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Der Weiher am Landheim

Man hat das Tor geschlossen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Schade. Eigentlich lief ich gerne durch den verwilderten Park. Es war schön, dem Pfad der Rehe bis zum Wasser zu folgen. Ich saß auf der alten Holzbank in der Sonne und blickte hinüber zu den Trauerweiden, die sich tief über das schwarze Wasser beugten. Ich konnte mir die Kinder vorstellen, die dort unter den Weiden im dunklen Schatten Verstecken spielten. Wie sie durch das Gras zum bunten Spielhaus liefen oder sich am Fuße der Rutsche stritten, wer die Leiter als erstes hinaufklettern durfte. Und ich stellte mir ihre Mütter vor, die die Kinder auf dem kleinen Karussell antrieben. Die Schaukeln hatte man abgehängt und die Spielgeräte waren von Brombeerhecken überwuchert. Aber das große Entenhaus auf der Insel in der Mitte des Weihers wurde immer noch von Enten bewohnt. Ein alter verwitterter Holzzaun umschloss den Weiher. Die kleine Pforte war geschlossen. Hier hatten die Kinder gestanden mit ihrem Brot in den Händen, ungeduldig auf die Mütter wartend, die noch bei einer letzten Tasse Kaffee beim Frühstück hockten. Jedes Kind füttert gerne Enten. Ich hatte mir vorgenommen, beim nächsten Spaziergang auch Brot für die Enten mitzunehmen. Aber der Weg durch den Park zum Weiher ist jetzt versperrt. Vielleicht ist es besser so.
Der Park und der Weiher gehörten zu einem Müttergenesungsheim, das vor langer Zeit geschlossen wurde. Hierher kamen Mütter mit Kindern, die an schweren, chronischen Erkrankungen litten. Man wollte beiden, den Müttern und den Kindern einen Erholungsaufenthalt außerhalb der Stadt ermöglichen. Beide hatten diesen Aufenthalt dringend nötig. Ganz besonders aber die Mütter, die von der täglichen Sorge um ihre kranken Kinder körperlich und seelisch ausgebrannt waren.
Es begann kurz nach der feierlichen Eröffnung des Erholungsheimes.
Ein tragischer Unfall. Die kleine Lisa, fünf Jahre alt und von den zerstörerischen Nebenwirkungen einer Chemotherapie gezeichnet, war am späten Abend in den Weiher gefallen und ertrunken. Ein Unfalltod. Jedoch meinte man danach, man hätte den Weiher besser sichern müssen. Schließlich könnten die Mütter ihre Kinder nicht rund um die Uhr beaufsichtigen. So baute man den hölzernen Zaun um den Weiher. Der Zaun fügte sich harmonisch in das Gesamtbild des Parks ein. Nur noch eine kleine Pforte ermöglichte den Zutritt zum Weiher. Jemand hatte sie versehentlich aufgelassen, ein paar Wochen später, als der kleine Timmy nachts ertrank. Danach wurde die Tür so konstruiert, dass sie von selbst ins Schloss fiel und für kleine Kinderhände nicht mehr zu öffnen war. Aber Mariechen musste es eines späten Abends doch geschafft haben. Man fand sie am nächsten Morgen tot im Weiher. Drei unglückliche Todesfälle, allesamt Kinder, war nicht die beste Werbung, die sich die Heimleitung für das Müttergenesungsheim wünschte. Und die Unfallserie sollte nicht abreißen. Nachdem vier weitere Kinder auf ähnliche, unerklärliche Weise nachts im dunklen Wasser ertrunken waren, erwog man, den unglückseligen Weiher zuzuschütten. Aber er war dann doch zu schön gelegen. Die alten Trauerweiden, deren Äste bis ins Wasser reichten, die kleine Insel in der Mitte, die gemütlichen Holzbänke, die wahlweise in der Sonne oder im Schatten der Weiden standen. Die Mütter liebten es, dort zu sitzen, Handarbeit zu machen und sich zu unterhalten, während die Kinder auf den Spielgeräten neben dem Weiher herumtollten. Eine wirkliche Postkartenidylle, die tatsächlich auf Postkarten gedruckt von den Müttern gerne nach Hause gesandt wurde. Nein, der Weiher konnte nicht zugeschüttet werden. Er war das Erkennungszeichen des Genesungsheimes. Die Leitung entschied sich nun doch dazu, von

