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Die Wirklichkeit ist nur ein Teil des Möglichen. Dürrenmatt

Heft über Spurensuche als PDF

Auf der  BuchBerlin  haben mich viele auf das Info-Heft „Spurensuche“ angesprochen.

Leider war das Heft nicht im Verkauf.  Für alle, die Interesse an den Bildern und Informationen über die Spuren der Weimarer Republik im heutigen Berlin haben, stelle ich hier das Heft als PDF ein.

Spurensuche – Heute keine Schüsse

Einige Fotos ( von Büchern, die ich bei der Recherche benutzt habe) musste ich aus urheberrechtlichen Gründen herausnehmen.

Leseprobe

 

09.11.1918, Sonnabend
Heute Morgen schallten die Rufe des Zeitungsboten durch das offene Fenster der Galerie:
Extrablatt: Der Kaiser hat abgedankt!
Radke rief von der Treppe aus den Jungen herbei. Überall entlang der Straße öffneten sich die Türen. Jeder schickte nach einem Exemplar des Vorwärts. Darin steht:
Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die Fragen mit der Einsetzung der Regentschaft geregelt sind.
Reichskanzler Max von Baden hat unterschrieben. Niemand glaubt ernsthaft, dass der Kaiser aus freien Stücken zurückgetreten ist. Prinz Max von Baden übertrug Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers. Seine Partei ist die stärkste im Reichstag.
Radke schloss die Galerie und eilte nach Hause. Auch der Salon Cassirer wurde geschlossen. Die Menschen zog es auf die Straße.
Ich trieb mit der Menge vom Tiergarten am Brandenburger Tor vorbei bis zum Reichstag. Ein großes Warten. Arbeiter im Sonntagsstaat, Frauen mit roten Schleifen, Soldaten, alt und verbraucht, unordentlich, unrasiert in zerschlissenen Uni¬formen, Matrosen, jung, voller Optimismus, Studenten.
Um vierzehn Uhr sprach Phillip Scheidemann vom Balkon des Reichstags:
„Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammen¬gebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die Deutsche Republik.“
Hurrarufe. Hüte flogen in die Luft. Jubel.
Die Menschen vor dem Reichstag erzählten, Karl Liebknecht habe am Stadtschloss, keine zwei Kilometer von hier, die freie sozialistische Republik ausgerufen.
Ich denke an Fritz. Ob ihn die Nachricht vom Abdanken des Kaisers im Gefängnis erreicht?

Während ich dies schreibe, höre ich draußen Maschinengewehrfeuer. Am Stadtschloss, vielleicht auch am Reichstag wird geschossen. Sie kämpfen darum, wer den Kaiser beerbt.

10.11.1918, Sonntag
Die ganze Nacht hindurch: Schüsse, Unruhe.
Berlin ist im Krieg. Ein Bruderkampf. Die USPD und Spartakus fordern die Räterepublik, Scheidemann und die SPD eine parlamentarische Demokratie. Demonstrationen, Schüsse, Tote, Verletzte. Wird das Schicksal des Deutschen Reiches auf der Straße entschieden?

11.11.1918, Montag
Die Waffenstillstandsbedingungen der Entente sind veröffentlicht. Eine Schmach für die Deutschen. Aber von Berlin kommt die Weisung an Erzberger, den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Der Vorwärts schreibt:
Der letzte Schuss im Weltkrieg ist verhallt.
Aber niemand scheint die Bemühungen von Staatssekretär Erzberger ehrlich zu unterstützen. Was ist das für ein Frieden, der Berlin in einen Bürgerkrieg stürzt?

In der Nacht wieder Schüsse.

12.11.1918, Dienstag
Heute keine Schießerei.

16.11.1918, Sonnabend
Fritz wurde aus Spandau vorzeitig entlassen. Der Freund besuchte mich und war ungewohnt ernst. Er vermochte kaum still zu sitzen. Immer wieder stand er auf, trat an das Fenster der Stube und blickte auf die Straße. Als ich ihn nach seinen Erlebnissen in Spandau befragte, schüttelte er nur den Kopf und sagte:
„Komm, lass uns zum Stadtschloss gehen. Man sagt, am Marstall könne man die Spuren der Gefechte betrachten.“
Und dann blitzte kurz der alte Übermut in seinen Augen auf:
„Ich möchte sehen, was ich verpasst habe!“
Wir waren in guter Gesellschaft. Trotz der Kälte nutzten die Berliner die letzten Strahlen der Wintersonne, um über die Linden zum Schloss zu spazieren. Man begaffte die Schäden, die die Kugeln an der Sandsteinfassade des Marstalls angerichtet hatten. Alles war friedlich. Sollte die Revolution schon beendet sein?

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28.06.1919, Sonnabend
Die Bevollmächtigten unterzeichnen in Versailles den Friedensvertrag.
Kein Hurra. Kein Fahnenmeer. Keine Feiern im Lichthof. Es feiert sich schlecht mit leerem Magen und bangem Blick auf eine ungewisse Zukunft.

Fritz war da. Ohne Vorankündigung. Er hat Bier und Klaren mitgebracht. Setzte sich an den kleinen Tisch in meiner Stube und zündete sich eine Zigarette an. Ich brachte Schnapsgläser, stellte Brot und Wurst auf einem Brett dazu. Mit ernster Miene klappte Fritz ein Messer auf und schnitt die Hartwurst in dünne Scheiben.
„Ich gehe nach Moskau“, begann er endlich.
„Spartakus hat mir dazu geraten. Ich musste die Arbeit im Kabelwerk Cassirer aufgeben. Dort sind zu viele Denunzianten. Es ist ernst. Zu groß die Gefahr, dass mich dasselbe Schicksal wie Jogiches ereilt. Mutter hat mir von eurem Gang ins Schauhaus erzählt. Sie würde es nicht ertragen, mich ein zweites Mal dort zu suchen.“
Fritz widmete sich nun mit der gleichen Sorgfalt dem Brot. Schnitt exakte Scheiben vom Laib ab.
„Ich habe wenig Hoffnung, dass sich die Idee des Bolschewismus in Deutschland durchsetzen wird.“
Er zeigte auf das Essen vor sich auf dem Tisch:
„Der deutsche Arbeiter kämpft für Brot, nicht für eine Überzeugung. Budich wird mich in Moskau empfehlen. Dort kann ich der bolschewistischen Sache mehr dienen. Ich kann der KPD zuarbeiten, dafür sorgen, dass Informationen und Schriften den Weg ins Reich finden.“
Er bat mich als Freund, nach den Eltern zu sehen. Als Verbindungsmann zu wirken. Geheime Post in Empfang zu nehmen. Briefe an die Adresse der Mutter kämen vermutlich nicht an. Aber niemand würde Verdacht schöpfen, wenn die Galerie internationale Post bekäme. Ich gab ihm meine Hand darauf.
„Da ist noch etwas“, Fritz zögerte, „der Vater. Er spricht oft davon, dass man ihn schon bald, wenn es soweit ist, ins Siechenhaus bringen möge.“
Nie zuvor habe ich den Freund so traurig gesehen.
„Ich bitte nicht für mich, ich bitte für die Mutter, die dir doch auch lieb ist.“
Ich sah, wie sehr Fritz sich quälte.
„Dein Vater wird nicht ins Siechenhaus gehen, dafür werde ich Sorge tragen. Das verspreche ich.“
Und dann war alles gesagt. Die alte Leichtigkeit, die alte Vertrautheit wollte sich nicht mehr einstellen.

