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Die Rolle des Chronisten – oder – Wie ich aus Versehen einen historischen Roman schrieb

Eigentlich sollte es ein Werk der Gegenwart werden. Einen modernen Entwicklungsroman wollte ich schreiben. Die Grundidee ist schnell erzählt: Mein Protagonist, nennen wir ihn „Heute“, weil er in der Gegenwart lebt und bis dato noch keinen Namen hat, ist müde. Lebensmüde. An seinem 30. Geburtstag beschließt „Heute“ seinem Leben ein Ende zu setzen, als er zufällig ein Tagebuch findet. Was Walter, der Chronist des Tagebuches, schreibt, leitet die Wende im Leben des „Heute“ ein. Er begibt sich auf Spurensuche und während „Heute“ im Zug nach Berlin sitzt und im Tagebuch liest, kam mir die Idee, dieses Tagebuch tatsächlich zu schreiben. Schließlich wollte ich wissen, was genau mein Protagonist da las. „Heute“ ist der Sohn eines Galeristen, daher sollte auch Walter in einer Galerie arbeiten. Und damit „Heute“ das Geschriebene mit Spannung lesen würde, sollte Walters Geschichte in einer aufregenden Zeit spielen und zudem nahe genug an der Gegenwart wegen der schon erwähnten Spurensuche. So kam ich auf die Idee, Walters Tagebuch im Berlin der Weimarer Republik anzusiedeln. Damit begann mein Abenteuer. Welche Sprache spricht ein Chronist der Zwanziger Jahre? Wie bewegt er sich fort? Mit Pferdedroschke? Im eigenen Auto? Gab es in Berlin schon eine U-Bahn? Wie fühlte sich das Leben im damaligen Berlin an?  Wie roch es, wenn Walter durch die Straßen ging? Ich las Tagebücher aus dieser Zeit  und habe Foto- und Filmmaterial durchgeschaut. Die Kunst- und Künstlerszene der Zwanziger Jahre hat mich so fasziniert, dass ich wochenlang zu Künstlern recherchierte. Paul Cassirer und Alfred Flechtheim, berühmte Galeristen dieser Zeit,  wurden mir zu guten Bekannten. Als Walter eines Tages seinen Bruder Ludwig im Zeitungsviertel besuchen wollte und ihm die Kugeln der Spartakisten um die Ohren flogen, wurde mir klar, dass es das Berlin der Weimarer Zeit ohne Politik und Straßenkampf nicht gibt.  Und so recherchierte ich zu Parteien und politischen Ideen und ließ Walter erzählten: Woche für Woche. Jahr für Jahr. Von seiner Arbeit in der Galerie, von den gesellschaftlichen Ereignissen der Großstadt, von seiner Familie, dem dominanten Vater, von seinem Freund Fritz, einem Kommunisten,  von seiner großen Liebe, von den politischen und sozialen Unruhen und von den Attentaten in Berlin. Als das Tagebuch des Chronisten Walter abbricht, das Warum sei hier nicht verraten, hatte ich eine Zeitspanne von 1917 bis 1933 beschrieben und vor mir lag ein Manuskript mit mehr als 400 Seiten. Zu umfangreich, um es in einen Roman einzubauen. Und so wurde das fiktive Tagebuch des Galeriegehilfen Walter Schachtschneider unter dem Titel „Heute keine Schüsse“ als historischer Roman veröffentlicht.

„Heute“, der Protagonist des ursprünglichen Romans, sitzt übrigens immer noch im Zug nach Berlin und wartet darauf, dass seine Geschichte weitergeht.

 

 

Auf die Zielgerade eingebogen

Nächste Woche wird mein „Chronist“ unter dem Titel „Heute keine Schüsse“ veröffentlicht.

Es ist schwierig ein Buch professionell zu veröffentlichen. Ohne Hilfe von Fachleuten  hätte ich das Coverdesign und einen professionellen Buchsatz nicht hinbekommen. Ob der Inhalt interessierte Leser findet, muss sich erst noch zeigen. Auch da wird es ohne die Mittel und Kontakte, die ein Verlag hat, schwierig werden. Die Branche sagt: für jedes gute Buch gibt es eine Leserschaft, man muss sie nur finden. Ok – dann werde ich mich demnächst einmal auf den Weg machen: Buch sucht Leser !

 

„das ist gut, was Sie da geschrieben haben, aber leider …“

Heute keine Schüsse

„Der Chronist“  scheint in kein gängiges Verlagsprogramm zu passen.

Aber ich kann das Buch nicht „passend“ schreiben. Also werde ich den Weg des Self-Publishing wählen und den Chronisten unter „Heute keine Schüsse“ bei Tredition veröffentlichen. Streng genommen also kein reines Self-Publishing, da mir Tredition als „Verlagsdienstleister“  einige typische Selbstverleger-Aufgaben abnimmt. Ich muss mir keine Druckerei suchen und nicht überlegen, wie ich an die ISBN Nummern komme. Auch die Listung des Buches auf allen möglichen Plattformen und den Verkauf nimmt mir Tredition ab. Aber Lektorat, Cover, Klappentext … das alles muss ich selbst organisieren.

