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Die Wirklichkeit ist nur ein Teil des Möglichen. Dürrenmatt

25.11.1917, Sonntag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Die Friedenskundgebung endete blutig. Wir waren gerade in einer großen Gruppe von Demonstranten in die Kaiser-Wilhelm-Straße unweit des Lustgartens eingebogen, als sich uns Schutzleute entgegenstellten. Während die ersten Steine auf die Schutzleute geworfen wurden, verließ ich die Demonstranten. Fritz blieb.

In der Zeit der Weimarer Republik wurde der Lustgarten unweit des Berliner Stadtschlosses  vor allem von der Arbeiterbewegung  zu politischen Kundgebungen genutzt.

31.12.1917, Montag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Ich bin allein in meiner Stube über der Galerie. Gegenüber fahren die Droschken vor. Einige Gäste kommen auch im eigenen Wagen. Im Salon Cassirer wird zum Silvesterball geladen. Das gelbe Licht der Gaslaternen spiegelt sich auf dem feuchten Pflaster. Fritz ist mit den Leuten der Spartakusgruppe unterwegs. Radke feiert im Kreis seiner Familie. Nachmittags habe ich Kaffee gekauft und echte Butter und ein gutes Brot. Das Pfund Butter wird jetzt für achtundzwanzig Mark angeboten, wenn es überhaupt angeboten wird. Radke hat mir Schaumwein spendiert.

Der Kunstsalon Paul Cassirer war von 1901 bis 1933 in der Viktoriastraße in der Nähe des Tiergartens. Neben Ausstellungen fanden dort auch immer wieder Lesungen und Diskussionsrunden zu gesellschaftlichen und politischen Themen statt. Nach dem Tod von Paul Cassirer 1926 übernahmen  seine Mitarbeiter Walter Feilchenfeldt und Grete Ring den Kunstsalon. Die Ausstellungen moderner Kunst im Kunstsalon wurden im Berlin der Weimarer Zeit immer kontrovers diskutiert.

Die Biografie der Familie Cassirer liest sich so spannend wie ein Roman.

27.01.1918, Sonntag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

In Berlin streiken die Arbeiter für Brot und Frieden. Sogar die Elektrische fällt aus.

Was ist das für ein Mangelland! Die Auslagen der Confiserien sind mit Attrappen dekoriert. Der Fleischer hat gar Blumen ins Schaufenster gestellt. Und die Schuhgeschäfte am Kurfürsten­damm verkaufen Blusen und Ölgemälde, weil der Ledermangel keine Produktion zulässt.

15.04.1918, Montag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Wie versprochen, bin ich mit Fritz und einer großen Menge Demonstranten vom Bülowplatz in Wedding Richtung Schlossgarten marschiert. Wir skandierten:

„Frieden! Freiheit! Brot!“

Der Zug wurde von Schutzleuten aufgelöst, bevor eine Versammlung stattfand. Es gab Verletzte auf beiden Seiten.

Später saß ich mit einer kleinen Gruppe im Lustgarten und lauschte den Debatten der Kommunisten.

„Nieder mit dem Kaiser und seinen Lakaien!“

Es fällt mir schwer, mitzutun. Ich finde meine Gedanken in den gegrölten Parolen nicht wieder.

Am Bülowplatz im Scheunenviertel in Berlin-Mitte kann man gut Geschichtliches während und nach der Weimarer Republik nachforschen. Er war immer Schauplatz der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Parteien und Organisationen. Über das Scheunenviertel könnte man einen eigenen Roman schreiben. Es war ein typisches Arbeiterviertel mit Mietkasernen. Die Borsigwerke lagen gleich daneben. Die berüchtigten Ringvereine der Zwanziger Jahre waren (nicht nur) im Scheunenviertel zu Hause. Heute ist keine der ehemaligen Scheunengassen mehr in ihrer ursprünglichen Form erhalten.

Am Bülowplatz selbst steht das Karl Liebknecht Haus, seit 1926 Sitz der KPD und heute Parteizentrale der „Linke“. Die Berliner Volksbühne ist seit 1915 am Bülowplatz beheimatet. 1929 eröffnete an diesem Platz das berühmte Kino Babylon.

Nach dem Aufstieg des Nationalsozialismus wurde der Platz 1933 in Horst Wessel Platz umbenannt zur Erinnerung an Horst Wessel, Sturmführer der SA , einer der „ersten Märtyrer“ des Nationalsozialismus. Nach dem 2. Weltkrieg  hieß der Platz zunächst Liebknechtplatz, dann Luxemburg Platz und schließlich ab 1969 Rosa Luxemburg Platz.

„Denkzeichen“ am Boden des Platzes mit Zitaten von Rosa Luxemburg erinnern an die Weggefährtin Karl Liebknechts. Außerdem weist eine Infotafel auf die ehemalige Bedeutung des Scheunenviertels hin.

