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Die Wirklichkeit ist nur ein Teil des Möglichen. Dürrenmatt

01.01.1920, Donnerstag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Mit großem Spektakel hat Berlin das neue Jahr begrüßt.

Ich habe Ernst zum Silvesterball im Palmensaal des Esplanades begleitet. Zwar gibt es seit März als Folge des Belagerungs­zustandes wieder ein Tanzverbot, aber die Berliner kümmert das wenig. Es war turbulent. Ernst ist ein guter Tänzer, er könnte im Esplanade wohl auch Geld als Eintänzer verdienen.

Das Hotel „Esplanade“ war ein beliebter Treffpunkt der wohlhabenden Berliner Gesellschaft. Es wurde im 2. Weltkrieg zum großen Teil zerstört. Der Potsdamer Platz ist heute mit dem Sony Center ein Wahrzeichen des modernen Berlin. Wer genau hinschaut, kann jedoch noch Reste des alten Hotel Esplanade entdecken. Überreste davon wurden in die Fassade des Sony Centers integriert. Wir durften sogar einen Blick in den Palmensaal werfen.

 

13.01.1920, Dienstag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Die Arbeiter demonstrierten am Mittag auf dem Königsplatz. Sie fürchten um ihre Rechte. Es war eine große Menschenmenge, Männer und Frauen. Selbst auf meinem Heimweg durch den Tiergarten traf ich noch auf Demonstranten. Die Stimmung war angespannt und gereizt, auch Schüsse fielen.

Später berichtete das Berliner Abendblatt von zweiundvierzig Toten und vielen Verletzten. Politiker von USPD und KPD wurden verhaftet.

Auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik  ( hier vom Reichstagsgebäude aus betrachtet ) stand damals die Siegessäule.  Sie wurde während der Herrschaft der Nationalsozialisten auf ihren heutigen Standort auf den Stern im  Berliner Tiergarten versetzt.

Zur Zeit wird in Berlin diskutiert, ob man das Einheitsdenkmal, die sogenannte Einheitswippe, auf den Platz  vor den Reichstagsgebäude  baut.

18.03.1920, Donnerstag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Extrablatt: Die Putschisten sind geschlagen. Die alte Regierung kehrt nach Berlin zurück.

Ich war am Brandenburger Tor. Viele waren da, um den Rückzug der Brigade unter Fahnen und Gesang zu sehen. Dann gab es Buhrufe aus der Menge. Die Soldaten antworteten mit Maschinengewehrfeuer. Tote und Verletzte blieben auf dem Pflaster des Pariser Platzes zurück

06.06.1920, Sonntag, Wahltag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

„Heute wurde die erste republikanische Reichstag gewählt. Mir scheint, dass weniger zur Wahl gingen als vor eineinhalb Jahren. Die Straßen waren ungewöhnlich ruhig für Berlin an diesem Morgen“

Es war die zweite Wahl in der Weimarer Republik und die erste Wahl zu einem deutschen Reichstag.Schon zu diesem Zeitpunkt mussten die Parteien der Weimarer Koalition um Stimmen kämpfen.
„Die Wahl zeigt, wie unzufrieden das Volk mit der Regierung ist. Diejenigen, die die Republik tragen sollen, die Parteien der Weimarer Koalition, schreiben die meisten Verluste.“

 

15.07.1920, Donnerstag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Werner und ich haben die Dada-Messe der Galerie Burchard am Lützow-Ufer besucht und dort die surrealen, grotesken Exponate von Rudolf Schlichter, Max Ernst, Otto Dix und George Grosz gesehen.

Radke verurteilte die Ausstellung mit harten Worten:

„Ein Schaffen, das ausnahmslos gegen alles wirkt, das alles bekämpft, alles ins Lächerliche zieht, das keine Blasphemie und Beleidigung auslässt, ist nicht als Kunst zu betrachten. Es ist richtig, dass man versucht, gegen diese Leute vorzugehen. Heartfield und Schlichter gehören wegen Gotteslästerung und Beleidigung vor ein Gericht. Der preußische Erzengel gehört als Müll verbrannt, diese Figur hat absolut nichts mit Kunst zu tun.“

Ich denke, wenn ein Werk die Sicht des Künstlers auf die Beschaffenheit der Welt darstellt, selbst wenn er ungewohnte Mittel wählt, um diese neue, verwirrende Welt dem Betrachter zu vermitteln, dann hat er ein Kunstwerk erschaffen. Selbst wenn diese Kunst den Betrachter schmerzt oder beleidigt. Ich bin gewillt, die Dadaisten als Künstler ernst zu nehmen, allerdings scheint es mir, als würden sich manche selbst nicht ernst nehmen. Eine Kunst, die alles verneint, selbst ihre eigene Berechtigung als Kunst, ist eine schwierige Kunst.

