Archiv der Kategorie: gedacht

Kurztexte, Sprüche

Weltuntergang

organischMorgenkaffee.
Tageszeitung.
Alles okay.
Anscheinend hat der Weltuntergang gestern nicht stattgefunden.
Oder vielleicht doch?
Vielleicht haben sie alle recht.
Die Propheten, die Mayas, Nostradamus.
Es sind schon viele Welten untergegangen.

Immer geht irgendwo
für irgendwen
die Welt
unter.

Vielleicht sind unsere Alpträume und Ängste
ein Echo dieser Weltuntergänge.

Tegel

TegelTegel ist laut.
Das allgegenwärtige Donnern der Düsenjets.
Ein Werktag. Geräuschvolle Alltagsbeschäftigungen. Hämmern. Sägen. Leere Glasflaschen werden umgeräumt. Telefonate geführt. „ Nein – ja – alles klar – bis dann“. Zwei Nachbarn streiten auf offener Straße. Ihr Streit hat Tradition. Da ist von gestern, vorgestern, letzter Woche die Rede.
Motorboote auf dem Tegeler See.
Tore fallen scheppernd ins Schloss. Türen werden geschlossen, Autos gestartet. Kisten polternd ausgeräumt. Das Holpern der Lastwagen auf dem Kopfsteinpflaster. Ein Auto mit leerem Bootsanhänger erinnert an ein Pferdegespann. Die Fahrräder haben es nicht leicht auf dem groben Pflaster.
Wieder ein Flugzeug. Die Hotelgäste auf dem Flur unterhalten sich. Zimmertüren fallen ins Schloss. Mein Hund knurrt leise. Er hat das Hotelpersonal gehört. Eine fremde Sprache. Routinearbeiten: Putzen, Staubsaugen, Lüften.
Wieder ein Flugzeug. Und Vogelgezwitscher. Fiepen, Schnattern, Rufen, Trällern. Der Nymphensittich auf dem Balkon nebenan fordert Gesellschaft. Der Wind in den Blättern erinnert an einsetzenden Landregen.
Wieder ein Flugzeug. Gibt es einen Unterschied zwischen startenden und landenden Maschinen?
Während ich auf die nächste warte, lullt Tegel mich ein.
Die Geräusche zerfließen, laufen ineinander. Ein Aquarell aus Klängen.
Dazwischen wie bunte Farbtupfer: die startenden und landenden Jets.

Fensterblicke

Bearbeitete Bilder-83Die große Pinnwand ist mit einer Weltkarte bedruckt. Meine Kinder haben sie mir vererbt. Diese Weltkarte ist eines der Fenster in dem kleinen Schreibzimmer unter dem Dach.
Ein Blick auf die ganze Welt.
Nur drei Notizen hängen an dieser Pinnwand. Ich wollte die Weltkarte nicht mit Zetteln zuhängen.
Ein Foto zeigt die schwarze Silhouette eines fliegenden Vogels vor dem blauen, wolkenlosen Himmel. Man erkennt die Gattung nicht, aber ich weiß, es ist eine Möwe. Sie hat mir einen Vormittag lang Gesellschaft geleistet, damals in Holland. Ich habe ein Zitat von Dürrenmatt dazu geschrieben: „Die Wirklichkeit ist nur ein Teil des Möglichen.“
Dies ist mein zweites Fenster, mein zweiter, mein anderer Blick auf die Welt.
Und noch ein Foto habe ich unten in den Südpazifik gepinnt, wo es nichts verdecken kann. Schwarzweiß. Die Vergrößerung eines Bildausschnittes. Grobkörnig. Verschwommen. Ein Stilleben. Es zeigt den Teil einer Küchenkommode aus den 50ger Jahren, darauf eine Tasse, ein Glas, ein Geschirrhandtuch und eine zusammenfaltete Zeitung. Auch dieses Foto habe ich beschriftet: „Was bleibt?“
Mein drittes Fenster, mein Blick in die Vergangenheit.
Und mehr: „Was bleibt“ ist auch der Titel eines Liedes. Immer, wenn ich diese beiden Worte lese, höre ich seine Melodie, erinnere ich mich an seinen Text, öffnet sich für mich ein weiteres Fenster: Das Fenster zu den Liedern eines Liedermachers, dessen Texte mich seit mehr als 20 Jahren begleiten.
Wenn ich von der Pinnwand aufblicke, sehe ich mein liebstes Fenster. Das große Dachfenster mit dem Blick auf den niemals gleichen Himmel. Ich habe es, wie fast immer, einen Spalt geöffnet. Ich mag den geschäftigen Lärm, die Stimmen der spielenden Kinder, das Vogelgezwitscher, das leise stetige Rauschen der Autobahn bei Ostwind, das leise Dröhnen der Baumaschinen vom nahen Industriegebiet, das Brummen des Rasenmähers meines Nachbarn. Der Wind trägt den herben Duft des frischgemähten Grases zu mir nach oben. Und noch etwas liegt in der Luft: jemand kocht ein deftiges Mittagessen. Es riecht nach gebratenen Zwiebeln. Eine gute Idee! Es wird Zeit.
Bevor ich meine kleine Schreibkammer verlasse, noch ein kurzer Blick auf die dritte Notiz an der Pinnwand: ein Din A 4 Blatt: die Kopie eines illustrierten Gedichtes von Wilhelm Busch „Der fliegende Frosch.“ Eine sanfte Mahnung.

