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heute vor 100 Jahren – Leseprobe aus „Heute keine Schüsse“

18.11.1919, Dienstag
Heute sagt Hindenburg vor dem Ausschuss für Kriegsschuld aus.
 
19.11.1919, Mittwoch
Ernst erzählte, dass Hindenburg vor dem Ausschuss für Kriegsschuld erklärt habe, die Truppe sei im Feld unbesiegt gewesen, der Krieg sei nur verloren worden, weil die Revolutionäre in der Heimat dem Heer in den Rücken fielen.
Die Revolution habe dem Heer im letzten Augenblick den Dolch in den Rücken gestoßen.
So scheint es, als werde man nun den Fürsprechern des Friedensvertrages die Last der Niederlage aufbürden.
 
09.11.1919, Sonntag
Revolutionsfeiertag.
Vor einem Jahr hat Scheidemann die Deutsche Republik ausgerufen.
Noch ist es unmöglich, das Ganze zu übersehen. Wird es der Regierung gelingen, das Chaos zu bewältigen? Die Nationalversammlung ist innerlich zerrissen. Parteien, die einander hassen und bekriegen. Dabei müssten sie jetzt zusammenstehen, um gegen die Verelendung der Massen zu kämpfen. Überall Arbeitslose. Kurzarbeit, Entlassungen, Schließungen. Wer Arbeit hat, wird ausgebeutet. Es gab in den letzten Monaten keinen Tag ohne Streik. Dazu der Kohlemangel. Auch die Zeche in Witten fördert für das Ausland, statt ins Inland zu liefern. Und die Bestimmungen des Friedensvertrages laden dem deutschen Volk eine enorme Bürde auf. Sein Ansehen in der Welt ist geschädigt. Die Demobilmachung und die Reparationszahlungen werden Wirtschaft und Heer für lange Zeit zu Boden drücken.
Täglich kehren Kriegsgefangene heim. Radkes Sohn Phillip ist immer noch nicht frei. Die deutsche Regierung hat an Frankreich appelliert, die Kriegsgefangenen freizulassen.

08.11.1919, Sonnabend

Zu Mittag haben Ernst und ich in der Markgrafenstraße Radkes Einladungsliste besprochen.

Ernst sagte mir, dass Hugo Haase gestern gestorben sei. Angeblich habe ein Geisteskranker geschossen. Aber niemand glaubt diese Version. So wird Mord zum Mittel des politischen Disputs und mir scheint, das Volk gewöhnt sich daran.

Trotz der eisigen Kälte und des schmerzenden Knies spazierte ich mit Margarete und den beiden Mädchen zur Spree. Es war ein liebliches Bild, wie die kleine Elise ihr Schwesterchen im Kinderwagen schob, sorgsam darauf bedacht, dass das Gefährt dem Ufer der Spree nicht zu nahe kam. Margarete wird langsam mit Berlin vertraut. Sie erzählte, dass Frau Radke sie in ihre Kreise eingeführt habe:

„Alles gute, angesehene Menschen. Man glaubt sich fast im heimischen Witten. Die gleichen Themen und Sorgen. Ich begleite Trude gerne zu den privaten Kaffeegesellschaften. Ich denke, ich werde in der nächsten Zeit selbst einige Einladungen geben. Trude hat mich überredet, mit ihr über den Kurfürstendamm zu flanieren. Dieses Romanische Café sagt mir allerdings gar nicht zu. Wie ein großer Bahnhofswartesaal: dunkel, ungemütlich, schlechter Kaffee und alter Kuchen. Dazu unordentlich gekleidete Menschen, die lauthals lachen und debattieren. Ja“, Margarete nickte, sich erinnernd, „tatsächlich eine Stimmung wie in einer Wartehalle.“

Ich dachte an Werner und die andern Künstler: Maler, Dichter, Komponisten, deren liebster Treffpunkt das Romanische Café ist. Die vortreffliche Beobachtungsgabe meiner großen Schwester: eine Wartehalle der Künstler. Warten auf Inspiration, Ruhm, den gelungenen Vertragsabschluss, den reichen Mäzen, die Aufnahme in die richtige Vereinigung, die hilft, den Weg zu bereiten auf die großen Bühnen und in die bekannten Ausstellungshallen.

Margarete rühmte Elsa, die liebenswerte Tochter Radkes. Dass sie so herzlich mit den Kleinen umgehe und immer zur Stelle sei, wenn eine zusätzliche Hand bei den Kindern gebraucht werde. Ob ich wohl wisse, dass das Mädchen ein großes Interesse an mir habe und sich eine gewisse Hoffnung mache, fragte sie.

„Wohl ist es eher Radke, der eine bestimmte Hoffnung hegt“, entgegnete ich lachend. Doch Margarete ließ mir meine leichtfertige Einstellung in dieser Angelegenheit nicht durchgehen. Sie nahm mir das Versprechen ab, behutsam mit der jungen Elsa umzugehen.

30.09.1919, Dienstag

Die Nationalversammlung tagt zum ersten Mal im Reichstagsgebäude. Anscheinend ist Berlin nun bereit für seine Regierung.

22.08.1919, Freitag

Das BT schreibt, dass die Deutschnationalen und die Unabhängigen der Vereidigung ferngeblieben sind. Ein kindisches Benehmen. Mir scheint, diese Parteien müssen die Demokratie erst noch lernen. Viele scheinen keine demokratische Zukunft zu wollen.

Dazu Ullsteins Zeitung, die gerade heute ein Bild des Reichspräsidenten gemeinsam mit Noske in Badekleidung bringt. Eine Aufmachung, die eines Reichspräsidenten wahrlich nicht zur Ehre gereicht. Dazu der Text:

Bei solchem Personal kann die Republik nur baden gehen.

 

21.08.1919, Donnerstag

Vereidigung Eberts in der Nationalversammlung.

14.08.1919, Donnerstag

Heute tritt die neue Verfassung in Kraft. Noch immer hält sich die Regierung in Weimar auf. Es wird Zeit, dass sie in die Hauptstadt zurückkehrt.

aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

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