Mich erinnert diese Kunst an den Krieg. Zerfetze, unvollständige Körper. Das Stakkato der dadaistischen Sprache weckt die Erinnerung an das akustische Inferno der Kriegsfront. Es ist aber eine Erinnerung, die ich fliehen möchte, ein Kunsterlebnis, das mir nicht dabei hilft, die Erinnerung an den Krieg zu verarbeiten. Allerdings geben Kritiker an, der Dadaismus wolle weniger den vergangenen Krieg als die gegenwärtige Welt beschreiben. Die hektische Arbeit in den Fabriken, die schrillen Vergnügungen, den zunehmenden Verkehr der Großstädte.

 

Die Erste Internationale Dada-Messe fand im Juli/August 1920 in Berlin statt und wurde von der Galerie Buchard (Lützowufer 13) veranstaltet. Später unterhielt Alfred Flechtheim am Lützowufer 13 eine Kunstgalerie mit überwiegend avantgardistischer Kunst. Leider erinnert vor Ort heute nichts mehr an diese besondere Zeit der großen Galerien und Galeristen.

Kunstwerke des Berliner Dadaismus stellt die Berlinische Galerie aus.

 

 

 

20.06.1921, Montag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

„Radke ist mit den Kunstmappen einverstanden. Aber das Journal lehnt er ab. Er möchte kein Blatt, das Kunst mit Sport und schlüpfrigen Revuedarbietungen verbindet. Der Querschnitt sei billiges Judenwerk, dem man ganz bestimmt nicht folgen müsse.“

Alfred Flechtheim, angesehener Galerist, Kunsthändler, Kunstsammler  und Verleger in Berlin war ein Förderer insbesondere der  avangardistischen Kunst. Mit dem „Querschnitt“ beschritt er neue Wege, indem er populär gesellschaftliche Themen aus Sport und Varieté mit Berichten über Kunst in einer Kunstzeitschrift vereinte. Der Jude Alfred Flechtheim erkannte die Gefahr des Nationalsozialismus schon früh. Sein Engagement für die Moderne Kunst führte außerdem zu ständigen Anfeindungen durch die Nationalsozialisten, so dass er Deutschland bereits im Mai 1933 verließ.

Alfred Flechtheim unterhielt eine Kunstgalerie am Lützowufer13, in der ehemaligen Galerie Burchard, wo 1920 die erste Dada-Messe stattfand. Die Biografie Alfred Flechtheims liest sich wie ein Roman und überzeugt durch zahlreiche farbige Abbildungen der Kunstwerke aus seiner Sammlung.

11.08.1921 aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Elsa, Margarete, die Mädchen und ich waren bei der Feier des Verfassungstages zum Reichstag. Vor dem Reichstag ein Volksfest mit Militärmusik. Die Kinder scharten sich um einen Straßenhändler, der in einem Glaskasten über offener Flamme Maiskörner röstete. Schneeflocken. Mit Himbeersirup übergossen sind sie die neue Köstlichkeit dieses Sommers. Ein buntes Fest. Die Menschen trugen leichte Sommerkleider. Zwei riesige Masten mit schwarz-rot-goldenen Fahnen schmückten den Platz. Alle Türen des Reichstags waren geöffnet. Ernst war drinnen, um für die Illustrierte Wochenzeitung zu berichten.

Stellt Euch den riesigen Platz vor dem Reichstag voller Menschen vor. Der Verfassungstag war im Berlin der Weimarer Zeit zumindest in den ersten Jahren ein großes Volksfest. Später kamen dann immer mehr auch  Demonstrationen und Ausschreitungen am Verfassungstag dazu.

24.09.1921, Sonnabend aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Ernst lud uns zum ersten Autorennen auf der Avus in den Grunewald ein. Sogar Margarete ließ die Mädchen bei der Kinderfrau und begleitete uns. Wir waren heiter und ausgelassen wie schon seit langem nicht mehr. Auch das Wetter spielte mit, die Sonne schien am wolkenlosen Himmel. Elsa war begeistert. Sie überlegte, ob sie auch ein Auto lenken könne.

