Samstag und Sonntag verließ sie nicht das Haus. Sie betrachtete die Fotos auf der Kommode. Wie groß er geworden war. Und so selbständig. Dienstag wählte sie mit zitternden Fingern seine Handynummer. „Diese Rufnummer ist nicht vergeben.“ „Nein“, sagte der Nachbarjunge, „dein Handy ist nicht kaputt. Vermutlich hat Jens eine neue Handynummer.“ Sie nickte. Er hatte wohl vergessen, ihr die neue Handynummer zu geben.

Ihre Freunde schüttelten den Kopf. „Du musst doch nicht jedes Wochenende zu Hause sitzen und auf den Kerl warten. Er kann anrufen, bevor er vorbei kommt.“ Sie verstanden nicht. Er hatte noch nie vorher angerufen. So war er nicht. Eines Tages würde er einfach vor der Tür stehen. Sie würde da sein und ihm öffnen. Er würde wieder seinen Arm um ihre Schulter legen und sie kurz an sich ziehen. „Ich besuche Dich. Berlin ist nicht aus der Welt“, hatte er gesagt. Sie würde zu ihm aufschauen und lächeln. Ihr Junge! So groß! So erwachsen! So selbständig! Nein, sie würde am Wochenende nicht mehr mit ihren Freunden weggehen. Die Freunde konnte sie auch unter der Woche treffen. Aber ihren Jungen …  Was wäre sie eine schlechte Mutter, wenn sie nicht daheim wäre, wenn der Junge käme.

Den Muttertag verbrachte sie zu Hause in der Nähe des Telefons. Sie hatte Kuchen gebacken und die Türklingel kontrolliert. Manchmal trat sie auf die Türschwelle und schaute die Straße hinunter. Dabei hatte sie so ein Gefühl. Als wenn er jeden Moment käme.

Vielleicht käme er auch gar nicht an einem Wochenende. Vielleicht war er schon da gewesen. Letzte Woche. Am Dienstag vielleicht. Während sie beim Frisör war. Er hatte sie überraschen wollen, aber sie war nicht da. Bestimmt hatte ihn das enttäuscht. Oder verärgert. Bestimmt hatte er deshalb zu Muttertag nicht angerufen. Was sollte er auch von einer Mutter halten, die lieber zum Frisör geht, anstatt nur dieses eine Mal für ihren Sohn zu Hause zu sein?

So fing es an, dass sie das Haus nicht mehr verließ. Noch nicht einmal zum Einkaufen. Den Nachbarjungen freute das zusätzliche Taschengeld. „Du musst Dir helfen lassen. Das ist nicht mehr normal“, sagten die Freunde. Sie schüttelte den Kopf. Was wussten sie schon von diesem besonderen Band zwischen Mutter und Sohn. Jeden Morgen nahm sie sein Foto von der Kommode, stellte es vor sich hin und sprach mit dem Sohn. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie die Verbindung spüren. Sie konnte fühlen, dass er an sie dachte. Sie fühlte seine Sehnsucht nach ihr. Sie fühlte wie sehr er unter der Trennung litt. Wie gerne er gekommen wäre. So erwachsen. So selbständig. Jeden Morgen versprach sie ihm, zu warten, da zu sein, wenn er an ihre Tür klopfen würde. Für ihn da zu sein. Immer.

Als die Schmerzen begannen, ließ sie sich vom Nachbarjungen Schmerzmittel aus der Apotheke besorgen. Als die Schmerzen heftiger wurden, überlegte sie, ob sie den Arzt ins Haus bestellen sollte. Der Nachbarjunge war rot geworden, als sie ihn zum ersten Mal bat, Binden zu kaufen, die größte Größe und eine Flasche Korn. Die blutdurchtränkte Unterwäsche hatte sie in den Müll geworfen. Sie kannte ihren Körper. Sie wusste, was die Schmerzen bedeuteten. Der Arzt würde sie ins Krankenjaus überweisen. Operation. Mehr als acht Tage nicht zu Hause. Deshalb rief sie keinen Arzt. Sie litt. Aber es war normal für eine Mutter, zu leiden. Das war das Los der Mutter. Sie hatte ihn unter Schmerzen geboren. Es hatte sie fast zerrissen. Wieder fühlte es sich an, als würde etwas in ihr zerreißen. Fast als würde sie ihn ein zweites Mal zur Welt bringen. Sie würde auch diese Schmerzen aushalten. Nur noch diese Schmerzen aushalten, und er wäre da. Wieder bei ihr.

Der Nachbarjunge hat sie gefunden und die Eltern gerufen. Der Arzt schüttelte bedauernd den Kopf:  „Ich kann nichts mehr tun.“ „Sie müssen loslassen“, sagte der Priester. „Nein“, stöhnte sie. „Warten. Er kommt. Bestimmt.“ Sie kämpfe verbissen. Schweißnass. Stöhnte. Weigerte sich zu gehen. Ihre Schwester war da, weinte, streichelte ihre Hand:“ Es ist in Ordnung. Mach es Dir nicht so schwer.“ Mühsam hob sie den Kopf. Das Foto. „Warten!“ Ihr Blick zur Tür. Die Schwester schüttelte den Kopf: „Nein! Er wird nicht kommen. Wir haben ihn nicht einmal erreicht!“

Sie schloss die Augen. Warten. Er wird kommen. Dieses besondere Band. Er würde ihr nie verzeihen, wenn sie jetzt ging. Wenn sie ihn verließ, ohne dass er sich verabschieden konnte. Er würde ihr das nie verzeihen.

Er war auch zur Beerdigung nicht gekommen. Den Verkauf des Hauses hatte er von Berlin aus abgewickelt. Er war großzügig: Die Schwester konnte sich aus dem Haushalt nehmen, was sie wollte. Es war ihm egal.

Der Makler stöhnte, als er das Haus schon wieder zum Verkauf anbieten sollte. „Ich kann in diesem Haus nicht glücklich werden“, sagten alle, die es bewohnten, „immer wenn ich es betrete, umfängt mich diese traurige Sehnsucht.“

„Es ist ihre Seele“, vertraute die Nachbarin der Schwester an. „Ihre Seele kann das Haus nicht verlassen, sie wartet immer noch.“