Das Opfer

the lost gardens of Heligan  07.10.2012 11-32-16 07.10.2012 12-01-01„Er hat sich für uns geopfert.“
„Wir dürfen das nie vergessen.“
Es schien, als würde eine unbestimmte Brise die Blätter aller Bäume des Waldes im gleichen Rhythmus bewegen. Es schien, als ginge ein großes, einziges Zittern durch den Wald. Der Boden vibrierte, als würde sich das Echo des Aufpralls durch das gesamte Erdreich fortsetzen.
„Zwei von ihnen hat er getötet.“
„Aber das wird sie nicht aufhalten.“
„Es werden andere kommen.“
Sie hatten die Eindringlinge schon von weitem gehört. Ihren widerlichen Gestank gerochen. Die Schreie der Kleinen waren kaum zu ertragen. Kaltherzig, rücksichtslos getötet, nur weil sie im Weg waren.
„Die Taten einzelner reichen nicht aus.“
„Wir müssen handeln.“
„Gemeinsam.“
„Endgültig.“

Tödlicher Unfall bei Waldarbeiten wirft Fragen auf
Pressemitteilung vom 31.09.2013 – 13:55 Uhr
HARVESTER, Landkreis WILDACHE. Ein umstürzender Baum tötet zwei Waldarbeiter.
Die Waldarbeiter hielten sich am frühen Nachmittag in einen Waldgrundstück bei Wildache auf, als die Eiche umfiel und zwei von ihnen unter sich begrub. Der alarmierte Notarzt konnte bei Eintreffen am Unfallort nur noch den Tod der Männer feststellen.
Der Kriminaldauerdienst der Kripo Wildache hat weitere Ermittlungen aufgenommen. Bisher konnte nicht geklärt werden, warum der offensichtlich gesunde Baum ohne äußere Einflüsse den Halt verlor und auf die beiden Waldarbeiter stürzte. Die beiden Männer waren mit Baumfällarbeiten mit schwerem Gerät in der Nähe der Unglücksstelle beschäftigt gewesen und hatten gerade Pause gemacht.

Pressekommentar

Die Rache des Waldes?
Erstaunlich ist, dass die Zahl der tödlich verunglückten Waldarbeiter in den letzten Jahren trotz umfassender Arbeitsschutzmaßnahmen kontinuierlich steigt. Mittlerweile gehört der Beruf des Waldarbeiters laut Statistik zu den gefährlichsten Berufen der Welt.
Viele belächeln sogenannte Verschwörungstheorien, die behaupten, der Wald räche sich für die Abholzung und einzelne Bäume opferten sich wie Selbstmordattentäter, um die unerwünschten Eindringlinge zu vernichten.
Aber neue Forschungsergebnisse in der Neurobiologie über die Intelligenz und Sinneswahrnehmung der Pflanzen machen zumindest nachdenklich.

Dialog, Pressemitteilung und Pressekommentar entstammen der Fantasie des Autors.

Die Fantasie des Autors wurde allerdings von einem interessanten Artikel in der Zeitschrift PM angeregt. Lest ihn, ihr werdet überrascht sein!

P.M. Magazin, Welt des Wissens , Ausgabe 03/2013 „Wenn Pflanzen zurückschlagen“

Alle Jahre wieder

CIMG0957Alle Jahre wieder ziehen die selbsternannten Retter des wahren Schoko-Bischofs mit gespitzten Krummstäben, Mitra-behütet in einen edel-bitteren Glaubenskrieg.