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24.12.1922, Sonntag, Weihnachten
Ich bleibe Weihnachten in Berlin, während Ernst mit der Familie nach Witten reist. Ruhige, einsame Tage.
Elsa feiert in der Familie. Sie hoffen, dass Phillip während der Weihnachtstage kommt.

Ich sitze in meiner Stube und sehe zu, wie sich die Viktoriastraße langsam von Passanten leert. Jeder eilt nach Hause, um den Weihnachtsabend mit seinen Lieben zu verbringen. Für mich wäre es ein Leichtes, jetzt mit am Tisch der Familie Radke zu sitzen, als zukünftiger, höchst willkommener Schwiegersohn. Doch niemals könnte ich Elsa die Ehe antragen, niemals könnte ich ihr eine Liebe gestehen, die ich nicht wirklich empfinde. Ernst nennt mich einen naiven Romantiker, weil ich immer noch auf die eine, besondere Liebe hoffe. Für ihn ist das geduldige Warten auf diese einzige Liebe eine Erfindung der Dichter. Bestenfalls geeignet, als Phantasie die Seiten der billigen Groschenhefte zu füllen, die überall in den Kiosken auf dem Kurfürstendamm angeboten werden. Doch für mich kann es ohne diese Liebe keine lebenslange Bindung geben.

31.12.1922, Sonntag
Was hat das vergangene Jahr der Republik gebracht? Demonstrationen und Hass.
Schuldige werden gesucht. Und jeder sieht die Schuld irgendwo anders. Hassgesänge. Es scheint, alle werden gehasst: die Kapitalisten, die Kommunisten, das Militär, die Arbeiter, die Arbeitslosen, die Politiker, die Republik – besonders die Republik, diese große Idee, deren Zweck für die Menschen kaum noch sichtbar ist.
Und zudem haben wir eine Währung, die immer schwächer wird. 7.350 Mark muss man für einen Dollar ausgeben.
Düstere, pessimistische Gedanken.

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13.09.1924, Sonnabend
Ernst hat mir einen Auszug der Frankfurter Zeitung vorbei gebracht: Der Zynismus als Kunstrichtung? In dem Artikel greift Hartlaub, der Direktor der Kunsthalle Mannheim, Künstler wie Dix, Grosz und Schlichter für ihre groteske Abbildung von Kriegskrüppeln an. Er beklagt die ins Lächerliche geführte, überzogene Darstellung von Krüppeln mit vielerlei Prothesen in unwürdigen Lebenssituationen. Er fragt, ob dies wirklich die Richtung sei, die wir für die deutsche Gegenwartskunst wünschen.
Ich glaube nicht, dass aus Dix und Grosz Zynismus spricht. Wer den Krieg in seiner ganzen Grausamkeit erlebt hat, ahnt, dass dies der Weg ist, mit dem man die Folgen des Krieges anklagen muss: Mit dem ungeschönten Blick auf die grausame Wirklichkeit. Nur so, grausam, grotesk überzogen, kann man dem Krieg das Pathos nehmen, das er für allzu viele immer noch hat. Nicht durch Darstellung von Märtyrer, sondern durch die Darstellung des Hässlichen, Widerwärtigen.

Radke hat mich wieder auf die fotografische Ausstellung angesprochen. Elsa habe ihn davon überzeugt, dass eine zeitgemäße Galerie sich dieser Kunstform nicht verschließen könne. Er meint, ich solle mich nach einem geeigneten Thema und den Künstlern umtun.
„Aber meide die Dadaisten! Mit einem John Heartfield oder einer Hannah Höch will ich nicht in Verbindung gebracht werden!“
Ich wundere mich immer wieder, wie durchaus informiert Radke über die neuesten künstlerischen Strömungen ist. Natürlich muss man für eine Ausstellung in der Galerie Radke andere Wege gehen. Ich denke dabei an eine Serie von Porträtaufnahmen eventuell im Stil von Man Ray. Man muss versuchen, die Berliner Persönlichkeiten mit einem ambitionierten Porträtkünstler zusammen zu bringen. Ich denke, dass Ernst mich dabei unterstützen kann. Eventuell sollte man auch die Porträts durch gehobene Modefotografien auflockern. Vielleicht kann ich Seidenstücker, den Alltagsfotografen, gewinnen. Oder Salomon, den jungen Reportagefotografen bei Ullstein.