den Müttern eine sorgfältigere Aufsicht ihrer Kinder einzufordern. Wozu waren sie denn Mütter. Überhaupt – es war schon auffällig, mit welcher Gelassenheit, ja heiterer Ruhe die betroffenen Mütter den Tod ihrer Kinder hinnahmen. Hatte man die gelassene Haltung der ersten Mutter noch als mögliche posttraumatische Stressreaktion gedeutet, so verwunderte es den Psychologen mit der Zeit schon, dass alle Mütter ähnlich gelassen auf den Ertrinkungstod ihrer Kinder reagierten.
Die Heimleitung erwog gerade, die Türen des Heimes nach Eintritt der Dunkelheit grundsätzlich abzuschließen und ein allgemeines nächtliches Ausgangsverbot auszusprechen, als wieder ein Kind den Tod fand. Wieder in der Nacht und wieder durch Ertrinken im Weiher. Und auch dieser Tod wäre als tragischer Unfalltod unaufgeklärt geblieben, wenn die kleine Sophie nicht einen älteren Bruder gehabt hätte, der seine Mutter und das Schwesterchen zur Kur begleiten durfte. Dieser Bruder erzählte am nächsten Morgen einer Erzieherin, es sei Sophie ganz recht geschehen. Schließlich sei es ungerecht gewesen, dass die Mutter nur Sophie in der Nacht zu einer Mondwanderung mitgenommen habe, während er alleine im Zimmer zurückbleiben musste. Die Geschichte des Jungen verwunderte die Erzieherin. Sie erzählte dem Psychologen davon, der wiederum die Mutter befragte. Das Ergebnis dieser Befragung sorgte für helle Aufregung. Die Mutter gab offen zu, dass sie die kranke Sophie in der letzten Vollmondnacht zum Weiher geführt habe. Bei Vollmond wäre die wunderschöne Stadt auf dem Grund des Weihers besonders gut zu sehen. Viele Kinder wären dort. Sie lebten glücklich und ohne Schmerzen. Die Kinder wären zum Ufer gekommen, hätten Sophie bei den Händen gefasst und mitgenommen in die Stadt. Ihre kleine Sophie wäre fröhlich mit den Kindern mitgegangen. Eine Untersuchung ergab, dass sämtliche Unfälle in
Vollmondnächten geschehen waren und dass alle Mütter die gleiche Geschichte erzählten. Sie hatten ihre kranken Kinder zu dem Weiher geführt und sie dort den Kindern aus der hellen Stadt in der Tiefe des Weihers übergeben. Die Mütter waren überzeugt, das Beste für ihre Kindern getan zu haben. Der Psychologe erklärte, das dunkle Wasser und der Vollmond müsste einen eigenartigen Einfluss auf die ohnehin psychisch labilen Mütter gehabt haben. Vielleicht habe sich das Licht des Heimes im Wasser gespiegelt und den Müttern eine versunkene Stadt vorgegaukelt. Natürlich wurde das Genesungsheim unverzüglich geschlossen. Und eigentlich wäre diese tragische Geschichte hier zu Ende.
Wenn ich nicht dort gewesen wäre.
Wie gesagt, ich bin gerne durch den verwilderten Park zum Weiher gelaufen. Eines Abends habe ich lange dort gesessen und das Aufgehen des Mondes betrachtet. Da konnte ich sie fühlen, diese seltsame Anziehungskraft des tiefschwarzen Wassers. Da war etwas. Mein Hund spürte es auch. Er knurrte und sein Nackenfell sträubte sich. Regungslos stand er da und starrte auf das Wasser. Er sah es. Und ich sah es auch. Ich sah, wie sich der Vollmond in dem dunklen Wasser spiegelte, und ich sah das Spiegelbild der hell erleuchteten Fenster des Erholungsheims im Wasser des Weihers. Doch das Heim war geschlossen und alle Fenster waren dunkel. Und ich ahnte die Kinder, ich hörte sie: ihr fröhliches Lachen beim Spielen in den Tiefen des Wassers. Ich hätte ihnen alles gegeben. Dann schob sich eine Wolke vor den Mond und der Zauber verflog. Mein Hund zerrte an der Leine, weg vom Weiher. Dieses Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen. Ich begann in alten Chroniken zu forschen und schließlich habe ich sie gefunden: Die wahre Geschichte.
Die Geschichte des Müttergenesungsheimes reicht viel weiter in die Vergangenheit als ich ursprünglich angenommen hatte. Tatsächlich
ist das Heim auf den Grundmauern eines Waisenhauses erbaut, das vor mehr als hundert Jahren abgerissen wurde. Schon damals gab es den Weiher mit der kleinen Insel in der Mitte. Es gibt keine verlässlichen Informationen, warum das Waisenhaus abgerissen wurde. Die Chroniken halten sich seltsam bedeckt. So als hätten die Geschichtsschreiber Angst, dieses Haus näher zu beschreiben. Erst in einer alten Kirchenchronik wurde ich fündig. Da stand in einer Randnotiz, dass man siebzig todkranke Kinder dem Wasser übergeben habe. Das Waisenhaus sah keine Möglichkeit, diese Kinder, die niemandem nützlich waren und nichts zu ihrem Lebensunterhalt beitragen konnten, zu pflegen und zu ernähren. Im ersten Frühjahrsvollmond fuhren Nonnen in Holzbooten mit den kranken Kindern auf den Weiher. Die Boote waren mit bunten Lampions geschmückt. Es gab eine Abschiedsfeier für die Kinder. Zum ersten Mal in ihrem Leben durften sie so viel süßen Kuchen essen, bis sie satt waren. Danach gaben die Nonnen ihnen einen Schlaftrunk. Sobald die Kinder schläfrig wurden und sich in den Booten hinlegten, hackten die Nonnen die Böden der Boote auf. Sie fuhren in einem anderen Boot zurück zum Ufer. Die schlafenden Kinder überließen sie dem Wasser. Die todkranken Kinder ertranken oder erfroren in der kalten Winternacht. Die Nonnen waren überzeugt, dass es eine Tat der Barmherzigkeit gewesen sei. Dass die Kinder in einer anderen Welt ein glücklicheres Leben finden würden. Bald darauf ereigneten sich die ersten seltsamen Todesfälle im Weiher. Die Legende erzählte, die toten Waisenkinder würden eine wunderbare Stadt am Grunde des Weihers bewohnen. Nur in Vollmondnächten erinnerten sich die Kinder an ihr Leben in dem Waisenhaus, dann kämen sie an die Oberfläche, um ihre kranken Leidensgefährten mitzunehmen in ein besseres Leben. Mütter, die mit ihren kranken Kindern auf eine besonders innige Weise verbunden

waren, spürten die Macht der Geistkinder und übergaben ihnen voller Vertrauen ihre kranken Kinder.
Diese Geschichte habe ich herausgefunden.
Wie gesagt. Gestern hat man das Tor geschlossen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Letzte Woche ertrank wieder ein Kind im Weiher. Niemand konnte sich erklären, wie es mit seinem Rollstuhl zum Wasser gekommen war. Ich habe die Mutter nicht verraten.