Alle Jahre wieder werden Zonengebiete ausgerufen, die kompromisslos von Weihnachtsmännern frei zu halten sind.

Getreu dem Motto: „Es kann nur einen geben“,  soll er, einzig aufgrund seiner Herkunft, aus den Kinderzimmern vertrieben, von den Gabentellern verbannt und am besten direkt an der Weihnachtsgrenze zur Umkehr gezwungen werden.

Alle Jahre wieder wird uns die Weihnachtsmann-Apokalypse prophezeit, wenn wir weiter unreflektiert Schoko-Nikoläuse im falschen Dress kaufen, um unseren Lieben eine Freude zu machen.
Wie kann ein Nikolausabend mit gemütlichem Beisammensein, mit Gesang und Bratäpfeln gelingen, wenn der Schoko-Nikolaus die falsche Mütze auf hat?

Wie können wir unseren Kindern glaubhaft von der Freigiebigkeit und Großzügigkeit des Hl. Nikolaus berichten, wenn unser Weihnachtsmann zwar einen Sack mit den Gaben auf dem Rücken trägt, aber keinen Bischofsstab vorweisen kann?                                                                                                                                                                                                       Wie können wir am Nikolausabend die spontane Freude unserer Kinder genießen ohne sie darüber aufgeklärt zu haben, dass der Weihnachtsmann bei uns nichts verloren hat, dass man ihn ausweisen muss, weil er nach Amerika gehört, weil die ihn schließlich erfunden und auf unheimliche Weise in riesigen Trucks bei uns einschleust haben …
damit er …. was genau macht? Die Kinder beschenkt? … Freunde bei einer Feier zusammen führt? … Gedichte aufsagen lässt? … sich Lieder anhört? …. Freude bringt? … menschliche Wärme schenkt?…

Nikolaus, Bischof von Myra wird als großzügig und tolerant dargestellt. Dass die Legenden um den Hl. Nikolaus nicht allein den Bischof von Myra beschreiben, sondern auch einem Abt aus dem Kloster zu Myra zugeschrieben werden, hat die Fangemeinde bisher nie gestört.

Was würden die Beiden wohl zum Weihnachtsmann sagen?

„Kollege ?“

Lukas

Bearbeitete Bilder-131Blitzschnell schlug Lukas zu. Einmal … zweimal … in das überraschte Gesicht seines Gegenübers. Sein Schlag hinterließ die typischen blutigen Spuren eines Schlagringes auf dem Wangenknochen des Anderen. Dann traf Lukas Faust ihn an der Schläfe und der Neue, der es gewagt hatte , sich ihm entgegenzustellen, ging zu Boden. Lukas trat ihm hart in den Unterleib. Sein Gegner krümmte sich vor Schmerzen. Der Junge holte weit aus und trat mit seinen schweren Stiefeln und mit aller Kraft noch einmal zu … in die Nieren. Der Andere stöhnte auf.
„Noch irgendwelche Fragen?“
„HAST… DU… NOCH… IRGEND…WELCHE …FRAGEN? …DU… WICHSER!“ Jedes seiner Worte unterstrich Lukas mit einem Tritt gegen den Körper seines Gegners. Dann zog er den Kopf des Anderen an den Haaren nach oben: „Ich habe dich etwas gefragt!“
„Nein“, stöhnte der Andere.
„Gut.“ Der Junge stieß den Kopf auf das Pflaster zurück.
Fast war er ein wenig enttäuscht über die geringe Gegenwehr des Anderen. Lukas liebte es, zu kämpfen. Das gespannte Kribbeln in seinem Körper, wenn er ganz wach und ganz konzentriert die Aktionen des Gegners beobachtete. Selbst die Schmerzen liebte er. Sie gaben ihm das Gefühl, hundertprozentig zu leben, sich selbst ganz zu spüren. Und dann dieser Moment, wenn er den Gegner endgültig besiegt und gedemütigt hatte, dieses Gefühl der Überlegenheit und der Stärke, diese Gefühl war besser als jeder Rausch und befriedigte ihn mehr als jeder Orgasmus.
Hier war seine Straße, hier war er der Boss. Alle hatten Respekt. Und er wusste, wenn das so bleiben sollte, dann durfte er keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gehen und keinen Kampf verlieren.