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28.07.1931, Dienstag
„Meine Eltern waren arbeitslos. Schon seit der großen Geldentwertung. Um nicht auf der Straße zu leben, wurden wir, wie viele andere, zu Trockenwohnern. Man gab uns eine Wohnung in einem Neubau. Der Kalk an den Wänden war noch nicht ausgehärtet. Wir heizten und durften solange billig wohnen, bis die Wohnung trocken war. Danach mussten wir ausziehen. Den vollen Mietpreis konnten wir uns nicht leisten. Sie haben ja keine Ahnung, was das bedeutet. Wie sollten Sie auch. Nasse Wände, klamme Betten. Das Wenige, das wir zum Anziehen hatten, wurde im Winter kaum jemals richtig trocken. Und alle drei Monate mussten wir umziehen. Oft genug in einen anderen Bezirk. Ich hatte nie die Chance, wirklich zur Schule zu gehen. Ich kenne meinen Vater nur hustend, ohne Arbeit. Meist hatten wir nicht einmal das Geld für die Presskohle, um die Zimmer zu heizen. Nasse Kälte. Als meine Mutter mit Fieber lag, musste ich für die zwei Geschwister sorgen. Beide waren nie richtig gesund. Meine Mutter ist nicht mehr aufgestanden. Dann, nach der schlimmen Grippe, war niemand mehr da. Eine Tante hat mich aufgenommen. Endlich hatte ich ein warmes, trockenes Bett. Wahrscheinlich hätte ich um meine Leute trauern müssen, aber ich habe mich gefreut. Über das trockene Bett. Ja, Ihr Schwager hat Recht. Die Tante verdient auf ihre Art Geld. Wenn die Männer kommen, bleibt Anna in der Küche. Als ich zu ihr zog, meinte meine Tante, ich hätte eine ansehnliche Figur. Sie hat mich ins Eldorado vermittelt.
Was wissen Sie und Ihresgleichen schon von der Armut der Menschen in Berlin. Sie schauen sich ein Theaterstück an und diskutieren dann beim Abendessen im vornehmen Hotel, ob die Not der Menschen auch treffend dargestellt wurde. Ich brauche diese Theaterstücke nicht. Ich bin einer der Menschen, von denen diese Stücke handeln. Ich kenne die Menschen auf den Straßen Berlins. Die Gescheiterten, die Obdachlosen, die Kriegskrüppel und die Arbeitslosen. Ich habe in den Wärmehallen geschlafen und in der Suppenküche nach etwas Warmem angestanden. Ich kenne die dunklen Ecken der Bahnhöfe, die geschützten Stellen an den Bahndämmen und unter den Brücken, wo die Menschen nachts zusammenrücken. Wo sie Wärme und Schutz beieinander suchen. Wie Tiere im Rudel. Dazu brauche ich keine Dreigroschenoper. Und ich kenne die Frauen. Was bleibt ihnen, wenn sie keine Arbeit finden? Sie verkaufen sich. Auf jedem Rummelplatz können Leute wie Sie für wenig Geld die jungen Mädchen haben. Ich kenne Dirnen, die in Vergnügungslokalen um die Gunst Betrunkener werben. Immer wieder das gleiche Schicksal, der gleiche Weg: Alkohol. Drogen. Wahnsinn. Krankheit. Tod. Dafür brauche ich keinen Herrn Döblin, damit er mir das in einem Roman beschreibt.

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29.06.1932, Mittwoch
Das Reich befindet sich im Wahlkampf, rechte und linke Wehrverbände im Kampf gegeneinander. Aufmärsche, Straßenkrawalle.
Jede Partei hat ihre eigene Armee, und alle bekriegen sich auf den Straßen Berlins.
SA und SS für die NSDAP, Stahlhelm für die DNVP, der Reichsbanner marschiert für die SPD und der Rote Frontkämpferbund für die KPD.
Alle in Uniform. Alle unter Waffen. Es herrscht Krieg in vielen Stadtteilen Berlins. Am erbittertsten bekämpfen sich Frontkämpferbund und SA. Man ringt nicht um ein politisches Ziel. Hier führen Anhänger unterschiedlicher Weltanschauungen einen verbitterten Krieg gegeneinander.
Heute waren in der Kantstraße in Charlottenburg die Rotfrontkommunisten. Vorweg die Kapelle, dann Frauen mit Kinderwagen, Arbeiter mit erhobener, geballter Faust, viele Jugendliche. Zustimmung und Provokation von den Menschen am Straßenrand. Gesäumt wurde der Zug von den Sipos, den Sicherheitspolizisten. Die Internationale wurde gesungen. Kurz darauf, als hätten sie es sorgfältig geplant, ein Spielmannszug der SA, vorneweg der Standartenführer, dahinter, im Gleichschritt fast sechshundert Mann. Diszipliniert. Als der Spielmannszug aussetzte, ein Ruf in die Stille aus sechshundert Kehlen:
„Aus dem Feuer der rettenden Rache erschallt unser Kampfruf: Deutschland erwache!“
Alles erfolgte in Takt und Gleichschritt. Dann setzte der Spielmannszug wieder ein. Die Menschen am Straßenrand waren beeindruckt von so viel Gleichschritt, Disziplin und Kraft. Beifall. Heilrufe. Dann wieder erscholl in die Stille des Spielmannszuges: „Deutschland erwache“.
Oft folgen Aufmärsche der SA oder des Stahlhelms den Protestmärschen der Kommunisten oder des Reichsbanners. Manchmal stoßen die Gruppen aufeinander zur blutigen Schlacht.
Manchmal bleibt alles friedlich. Aber die Zeichen sind deutlich: hier der undisziplinierte Haufen der Linken und Kommunisten, dort die Rechten: Zucht und Ordnung. Nicht wenige glauben, dass es das ist, was das Reich am nötigsten braucht: eine mächtige Ordnungsmacht.

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aus aktuellen Anlass #chemnitz #flüchtlingskrise #afd #rechtsextremismus #linksextremismus #pegida #wirsindmehr

Leute, die gegen die Demokratie auftreten, schreiben nicht „Diktatur“ auf ihre Fahne – so einfach machen sie es uns nicht.

 

Leseprobe aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

22.03.1927, Dienstag

Das BT meldet Zusammenstöße zwischen KPD und NSDAP in Lichtenberg. Thälmann soll unter den Demonstranten gewesen sein, er sei durch einen Säbelhieb verletzt worden.

06.05.1927, Freitag

Die NSDAP und alle ihre Unterorganisationen wurden nach den Ausschreitungen in Berlin im gesamten Kreis Berlin-Brandenburg aufgelöst. Keine Nachricht von Phillip. Elsa sorgt sich um den Bruder. Ernst ist bemüht, etwas über seinen Verbleib in Erfahrung zu bringen.

08.05.1927, Sonntag

     Zum Reichsfrontsoldatentag des Stahlhelms werden über hunderttausend Teilnehmer erwartet. Die Rote Fahne berichtet, dass sich auch der Rotkämpferbund bereithält. Wieder fürchtet man blutige Auseinandersetzungen in Berlin.

31.03.1928, Sonnabend

Die Ortsgruppe Berlin-Brandenburg der NSDAP wird wieder zugelassen. Ob die Gruppe verboten ist oder nicht, ändert nichts am provokativen Auftreten ihrer Sympathisanten in der Öffentlichkeit.