„Es ist wohl keine Hexerei. Immerhin sagt man, dass die Tochter des reichen Stinnes sogar an Autorennen teilnimmt. Ja, man munkelt, dass Stinnes die Rennstrecke eigens finanzierte, um seiner Tochter einen Gefallen zu tun.“

Darauf griff Ernst in die Jackentasche und nahm zehn Mark heraus:

„Hier“, er legte den Schein vor Elsa auf den Tisch, „die Gebühr für ein einmaliges Durchfahren der Rennstrecke. Ich schenke ihn dir, wenn es dir gelingt, bis zum Frühjahr eine Fahrerlaubnis zu bekommen.“

Elsa schlug lachend ein. Wir verabredeten uns in sechs Monaten auf der Avus, um Elsas erstes Rennen zu beobachten.

Heute ist die Avus ein Teilstück der A 115. Der Name der Raststätte und eines Motels erinnern an die erste Rennstrecke Deutschlands.

01.10.1921, Sonnabend aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Flechtheim eröffnete wieder eine Galerie. Am Lützow-Ufer, in den gleichen Räumen, in denen im letzten Jahr die Dada-Ausstellung von Burchard war.

Ich habe Werner bei der Eröffnungsausstellung getroffen. Unstet. Unzufrieden, wie immer. Er ist häufig um Flechtheim in den letzten Wochen. Werner hofft, dass er bei dem außergewöhnlichen Galeristen unter Vertrag kommt.

Die erste Ausstellung gibt sich eher konservativ, trotzdem modern. Flechtheim zeigt deutsche und französische Kunst aus dem 20. Jahrhundert. Sogar Radke war angetan von der geschmackvollen Hängung. Es sei nur ein wenig zu viel Franzosenkunst. Flechtheim vertritt Picasso und Braque, herausragende Maler des französischen Kubismus, auch wenn es heißt, dass sich Braque nach seiner Verwundung im Fronteinsatz 1915 von seinem Freund Picasso und dem Kubismus abgewandt habe.

Alfred Flechtheim, angesehener Galerist, Kunsthändler, Kunstsammler  und Verleger in Berlin war ein Förderer insbesondere der  avangardistischen Kunst. Mit dem „Querschnitt“ beschritt er neue Wege, indem er populär gesellschaftliche Themen aus Sport und Varieté mit Berichten über Kunst in einer Kunstzeitschrift vereinte. Der Jude Alfred Flechtheim erkannte die Gefahr des Nationalsozialismus schon früh. Sein Engagement für die Moderne Kunst führte außerdem zu ständigen Anfeindungen durch die Nationalsozialisten, so dass er Deutschland bereits im Mai 1933 verließ.

Heute erinnert nichts mehr an die Galerie am Lützowufer.

02.10.1921, Sonntag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten hat zur Demonstration im Lustgarten aufgerufen. Tausende ehemalige Soldaten an Krücken und in Rollstühlen waren dort versammelt. Verstümmelte, die Opfer der Granaten und Minen. Von Brandnarben entstellte Menschen. Blinde. Vom nahen Tod gezeichnete Gesichter, Augen in schwarzen Höhlen, die Opfer des Giftgases. Sie klagen die unzureichende Versorgung der Kriegsbeschädigten durch die Regierung an. Aber es geht ihnen um mehr als nur finanzielle Unterstützung. Sie forderten die öffentliche Anerkennung ihrer Opfer-Leistung. Sie forderten Solidarität. Ich stand am Rande, betrachtete die Gesichter, manche zornig, andere müde, resigniert, als sich ein junger Bursche schreiend aus der Versammlung löste. Voller Verzweiflung entfloh er der Menschenmenge. Ohne sichtlichen Grund. Er schien unverletzt. So wie ihm ergeht es vielen. Die äußeren Verletzungen sind längst verheilt. Es sind die Wunden der Seele, die eitrig immer wieder aufbrechen. Eine Mutter zog hastig ihr Kind beiseite. Fast feindselig war die Stimmung der Passanten. Sie reagierten mit Unverständnis und Empörung.

Neben mir hörte ich ein Flüstern:

„Sozialer Versager. Denen fehlt nur der rechte Wille zu praktischer Arbeit.“

Wie kann es sein, dass dieses Land seine Kriegsopfer nicht achtet und die Kriegskrüppel als Schmarotzer und Parasiten diffamiert? Vielleicht, weil sie an die Schmach der Niederlage erinnern? Eine stets präsente Anklage auf den Straßen Berlins? Vielleicht weil die Regierung, die so bestrebt ist, sich vom Krieg zu distanzieren, sich dabei ungewollt auch von den Opfern abwendet?