Lukas hatte gerade die Haustür des alten, heruntergekommenen Miethauses geöffnet, als er ein leises Winseln hörte. Er ging die drei Stufen der Eingangstreppe wieder hinunter und sah sich suchend um. Da war es wieder, dieses zarte, ängstliche Winseln. Suchend ging er auf den verwilderten Busch neben dem Haus zu. Er bückte sich und schob vorsichtig die unteren Zweige beiseite.
Unter dem Busch hatte sich eine kleine Hündin versteckt.
„Ja was ist denn mit dir?“ flüsterte der Junge. Langsam, um die Hündin nicht zu erschreckten, strecke er die offene Hand mit der Handfläche nach oben der Hündin entgegen. Er gab ihr genügend Zeit, sich an seinen Geruch zu gewöhnen und hoffte, sie würde merken, dass von ihm keine Gefahr ausging. Beruhigend sprach er auf das verängstigte Tier ein.
„Was ist denn los mit dir? Warum weinst du denn so? Hat dir jemand wehgetan?“
Zärtlich berührte Lukas den Kopf der Hündin und kraulte sie liebevoll hinter den Ohren. Er war nun ganz unter den Busch gekrochen und hatte sich neben die Hündin gehockt. Vorsichtig untersuchte er den Körper der Hündin.
„Da hat dich aber jemand übel zugerichtet.“ Schnell hatte der Junge die eitrige Wunde an der Schulter der Hündin entdeckt. „Weißt du, Kleine, das muss behandelt werden. Das müssen wir sauber machen. Am besten, ich nehme dich mit nach drinnen. Du wirst doch auch sicher Hunger haben.“
Behutsam nahm er die kleine Hündin hoch. Er öffnete geschickt die Haustür und trug die Hündin hoch in seine kleine Wohnung. Mit der freien Hand nahm er seine Bettdecke und trug sie in die Küche.
„Am besten, du wohnst erst einmal in der Küche. Da ist es schön warm. Weißt du, ich habe keine Kohlen mehr für den Ofen, aber in der Küche kann ich den Backofen anmachen, dann wird es gleich warm.“
Lukas richtete der Hündin ein gemütliches Lager in der Küche ein. Geschickt säuberte er ihre Wunde. Geduldig ließ die Hündin alles über sich ergehen. Sie fühlte, dass der Junge ihr helfen würde und dass von ihm keine Gefahr ausging.
„Da“, Lukas stellte ihr eine Schüssel mit Wasser hin. Dann fütterte er die Hündin mit dem letzten Rest Hackfleisch, den er noch im Kühlschrank gefunden hatte. „Morgen gucken wir, dass wir Hundefutter für dich auftreiben, Kleine.“
Die Hündin trank und fraß und rollte sich dann zufrieden zusammen. Der Junge blieb neben ihr sitzen und streichelte liebevoll über das hellbraune Fell.
Lukas war neben der Hündin eingeschlafen, als ihn das Läuten der Türklingel aufschreckte.
„Scheiße!“ Der Junge stand auf und hastete zur Tür. Er öffnete die Tür nur einen Spalt, um zu sehen, wer davor stand.
„Hallo Lukas! Kannst du mich mal hereinlassen. Wir müssen dringend über dein Verhalten in den letzten Tagen reden.“
„Einen Scheißdreck werde ich! Hauen Sie ab!“ Lukas lehnte fest gegen die Tür, bereit, die Frau vom Jugendamt sofort zurückzudrängen sobald sie einen Versuch unternehmen würde, die Tür ganz zu öffnen.
„Verschwinden Sie! Ich habe echt keine Zeit für ihr blödes Gelaber!“
„Lukas, du weißt, dass du mit mir reden musst und dass du mich auch in die Wohnung lassen musst!“
„Und wenn nicht? Wollen Sie sich mit mir anlegen? Hauen Sie ab. Gehen sie Kaffee trinken mit den anderen Psychofuzzies!“
Wütend schlug Lukas die Tür zu.
„Gut, du hast es so gewollt. Ich gebe dir Zeit bis morgen, falls du mir dann immer noch nicht öffnest, stehe ich übermorgen mit der Polizei vor der Tür!“
„Fick Dich! Blöde Fotze!“ Das dünne Sperrholz der Tür splitterte als Lukas mit der Faust dagegen schlug.
Aus der Küche kam ein leises Winseln. Schnell war Lukas bei der Hündin. „Schon gut, meine Kleine, habe ich dich erschreckt?“ Lukas kniete neben der Hündin und kraulte sie liebevoll hinter den Ohren.
„Nun können wir uns gegenseitig verarzten“, lächelte er, als ihm die Hündin das Blut von den Fingerknochen der rechten Hand leckte.