28.04.1928, Sonnabend

Goebbels, Gauleiter der NSDAP für Berlin-Brandenburg, wurde in Berlin wegen Beleidigung zu zwei Wochen Haft verurteilt.

16.11.1928, Freitag

Phillip lud mich zur Kundgebung der NSDAP im Berliner Sportpalast ein. Dort, wo Max Schmeling von tausenden seiner Fans bejubelt wurde, wo schon Thälmann und Brüning gesprochen haben, wo jedes Jahr das Sechstagerennen stattfindet, dort wollte nun auch Hitler zu seinen Anhängern sprechen. Ich fuhr tatsächlich nach Schöneberg. Ich wollte sehen, wer den Plakaten mit der Ankündigung der Rede folgte. Menschenströme. Zu Fuß, mit der Elektrischen oder im eigenen Wagen mit Chauffeur. Viel Jungvolk. Arbeiter. Angestellte. Bestimmt sind nicht alle Anhänger der NSDAP. Sicherlich viele Neugierige, so wie ich. Schon bald fanden die Menschen drinnen keinen Platz mehr. Vor dem Sportpalast herrschte eine gespannte Stimmung. Braunhemden gegen den Roten Frontkämpferbund.

Später berichtete der Lokalanzeiger von Gewalt und Verletzten. Hitlers Rede hatte die Stimmung aufgeheizt.

17.11.1928, Sonnabend

Phillip brachte mir den Illustrierten Beobachter vorbei, die Wochenillustrierte der NSDAP. Darin steht:

Die brausenden Beifallschöre und die donnernde Melodie des Jubels der Massen haben bewiesen, dass der Nationalsozialismus in Berlin fest Fuß gefasst hat und durch nichts mehr in seinem Zug aufgehalten werden kann.

Ich muss Phillip Recht geben: Anscheinend habe ich den Einfluss des Parteivorsitzenden und seine rednerischen Qualitäten falsch eingeschätzt.

13.12.1928, Donnerstag

Tatsächlich haben die Reden von Hitler und Goebbels die Stimmung so sehr aufgeheizt, dass der Polizeipräsident heute ein Demonstrationsverbot erlassen hat.

01.04.1929, Ostermontag

Zum Essen bei Radke. Mit Phillip über das Buch Volk ohne Raum von Hans Grimm diskutiert.

Phillip ist ganz gewiss kein geistloser Mitläufer. Es erstaunt mich, wie intensiv er sich mit der Schrift von Oswald Spengler, Untergang des Abendlandes, auseinandersetzt. Aus Arthur Moeller van den Brucks Schrift Das dritte Reich vermag er sogar wörtlich zu zitieren. Obwohl ich den Inhalt der Zitate nicht auf ihre Wahrheit überprüfen kann. Phillip vertritt die Idee einer konservativen Revolution unter einem autoritären Führer. Die alten Werte der Volksgemeinschaft sollen wieder an Bedeutung gewinnen. Ich weiß, dass Phillip mit dieser Idee nicht alleine steht: Viele Konservative aus dem Militär, aus den Hochschulen, der Verwaltung und der Industrie betrachten Parlament und Demokratie der Republik äußerst kritisch. Zu viele demokratische Kompromisse. Zu viel Hin und Her. Sie fordern eine Rückkehr zur Würde und Größe, klare Entscheidungen mit Bestand, kurz: eine starke Führung. Das Alltagsgeschäft der parlamentarischen Demokratie scheint ihnen zu mühsam und zu wenig effektiv.

01.05.1929, Mittwoch

Die SPD lud zu einer Kundgebung in den Glaspalast im ULAP ein. Einzig die Anhänger der KPD versammelten sich im Freien. Sie wollten sich die Straße nicht nehmen lassen. Gemeinsam mit Werner machte ich mich auf nach Wedding. Aus Neugier und im Gedenken an Fritz schloss ich mich den paar tausend Demonstranten an.

„Straße frei! Das rote Wedding kommt!“

Uniformierte des Roten Frontkämpferbundes trugen das Banner. In der Köslinger Straße schoss die Berliner Polizei auf die Demonstranten. Bestürzt von dieser unerwarteten Brutalität zog ich mich eilig zurück. Wieder fahren gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren auf den Straßen Berlins, es gibt Straßenbarrikaden. Ein Aufklärungsflugzeug kreiste über der Stadt und es gab viele Verletzte.

Ich frage mich, ob die Polizei gegen sozialdemokratische Demonstranten genauso erbarmungslos vorgeht.

Ernst berichtete am Abend von Toten. Max Gmeinhardt, Mitglied der SPD, wurde von der Polizei erschossen, als er sich weigerte, sein Wohnungsfenster in der Köslinger Straße zu schließen.

02.05.1929, Donnerstag

Die KPD rief zum Streik als Antwort auf das Vorgehen der Berliner Polizei gegen die Demonstranten auf.

In der Leipziger Straße drückten mir die Kommunisten ein Flugblatt in die Hand:

Zörgiebels Blutmai! − Das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges! Das Gemetzel unter der Berliner Arbeiterschaft − das ist das Vorspiel für die imperialistische Massenschlächterei!

 03.05.1929, Freitag

Die Regierung sieht die Schuld an der Eskalation allein auf Seiten der KPD. Sie verbietet den Roten Frontkämpferbund. Im Vorwärts stellt ein Artikel die Anschuldigungen der KPD gegen die Berliner Polizei als maßlos übertrieben dar. Die KPD wiederum beschimpft die SPD als Sozialfaschisten.

10.08.1929, Sonnabend

In Hugenbergs Zeitungen erscheinen immer mehr Hetzartikel gegen den Young-Plan. Die von Hugenberg geführte DNVP und Hitlers NSDAP fordern einen Volksentscheid dagegen, da das Volk durch diesen letzten Reparationsplan auf der Grundlage des Versailler Vertrages weiter versklavt werde.

22.12.1929, Sonntag

Der Volksentscheid ist gescheitert. Die große Mehrheit des Volkes billigt die Inhalte des Young-Plans.

Ernst meinte, die Anstrengungen der vergangenen Monate gegen den Young-Plan hätten nur einem genutzt: Adolf Hitler. Der Vorsitzende der NSDAP ist durch die Kampagne Hugenbergs im gesamten Reich im Gespräch. Davor war Hitler relativ unbekannt, in Zukunft wird er in der Politik des Reiches sicherlich wahrgenommen werden.