Gar nicht so einfach, das passende Cover festzulegen, einen Klappentext zu entwerfen, die richtige Schrift zu bestimmen, die Nutzungsrechte der Bilder zu klären …

und Marketing kommt auch noch ….

 

Mein Fazit der Frankfurter Buchmesse

Jetzt weiß ich zumindest ziemlich sicher, was ich nicht will.

Aber vorn vorne: „Der Chronist“, ein fiktives Tagebuch der Weimarer Republik tut sich schwer eine Agentur oder, im besten Falle, einen Verlag zu finden. Dabei ist die Resonanz auf das Manuskript durchaus positiv, es passt aber nicht in die üblichen Verlagsgenre. Ein historischer Roman, der meinen Protagonisten Walter handelnd und liebend in den Mittelpunkt der Geschichte stellt oder ein Krimi, der  in der Weimarer Zeit spielt, hätten es da leichter.

Das ist „Der Chronist“ aber nicht.

Meine Absicht war, die gesellschafts- und kulturpolitischen Ereignisse der Weimarer Zeit, die geschichtlichen Fakten und Details des damaligen Lebens mit einer fiktiven, spannenden Erzählung zu verknüpfen.

Im November 2018 hat die Weimarer Republik 100jähriges Gründungsjubiläum. Der Herbst 2018 wäre also ein guter Zeitpunkt das Buch zu veröffentlichen. Der Weg vom Manuskript zum fertigen Buch ist lang, daher drängt die Zeit.  Auf der Buchmesse habe ich  nach Alternativen zur klassischen Verlagsveröffentlichung gesucht.

Erster Eindruck: Die Selfpublishergemeinde ist auf dem Weg in die Professionalität.  Professionelles Lektorat und Coverdesign  setzen sich immer mehr durch. So eben mal ein Manuskript hochladen, Cover am PC zusammenbasteln,  ISBN  einfügen und ab in den Verkauf ist nicht mehr allgemein bevorzugter Standard. Fast alle Dienstleistungsverlage bieten mittlerweile gute Pakete zur schrittweisen Professionalisierung in Buchinhalt, Buchgestaltung und Buchmarketing an. Es lohnt, Preise und Konditionen zu vergleichen.

Und es gibt da noch die Möglichkeit, das lektorierte Buch selbst drucken zu lassen und in den Verkauf zu bringen. Falls sich die Bücher verkaufen, ist der eigene Gewinn pro Buch natürlich größer, wenn kein anderer Dienstleister mitverdient.  Durchaus eine Überlegung wert, Lektorat und Coverdesign sind nämlich nicht billig.

Erste Sache, die ich auf keinen Fall will: Den Verkauf organisieren. Spätestens bei der Darlegung der Notwendigkeit der Beschaffung einer Verpackungslizenz zum Buchversand war das Thema für mich erledigt.  Aber auch dafür gibt es Dienstleister.

Fazit: Irgendwie werde ich den „Chronisten“  schon professionell in Druck bringen.

Bleibt das Marketing. Es reicht nicht, ein gutes Buch zu schreiben und zu verlegen; die potentiellen Leser müssen  informiert, beworben  und überzeugt werden  gerade dieses tolle  Buch und kein anderes der vielen Neuerscheinungen zu kaufen.

Auch hier bietet die Branche eine Vielzahl an Marketingdienstleistern. Da sollte man vorsichtig sein. Vieles, was  als professionelle Marketingstrategie für teures Geld angeboten wird, z.B. das Buch ins Barsortiment der Buchhändler bringen, ist bei Dienstleistern wie Epubli, Tredition, BoD u.a. kostenloser Standard Und manches funktioniert   nur mit persönlichen Einsatz: Was nutzt eine professionelle Website oder eine Autorenseite bei FB, wenn kein Content geliefert wird? Und mit Lovelybooks lässt sich auch nur die Bekanntheit eines Buches generieren, wenn sich der Autor selbst z.B. in Leserunden engagiert.

Fazit: Marketing ist Arbeit und kann teuer werden.  Man kann vieles, aber nicht alles einkaufen. Marketing ist notwendig, gerade für Selfpublisher.

Und noch ein Fazit,  das ich nach der Buchmesse gezogen habe: Im Marketing ist jeder engagierte Verlag besser aufgestellt als ich das gegenwärtig bin.

Und da beißt sich der Hund  in den Schwanz: Also doch im Verlag veröffentlichen?  Aber bis ich die großen Verlage davon überzeugt habe, gerade den „Chronisten“ zu verlegen, dürfte das Gründungsjubiläum der Weimarer Republik schon lange Geschichte sein.

Als ich dann meine Beute von der Buchmesse sortierte, fiel mir wieder  der Katalog der unabhängigen Verlage in die Hände.

„Wir leben vom Mythos und nicht von der Stückzahl“ (Barbara Kalender und Jörg Schröder,  März Verlag).

Einen Versuch sollte es auf jeden Fall wert sein. Das Manuskript des Chronisten ist derzeit im professionellen Lektorat. Vielleicht kann ich einen der  kleineren Verlage  davon überzeugen  ein bereits lektoriertes Manuskript anzunehmen.

Wenn ich es nicht versuche, werde ich es nie erfahren.