Ein Morgen

Bearbeitete Bilder-56„Fahrt nur, ich komme schon alleine klar“, hatte er seiner Tochter und dem Schwiegersohn versichert, als sie ihm anboten noch ein paar Tage zu bleiben. Ich komme schon alleine klar…. Alleine… Gestern hatte er sogar daran geglaubt. Aber heute Morgen? Klaus hatte die Nacht auf dem Sofa verbracht. Er hatte versucht, im Bett zu schlafen, aber er konnte die Leere neben sich nicht ertragen. Irgendwann, als es draußen endlich dämmerte, war er aufgestanden und hatte im Bademantel begonnen, den Frühstückstisch zu decken. Klara mochte es nicht, wenn er beim Frühstück nicht angezogen war. „Was ist, wenn jemand zu Besuch kommt?“ hatte sie immer gefragt. Aber heute würde niemand kommen. Und falls doch, würde er nicht öffnen. Klaus stellte eine Tasse und einen Teller an seinen Platz. Dann holte er den Kaffee, das Brot, die Butter und die Marmelade aus der Küche. Er überlegte kurz, ob er die Morgenzeitung dazu legen sollte, aber eigentlich interessierte ihn nicht, was in der Welt geschah. „Fahrt nur, ich komme schon alleine klar“, hatte er seine Tochter beruhigt, gestern am Tag der Beerdigung. Sie würde ihm ohnehin nicht helfen können. Was wusste sie denn schon? Seit Jahren war sie nur noch zu Weihnachten gekommen. Wie still es im Haus war ohne Klara. Müde stand Klaus auf und schaltete das Radio an und gleich darauf wieder aus. Dann saß er da, ein Marmeladebrot vor sich auf dem Teller und starrte auf den leeren Platz. Ihren Platz. „Es fühlt sich an, als würde sie gleich aus der Küche kommen. Aber sie wird nicht kommen. Nie mehr.“ Klaus atmete ein paar Mal tief ein und aus. Dann stand er auf und trug seinen Kaffeebecher ins Wohnzimmer. Nie zuvor hatte er sich so erschöpft gefühlt.

Ritual

RitualUm es gleich voraus zu schicken: Ich mag keine Hühner. Noch nicht einmal als Hühnersuppe.
Trotzdem führt mein Weg jeden Morgen als Erstes, noch vor dem Frühstückskaffee, zu einem Hühnerhof. Raus aus dem Haus, 50 Meter die Straße hoch, 100 Meter den schmalen Fußpfad entlang.
Und dann stehe ich 5 Minuten da und betrachte die Hühner. Manchmal bin ich zu früh, dann betrachte ich nur den Hühnerhof ohne Hühner. Manchmal, meistens wenn die Hühner noch nicht da sind, spiele ich ein Spiel: ‚Was ist anders? ‘
Der Hühnerhof muss einem Menschen mit viel Zeit und einer großen Zuneigung für Hühner gehören. Jeden Morgen ist etwas anders, besser. Da ein Unterstand. Dort eine Leiter, eine Hühnerleiter. Drüben ein rotweißes Flatterband gegen den Habicht. Veränderbare Zäune, die die Hühner auf verschiedene Teile der Wiese leiten. Habe ich erwähnt, dass die Hühner in einem alten Bauwagen wohnen?
Jeden Morgen besuche ich also die Hühner.
Der Grund: Mein Hund mag Hühner.
Und wir haben eine Abmachung: morgens darf er die Route bestimmen und dafür bringt er die Sache mit dem Gassi gehen relativ zügig hinter sich. Jeden Morgen steht mein Hund am Zaun zum Hühnerhof. 5 Minuten. Regungslos. Auf drei Beinen. Die Sache ist so spannend, dass er unmöglich auch die vierte Pfote aufsetzen kann. Wenn die Hühner da sind, kommuniziert er mit ihnen. Lautlos. Durch Blickkontakt. Mit jedem einzelnen Huhn. Auch die Hühner, vom Blick meines Hundes eingefroren, setzen  ein Bein nicht auf. Ich hätte nie gedacht, dass Hühner so lange auf einem Bein stehen können.
Wenn keine Hühner da sind, steht mein Hund auch 5 Minuten am Zaun. Dreibeinig.
Ob er das Spiel spielt?
Jeden Morgen beginne ich den Tag mit einem Besuch beim Hühnerhof. Obwohl ich keine Hühner mag.
Eigenartig, wie es uns in Rituale einbindet, das Leben.