14.01.1930, Dienstag

Das BT berichtet von einer Schießerei im Arbeiterbezirk Friedrichshain. Ein junger SA-Gruppenführer ist in seiner Wohnung von einem Mitglied des verbotenen Rotfrontkämpferbundes angeschossen worden.

 15.01.1930, Mittwoch

Phillip war in der Galerie und erzählte, der Angeschossene ist Horst Wessel. Er kennt ihn von einem Ausbildungskurs der Schwarzen Reichswehr.

„Ein junger Mann, der als überzeugter Nationalsozialist schon früh der SA beigetreten ist. Er hat erst im letzten Jahr den Sturm 5 im Arbeiterviertel Friedrichshain übernommen. Das war mutig, wenn man bedenkt, dass Friedrichshain als Hochburg der KPD gilt. Aber Wessel ist unbeirrt mit seinem Sturm durch die Straßen marschiert. Oftmals sogar unter Polizeischutz, weil ihm die linken Schläger Prügel androhten. Und nun ist tatsächlich einer von denen in seine Wohnung eingedrungen und hat versucht, ihn zu erschießen. Ein ganz hinterhältiges Attentat.“

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, erwiderte ich.

„Es ist doch gewiss eine reine Provokation, wenn die SA-Trupps durch die Wohnbezirke der Rotfrontkämpfer marschieren. Und die Schlägertruppen der SA sind fürwahr durch ihr provokantes, gewalttätiges Auftreten bekannt.“

„Aber dies rechtfertigt nicht die Exekution eines Zweiundzwanzigjährigen“, entgegnete Phillip.

„Und überhaupt, wie kann man einem Zweiundzwanzigjährigen zum Führer eines SA-Sturms machen, noch dazu in diesem Gebiet!“

Aber auch darauf hatte Phillip eine Antwort:

„Man darf die Arbeiterjugend in Friedrichshain nicht den Kommunisten überlassen. Horst Wessel hatte das Zeug, die Arbeiterjugend für die NSDAP zu begeistern. Jugend muss von Jugend geführt werden, lautet die Devise unseres Parteivorsitzenden Hitler. Damit unterscheiden wir uns von den anderen Parteien, die ihre Jugend eng am Gängelband der Funktionäre führen.“

Phillip war gerade gegangen, als Werner erschien.

Er hatte eine andere Version der Geschichte:

„Die Schüsse auf Wessel haben nichts mit den Kommunisten zu tun. Es war ein rein privater Streit. Wessels Wirtin hat sich über Wessels Freundin, eine ortsbekannte Dirne, geärgert und ein paar Bekannte zu Hilfe gerufen, damit sie Wessel und seine Freundin zur Ordnung rufen. Die Auseinandersetzung eskalierte dann.“

Ich weiß, dass es nur wenig braucht, damit eine Auseinandersetzung zwischen den Nationalsozialisten und den Kommunisten blutig und gewalttätig wird. Seit Wochen ziehen beide Truppen durch Berlin und schenken einander fürwahr nichts. Beide liefern sich heftige Schlachten, mit Knüppeln, Messern und nun wohl auch mit Pistolen. Schwer auszumachen, wer jeweils angefangen hat.

Phillip weiß, dass Wessel in das Krankenhaus in Friedrichshain gebracht wurde. Ich hoffe für den Frieden auf den Straßen Berlins, dass Wessel überlebt und die Schuldigen einen fairen, für alle Teile nachvollziehbaren Prozess bekommen.

16.01.1930, Donnerstag

Das BT berichtet, Wessels Notoperation sei erfolgreich verlaufen. Die Täter, eine Gruppe um den Kommunisten Albrecht Höhler, sind verhaftet worden.

22.02.1930, Sonnabend

Werner war wieder zu Besuch. Er war so aufgebracht, dass er noch nicht einmal Platz nehmen wollte.

„Grosz wird der Prozess gemacht. Sein Bild Christus mit der Gasmaske wurde auf einer Ausstellung beschlagnahmt. Nun ist Anklage gegen ihn erhoben worden. Wegen Beschimpfungen der christlichen Kirche. Wir dürfen uns diese dreiste Beschneidung unserer künstlerischen Freiheit nicht länger gefallen lassen!“ Ich hörte Empörung, aber auch Neid aus dem Bericht Werners.

23.02.1930, Sonntag

Horst Wessel stirbt an einer Blutvergiftung.

01.03.1930, Sonnabend

So hat die nationalsozialistische Bewegung ihren ersten Märtyrer. Man bemühte sich, die Beisetzung Wessels als Heldenbegräbnis zu inszenieren. Aber die Bevölkerung nahm wenig Anteil daran. Rechte und Linke indes nutzten den Trauerzug für Provokationen. Der Zug führte unweit des Karl Liebknecht-Hauses, der Parteizentrale der KPD, am Bülow-Platz vorbei. Weil Zusammenstöße zwischen Rechten und Linken befürchtet wurden, verbot man einen Trauerzug zu Fuß. Außerdem war es den Parteigenossen Wessels verboten, Uniform zu tragen. Mir begegnete der Leichenzug in der Linienstraße, ein schwarzer Leichenwagen, von schwarzen Pferden gezogen und von mehr als zehn geschlossenen Wagen gefolgt. Vor und hinter dem Leichenwagen fuhren Lastwagen der Schutzpolizei. Die Seitenwände waren heruntergeklappt, damit man schnell abspringen und eingreifen konnte. Der Zug fuhr zum Grab der Familie Wessel auf dem St. Nikolai-Friedhof im Bezirk Prenzlauer Berg.

Von Phillip erfuhr ich, dass am Grab Fahnen der SA erlaubt waren. Der Gauleiter von Berlin, Goebbels, habe die Grabrede gehalten.

02.03.1930, Sonntag

Die Galerie beteiligt sich an der Ausstellung Rheinische Kunst in Berlin. Die Ausstellung ähnelt sehr unserer Herbstausstellung vom vergangenen Jahr.

Der ehemalige Reichskanzler Wirth, unter Brüning nun Reichsinnenminister, eröffnete die Ausstellung mit einer Rundfunkübertragung durch den Sender Berlin.

03.03.1930, Montag

Der Angriff, die Gauzeitung der Berliner NSDAP, zitiert heute aus Goebbels Grabrede.