 

25.09.1918, Mittwoch aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Ich habe Fritz’ Eltern in der Elsenstraße in Neukölln aufgesucht. Eine triste, traurige Wohngegend. Müde, blasse Menschen, kümmerliche Kinder. Nie zuvor war ich in einer dieser riesigen Mietskasernen der Fabrikarbeiter. Das Vorderhaus ist recht repräsentativ. Es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den feudalen Bürgerhäusern. Viele der Fenster mit Gardinen. Auf Kissen gestützt lehnen sich Frauen aus geöffneten Fenstern, derbe Gesichter. Sie beobachten das Treiben auf der Straße. Warten auf ein bisschen Abwechslung, immer aufgeschlossen für eine kurzes Gespräch mit dem, der die Straße entlang kommt. Hier zu wohnen bedeutet schon einen gewisse Vornehmheit. Einfache Arbeiterfamilien indes wohnen in einem der vielen Hinterhäuser, die man von der Straße aus nicht sieht. Die Eingänge zu den engen Treppen liegen in den düsteren Hinterhöfen. Hier trifft kein Sonnenstrahl den feuchten, vermüllten Boden

Mit ein bisschen Phantasie kann ich sie mir noch vorstellen: die tristen Hinterhöfe in der Elsenstraße – auch wenn die Hinterhäuser inzwischen abgerissen wurden.

09.11.1918, Sonnabend aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Um vierzehn Uhr sprach Phillip Scheidemann vom Balkon des Reichstags:

„Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammen­gebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die Deutsche Republik.“

Hurrarufe. Hüte flogen in die Luft. Jubel.

Die Menschen vor dem Reichstag erzählten, Karl Liebknecht habe am Stadtschloss, keine zwei Kilometer von hier, die freie sozialistische Republik ausgerufen.

Ich denke an Fritz. Ob ihn die Nachricht vom Abdanken des Kaisers im Gefängnis erreicht?

Während ich dies schreibe, höre ich draußen Maschinengewehrfeuer. Am Stadtschloss, vielleicht auch am Reichstag wird geschossen. Sie kämpfen darum, wer den Kaiser beerbt.

Vom Berliner Stadtschloss Portal IV aus hat Liebknecht zu den versammelten Menschen im Lustgarten gesprochen. Von diesem Portal aus hielt auch Kaiser Wilhelm seine berühmte Balkonrede zum Beginn des 1. Weltkrieges.

Im Informationspavillon zum Berliner Stadtschloss wird  der Bereich um das Schloss als Modell gezeigt. Geschichtskundige Mitarbeiter des Humboldt-Forums beantworten geduldig und mit viel Engagement sämtliche Fragen.

16.12.1918, Montag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Berlin schmückt sich für die Rückkehr der Truppen. Girlanden am Potsdamer Platz. Fahnen und Flaggen Unter den Linden. Eine Division marschierte in gewohnter preußischer Ordnung durch das Brandenburger Tor. Die Offiziere zu Pferd vorneweg. Soldaten mit Stahlhelm, ordentlich gekleidet, manche verwundet, aber wohl versorgt, Blumensträuße am Gewehr. Ich stand inmitten einer großen Menschenmenge. Manche waren gar auf die kahlen Linden geklettert, um die Marschierenden besser zu sehen. Wie schwarze Krähen saßen sie in den Ästen. Alle begrüßten die Soldaten winkend, mit Fähnchen. Aber die Hurra-Rufe klangen verhalten, fast schüchtern.

Die Straße der großen Aufmärsche: Vom Brandenburger Tor – Unter den Linden – Schlossplatz.

Hier in einem Modell im Humboldt Forum am Schlossplatz.

28.12.1918, Sonnabend aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Ich begleitete Fritz zum Leichenbegräbnis der getöteten Matrosen. Berlin ist in Grau gehüllt. Wohin man schaut, säumen feldgraue Militärmäntel den Weg. Es regnet ohne Unterlass aus grauen Wolken. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich im Lustgarten versammelt. Kränze und Blumen in Rot und Weiß wurden niedergelegt. Delegierte aller deutschen Spartakusgruppen trafen sich heute in Berlin.

In der Zeit der Weimarer Republik wurde der Lustgarten unweit des Berliner Stadtschlosses  vor allem von der Arbeiterbewegung  zu politischen Kundgebungen genutzt.

16.01.1919, Donnerstag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Das BT meldet: Liebknecht und Rosa Luxembourg getötet.

Liebknecht sei auf der Flucht erschossen worden, während die Volksmenge Rosa Luxemburg umgebracht habe.

Ich traf Fritz im Excelsior, wo er bei den Spartakisten saß. Er war außer sich:

„Ebert und Noske haben Liebknecht niederträchtig ermorden lassen.“

Eine Brücke in der Nähe des Stadtschlosses wurde nach Karl Liebknecht benannt. Mehrere Bildtafeln informieren über den Gründer der KPD.

07.01.1919, Dienstag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Immer wieder Straßenkämpfe und Demonstrationen im Zeitungsviertel.

Ein Maschinengewehrstand in der Schützenstraße. Ein junger Mann mit gewöhnlicher Straßenkleidung, in grauem Anzug und Fedora-Hut, führt die Munition zu. Fabrikarbeiter haben sich hinter Papierbarrikaden verschanzt. Extrablätter fordern die Sozialisten zu Demonstrationen auf.

Auch heute sind im ehemaligen Zeitungsviertel in Berlin die großen Verlagshäuser ansässig.