Ein junger Mann zeigt der Bewegung, wie man sterben kann und, wenn es nötig ist, auch sterben muss, und fordert: Die Täter müssen zu Brei und Brühe geschlagen werden.

So kommen der Tod Wessels und die Umstände der Tat der Partei wohl sehr gelegen.

Schon zwei Wochen zuvor ließ Goebbels erstmals in der Öffentlichkeit das Lied Die Fahne hoch singen, das der junge SA-Führer selbst auf die Melodie eines Gassenhauers gereimt hatte.

Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen! SA marschiert mit ruhig festem Schritt. Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit.

20.03.1930, Donnerstag

Die Zahl der Arbeitslosen steigt.

Die Regierung diskutiert darüber, wie man die hohe Arbeitslosigkeit finanzieren kann. Soll man die Beiträge für die Arbeitgeber und Arbeitnehmer erhöhen oder soll das Arbeitslosengeld gekürzt werden? Die DVP weigert sich, die Arbeitgeber weiter zu belasten. Die SPD wiederum will keine Belastung für die Arbeiter.

27.03.1930, Donnerstag

Kabinett Müller zurückgetreten!

Hindenburg ernennt Brüning zum neuen Reichskanzler. In der Voss wird die Frage diskutiert, wie Brüning ohne Mehrheit regieren will. Er selbst sagt, sein Kabinett sei an keine Koalition gebunden. Hindenburg habe ihm zugesichert, er könne notfalls auch gegen das Parlament regieren und zwar mit den Machtmitteln des Reichspräsidenten: Notverordnung oder Auflösung des Reichstags.

 10.09.1930, Mittwoch

Der Führer der NSDAP sprach im Sportpalast. Ich beschloss, trotz des leichten Regens zu Fuß über die Potsdamer Straße zum Sportpalast nach Schöneberg zu gehen. Wieder das gleiche Bild wie vor nicht einmal zwei Jahren: Ganz Berlin schien auf den Beinen. Und alle waren zur großen Veranstaltungshalle unterwegs. Arbeiter, Angestellte, Studenten, Arbeitslose. Vor dem Sportpalast hielten im Minutentakt die Automobile derer, die sich eine Fahrt im eigenen Wagen leisten können: die Fabrikanten, Unternehmer, Geschäftsleute. Alle wollten den Mann hören, der in seinen Reden während der letzten Wochen immer öfter als Gegner der Republik auftrat. Der Mann, der verspricht, das zerstrittene Volk wieder zu einen und sich der Sorgen der Arbeiter und Arbeitslosen anzunehmen.

„Der Nationalsozialismus kämpft für den deutschen Arbeiter, indem er ihn aus den Händen seiner Betrüger nimmt.“

Der Sportpalast bietet Raum für 16.000 Menschen. Dann wurden die Tore geschlossen. Ich blieb, wie so viele, draußen.

15.09.1930, Montag

Hitlers Partei errang 18,5 Prozent, 6,4 Millionen Stimmen nach nur 810.000 im Jahr 1928. Sie wurde zweitstärkste Partei nach der SPD.

So endete diese Wahl mit einer Katastrophe für die Demokratie. Auch die KPD bekam Stimmen dazu, aber weitaus weniger als die NSDAP. Wie wird das Ausland auf dieses Ergebnis reagieren? Wird man noch wagen, Kapital in Deutschland anzulegen?

Von den 577 Abgeordneten im Reichstag sind 143 Sozial­demokraten, aber 107 Nationalsozialisten, 41 Hugenberger, 77 Kommunisten, das sind über 200, die die Republik ablehnen. Werden die übrigen ihre Differenzen beilegen und zusammen arbeiten? Jetzt ist es wichtig, dass die Republik ihrem Volk beweist, dass sie die wirtschaftlichen und sozialen Probleme bewältigen kann. Ansonsten wird sich das Volk von ihr abwenden. Es scheint schon heute kaum noch zu glauben, dass die Republik seine Probleme lösen kann.

16.09.1930, Dienstag

Ernst teilt meine Sorge über den Fortbestand der Republik nicht.

„Die Republik hat schon schlimmere Krisen überstanden. Die NSDAP weiß auch kein Wundermittel gegen die Probleme der Zeit. Soll sie es doch ruhig einmal versuchen. Ihre Glaubwürdigkeit und ihre Kompetenz sind noch den Beweis der Praxis schuldig. Auch sie wird Kompromisse schließen müssen und sich so die Hörner abstoßen.“

Um mich abzulenken, lud er mich zu einem Komödienfilm in den UFA-Palast ein.

Die Drei von der Tankstelle ist ein unterhaltsames, herzerfrischendes Spiel der Akteure mit Lilian Harvey, Willy Fritsch, Oskar Karlweis und Heinz Rühmann in den Hauptrollen.

 25.09.1930, Donnerstag

Meine Bedenken gegenüber der NSDAP sind durch Ernsts Argumentation nicht ausgeräumt. Nun berichtet der Vorwärts, Hitler habe in einer Zeugenaussage vor dem Leipziger Gericht erklärt, dass seine Partei nicht mit illegalen Mitteln kämpfe, dies sei gar nicht vonnöten:

Noch zwei bis drei Wahlen, dann werden wir in der Mehrheit sitzen und den Staat so gestalten, wie wir ihn haben wollen.

17.10.1930, Freitag

Wie groß ist die Angst, dass die Republik untergehen möge, wenn sich schon die Schriftsteller zu Wort melden?

Im Beethovensaal richtete Thomas Mann seinen Appell an die Vernunft an die Deutschen. Das Publikum war überwiegend republikanisch oder sozialdemokratisch. Thomas Mann nannte den Nationalsozialismus eine Riesenwelle exzentrischer Barbarei, entstanden aus primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit.“ Er fragte, ob das wirklich deutsch sei und ob das Wunschbild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandesschlichten, hackenzusammenschlagenden, blauäugig gehorsamen und strammen Biederkeit diese vollkommene nationale Simplizität in einem reifen, vielerfahrenen Kulturvolk wie dem deutschen überhaupt verwirklicht werden könne. Der Beifall im Saal war groß. Aber die Worte werden die Straße nie erreichen. Sie werden von den Menschen der Straße, den Arbeitslosen, einfachen Arbeitern und Angestellten nicht gehört und nicht verstanden werden. Die Menschen draußen brauchen einfache Worte. Eben die von Mann so verachteten Schlagworte und Simplizitäten sind es, die das einfache Volk versteht und befolgt. Einfache Erklärungen für die Probleme der Zeit und ebenso einfache Lösungen. So sind am Ende ein Adolf Hitler und ein Gauleiter Goebbels dem Volk näher als ein Literaturnobelpreisträger.

22.02.1932, Freitag

Goebbels gab im Sportpalast bekannt, dass der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, sich für das Amt des Reichspräsidenten zur Wahl stellt. Ernst berichtete, die Rede Goebbels habe geklungen, als gäbe es an seinem Wahlsieg keinen Zweifel. Goebbels macht Wahlkampf mit der Not der Menschen. Schürt ihre Angst. Selbst vor dem Thema Selbstmord schreckt er nicht zurück. Mich ekelte es, als Ernst mir einen Artikel des Angriff, geschrieben von Goebbels, vorlas. Nachdem er alle Versprechungen der Weimarer Gründungsväter auf ein besseres, gerechteres Leben als Lügen diffamiert hatte, endete der Artikel mit dem Satz:

Das Glück dieses Lebens in Schönheit und Würde vermochten nicht mehr zu ertragen … und dann folgten die Namen der Selbstmörder dieses Monats.

Goebbels benutzt diese Worte der Krise, um der Republik das Vertrauen des Volkes zu entziehen. Es sind nicht die Krisen, die der Republik schaden. Es sind die Menschen, die diese Republik nicht wollen und alles tun, um ein gutes Regieren zu verhindern.

08.04.1932, Freitag

Im Lustgarten fand eine Kundgebung der Eisernen Front für Hindenburg statt. Karl Höltermann vom Reichsbanner erklärte in einem Aufruf:

„Das Jahr 1932 wird unser Jahr sein, das Jahr des endlichen Sieges der Republik über ihre Gegner. Nicht einen Tag, nicht eine Stunde mehr wollen wir in der Defensive bleiben – wir greifen an! Angriff auf der ganzen Linie! Unser Aufmarsch schon muss Teil der allgemeinen Offensive sein. Heute rufen wir – morgen schlagen wir!“

Reichsbanner, Gewerkschaften, SPD und KPD haben sich zum Widerstand gegen Hitler und seine Harzburger Front zusammengeschlossen. Große Menschenmassen. Rote Fahnen. Die schwarz-rot-goldene des Reichsbanners. Viele Vertreter der Gewerkschaft. Es ist eigenartig, eine rote Demonstration für Hindenburg zu sehen. Aber sie sprechen nicht für Hindenburg, was sie vereint, ist ihre Front gegen Hitler.

Ich vermutete Fritz in der Menge, obwohl der Rotkämpferbund der KPD sich nicht beteiligt. Ernst Thälmann lehnt den Schulterschluss mit der SPD gegen die Rechten ab.

29.06.1932, Mittwoch

Das Reich befindet sich im Wahlkampf, rechte und linke Wehrverbände im Kampf gegeneinander. Aufmärsche, Straßenkrawalle.

Jede Partei hat ihre eigene Armee, und alle bekriegen sich auf den Straßen Berlins.

SA und SS für die NSDAP, Stahlhelm für die DNVP, der Reichsbanner marschiert für die SPD und der Rote Frontkämpferbund für die KPD.

Alle in Uniform. Alle unter Waffen. Es herrscht Krieg in vielen Stadtteilen Berlins. Am erbittertsten bekämpfen sich Frontkämpferbund und SA. Man ringt nicht um ein politisches Ziel. Hier führen Anhänger unterschiedlicher Weltanschauungen einen verbitterten Krieg gegeneinander.

Heute waren in der Kantstraße in Charlottenburg die Rotfrontkommunisten. Vorweg die Kapelle, dann Frauen mit Kinderwagen, Arbeiter mit erhobener, geballter Faust, viele Jugendliche. Zustimmung und Provokation von den Menschen am Straßenrand. Gesäumt wurde der Zug von den Sipos, den Sicherheitspolizisten. Die Internationale wurde gesungen. Kurz darauf, als hätten sie es sorgfältig geplant, ein Spielmannszug der SA, vorneweg der Standartenführer, dahinter, im Gleichschritt fast sechshundert Mann. Diszipliniert. Als der Spielmannszug aussetzte, ein Ruf in die Stille aus sechshundert Kehlen:

„Aus dem Feuer der rettenden Rache erschallt unser Kampfruf: Deutschland erwache!“

Alles erfolgte in Takt und Gleichschritt. Dann setzte der Spielmannszug wieder ein. Die Menschen am Straßenrand waren beeindruckt von so viel Gleichschritt, Disziplin und Kraft. Beifall. Heilrufe. Dann wieder erscholl in die Stille des Spielmannszuges: „Deutschland erwache“.

Oft folgen Aufmärsche der SA oder des Stahlhelms den Protestmärschen der Kommunisten oder des Reichsbanners. Manchmal stoßen die Gruppen aufeinander zur blutigen Schlacht.

Manchmal bleibt alles friedlich. Aber die Zeichen sind deutlich: hier der undisziplinierte Haufen der Linken und Kommunisten, dort die Rechten: Zucht und Ordnung. Nicht wenige glauben, dass es das ist, was das Reich am nötigsten braucht: eine mächtige Ordnungsmacht.

 03.07.1932, Sonntag

Auch das ist Wahlkampf, auch das ist die Kantstraße. Ein kleiner Junge, nicht älter als Mäxchen, begegnete mir mit seinem Tretroller. An der Lenkstange waren die Wahlkampffähnchen mit Gummibändern befestigt. Alle friedlich vereint. Rot mit Hammer und Sichel, Schwarz-Rot-Gold, Schwarz-Weiß-Rot, Hakenkreuz auf weißem Grund und dazwischen: Kathreiner Kaffee und die weiße Dame von Persil.

04.07.1932, Montag

Ich war zur großen Demonstration der Kommunisten im Lustgarten. KPD-Abgeordnete mit Sowjetfahnen, dazwischen die roten Fahnen der Einheitsfront.

„Freiheit!“

Der Ruf wurde von Tausenden ausgestoßen, die zugleich die geballte Faust reckten. Mittendrin erkannte ich Fritz, eins mit der Menge, voller Wut, voller Kraft und voller Entschlossenheit. Und am Rande stand ich – wie immer als Beobachter.

Als würde sich die Geschichte wiederholen.

06.11.1932, Sonntag, Wahltag

Wieder Reichstagswahl. Nunmehr die fünfte große Wahl in nur acht Monaten. Ein ruhiger Sonntag. Gespannt erwarten wir den Ausgang der Wahl. Ich weiß vom Vater, dass viele seiner alten Freunde, unter anderem auch Ernst vor Borsig, einen Aufruf mit der Überschrift „Mit Hindenburg für Volk und Reich“ an Hindenburg gesandt haben. Sie sprechen sich darin für die Regierung Franz von Papens, für die DNVP und gegen die NSDAP aus.

 

 

Leseprobe aus „Heute Keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“, Brigitte Krächan

 

 

 

Buchmesse in Homburg/Saar

Die Homburger Buchmesse 2018
Einen eigenen Büchertisch auf der Buchmesse. Eine neue Erfahrung mit neuen Kontakten, Ansichten und Einsichten, die ich erst noch sortieren muss.
Aber schon jetzt ein herzliches Danke an den Initiator Ulrich Burger vom Ulrichburger-Verlag. Seinem Engagement und dem Einsatz der vielen Helfer im Hintergrund ist es zu verdanken, dass sich Bücher aus allen Genres einem großen Publikum präsentieren können.

Neues Schauspielhaus am Nollendorfplatz in Berlin

Ich stelle mir gerne vor, wer alles schon über diese Stufen ging im Neuen Schauspielhaus am Nollendorfplatz.

Erwin Piscator leitete dort 1927/1928 die Piscator Bühne, Ernst Trollers „Hoppla, wir leben“ und Max Brods/Hans Reimanns, „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ wurden hier uraufgeführt.

 

 

 

in der Nachkriegszeit wurde das Gebäude als Kino und Diskothek (Metropol) genutzt. 2005 war es ein Tanzlokal (Club Goya)

01.08.1914 aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Es war der 1. August 1914.

Wir alle, Studenten und Professoren, zogen vom Pariser Platz zum Lustgarten. Hunderte waren wie wir Unter den Linden unterwegs. Es hieß, der Kaiser spräche. Als wir vor dem Stadtschloss ankamen, warteten über hunderttausend Menschen auf ihren Kaiser. Arbeiter, Angestellte, Studenten, Gelehrte, Professoren, Künstler. Alle sangen. Das Deutschlandlied und die Hymne des Kaisers Heil dir im Siegerkranz.

Großer Jubel, als der Kaiser auf den Balkon des Schlosses trat und rief:  „Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur noch Deutsche.“ Es gab viel Beifall. Auch mich ergriff das erhebende Gefühl, Teil einer starken und gerechten Bewegung zu sein.

Vom Berliner Stadtschloss Portal IV aus hat Liebknecht zu den versammelten Menschen im Lustgarten gesprochen. Von diesem Portal aus hielt auch Kaiser Wilhelm seine berühmte Balkonrede zum Beginn des 1. Weltkrieges.

Im Informationspavillon zum Berliner Stadtschloss wird  der Bereich um das Schloss als Modell gezeigt. Geschichtskundige Mitarbeiter des Humboldt-Forums beantworten geduldig und mit viel Engagement sämtliche Fragen.

Des Vaterlandes Kochtopf aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

„Voller Enthusiasmus zitierte Margarete aus dem Vorwort: Die Küchenfrage ist eine Bewaffnungsfrage geworden, um dem englischen Aushungerungsplan wirkungsvoll zu begegnen. Ich glaube nicht, dass Margarete wusste, was die Seeblockade der Engländer tatsächlich für das Volk bedeutete.“

Ich mag alte Kochbücher. Und so habe ich solange die Antiquariate durchstöbert  (online), bis ich ein Exemplar von „Des Vaterlandes Kochtopf“ gefunden hatte. Das kleine Heftchen über sparsames Wirtschaften  wurde in großer Stückzahl an die Bevölkerung verteilt, die unter der Nahrungsmittelknappheit im 1. Weltkrieg litt. Die arme Berliner Bevölkerung wäre allerdings froh gewesen, wenn sie sich die Lebensmittel, die in dem Heft beschrieben sind, überhaupt hätte leisten können.

 

03.06.1917, Sonntag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

„Übermorgen werden die Gemälde der Galerie Flechtheim versteigert. Der Salon Cassirer übernimmt die Veräußerung.“

Alfred Flechtheim und Paul Cassirer waren angesehene Galeristen, Kunsthändler und Verleger  im Berlin der Weimarer Zeit. Alfred Flechtheim war ein geradezu besessener Kunstsammler. Seine Wohnung glich einem Museum.                                                                          Tilla Durieux war Schauspielerin und mit Paul Cassirer verheiratet.

Beide wohnten zeitweise in der Bleibtreustraße 15/16  in Berlin Chalottenburg/Wilmersdorf. Noch heute werden hier luxuriöse Großraumwohungen ( bis 400 m²) vermietet.

20.07.1917, Freitag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Anschließend gingen wir zum Hotel Esplanade am Potsdamer Platz. Die Bellevuestraße hinunter boten Straßenhändler Schwarzware an. Neben dem überdachten Eingang des Hotels saß stumm ein altes Weiblein. Es hatte allerlei Gesticktes auf dem klapprigen Holztisch neben sich ausgebreitet.

Das Hotel „Esplanade“ war ein beliebter Treffpunkt der wohlhabenden Berliner Gesellschaft. Es wurde im 2. Weltkrieg zum großen Teil zerstört. Der Potsdamer Platz ist heute mit dem Sony Center ein Wahrzeichen des modernen Berlins. Wer genau hinschaut, kann jedoch noch Hinweise auf das  alte Hotel Esplanade entdecken. Überreste davon wurden in die Fassade des Sony Centers integriert

24.09.1917, Montag aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

Der Vater ist in Berlin. Ludwig berichtete, dass er im Hotel Adlon am Pariser Platz abgestiegen sei. Es wäre zu umständlich, das Landhaus am Tegeler See für einen kurzen Aufenthalt herzurichten. Im Adlon berät der Verein Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller darüber, wie man die neue Partei am besten unterstützen kann.

Heute wie damals ist das Hotel Adlon eine angesagte Adresse am Pariser Platz. Wir haben in der Hotelhalle einen Kaffee getrunken und die vornehmen Atmosphäre auf uns wirken lassen. Allerdings hatte ich mir den Elefantenbrunnen, den (fast) alle aus dem Film (Adlon, eine Familiensaga) kennen, größer vorgestellt.