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Lebenslänglich – Urteil ohne Richter


LEBENSLÄNGLICH ( Neuauflage)

Ein1-1e romanhafte Erzählung über die Folgen von Kindesmissbrauch

Die Täter werden bestraft – manchmal –
Die Opfer haben immer lebenslänglich

Die Geschichte ist frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit real lebenden oder toten Personen, mit Ereignissen oder Schauplätzen wäre völlig unbeabsichtigt und reiner Zufall.

Und doch ist jedes Wort wahr.

Taschenbuch
120 Seiten
ISBN 978-3-7386-3157-9
Verlag: Books on Demand
€ 7,50
 ebook :  € 2,49
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Leseprobe:

Wissen sie, was ein Trigger ist? Der Psychologe hatte mich davor gewarnt: vor den Auslösern, dem Flash-back, den Erinnerungsfetzen. Sie brechen über dich herein, wie ein Gewitter aus heiterem Himmel. Ein Gewitter im Kopf. Und alles ist wieder da, der ganze Albtraum.

Es ist absurd. Es war der Weichspüler. Emma wollte mir eine Freude machen. Sie wusste, dass ich es hasste Betten zu überziehen. Sie konnte ja nicht ahnen, warum ich das hasste. Sie wollte mir wirklich nur eine Freude machen, als Gegenleistung für die Eiscreme. Deshalb hatte sie an diesem Nachmittag mein Bett abgezogen, die Bettwäsche gewaschen und wieder frisch aufgezogen. Und sie hatte denselben Weichspüler benutzt, den auch meine Mutter benutzte. Wissen sie, immer wenn mein Vater nachts in meinem Zimmer gewesen war, zog meine Mutter am nächsten Tag mein Bett ab und wusch die Bettwäsche. Ein frisch bezogenes Bett, der Duft nach diesem speziellen Weichspüler, bei normalen Menschen löst das ein wohliges, heimeliges Gefühl aus. Für mich war es nur die Erinnerung an das, was geschehen war und an das, was unweigerlich wieder geschehen würde. Ich lag in meiner sauberen, frisch gewaschenen Bettwäsche, fühlte meine Ohnmacht und hatte entsetzliche Angst.

Irgendwann ließ die Angst nach, so, als wäre er da gewesen und wieder gegangen. Ich fühlte mich unendlich schmutzig. Irgendwann gelang es mir aufzustehen. Ich musste unter die Dusche. Aber ich wusste, dass ich diesem Drang jetzt auf keinen Fall nachgeben durfte. Es war ja nichts passiert. Es war nur in meinen Gedanken. Ich schloss die Tür zur Dusche ab und legte den Schlüssel weg.

Nein! Ich würde nicht duschen! Dann hätte er gewonnen. Ich war nicht schmutzig. Ich war nicht schuldig. Ich habe es wirklich versucht. Ich wollte ihm nie mehr diese Macht über mich geben. Und dann stand ich in der Küche und sah zu, wie das kochend-heiße Wasser über meine Hände lief. Wie es seinen Dreck und meine Schuld wegspülte. Ich fühlte, ich musste nur lange genug durchhalten, diesen notwendigen Schmerz lange genug aushalten, wenn ich mich von ihm befreien wollte. (…)

Die Insel

Plötzlich wachte sie auf. Sie hörte ihn in der Küche. Er war wieder betrunken. Vor vier Wochen war er mit dem Postschiff zur Insel gekommen. Hatte mit einem Koffer vor ihrer Tür gestanden. „Guten Tag, Mutter.“
Sie seufzte. Langsam stand sie auf. Im fahlen Licht der Dämmerung zog sie den alten Morgenmantel über und fischte mühsam mit den Füßen nach den Pantoffeln. Dann ging sie nach unten zur Küche. Es war kalt. Sie begann, ein Feuer im alten Ofen anzuzünden. Er saß am Küchentisch. Die Suche nach einer neuen Flasche Schnaps hatte ihn aus seinem Zimmer getrieben. Seit vier Wochen hatte er das Haus nicht verlassen. „Es ist kalt hier“, sagte sie. „In ein paar Tagen wird es zu schneien beginnen.“ Er antwortete nicht. „Möchtest du einen Kaffee? Soll ich dir Frühstück machen?“ Der Junge stand schwankend auf, gebückt wie ein alter Mann schlurfte er zum Fenster. Schwer stütze er sich auf das Fensterbrett und sah hinaus. Müde, gleichgültig wandte er den Blick dem Himmel zu:„ Wird wohl so sein. Wird bald schneien.“ Die Mutter trat neben ihn:“Wenn die Winterstürme kommen, fährt das Postboot die Insel nicht mehr an.“ „Ja, ich weiß,“ mürrisch wandte sich der Junge von der Mutter ab, setzte sich wieder an den Tisch und griff nach der Schnapsflasche. Die Mutter ging zu der alten Anrichte. Sie nahm zwei Scheiben Brot, bestrich sie mit Butter und belegte sie mit Salami. Dann trug sie den Teller zum Tisch. „Du musst etwas essen. Das“, sie zeigte auf die Flasche, „macht dich krank.“ „Das“, der Junge nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche, „ist genau die Medizin, die ich im Moment brauche. Hilft vergessen. Der Alte hatte recht: Wer Schnaps im Haus hat, braucht keinen Arzt.“ Der Junge kramte in der Tasche seiner Jogginghose nach den Zigaretten. Mit zitternden Händen zündete es sich eine an. Gierig inhalierte er den Rauch und begann gleich darauf zu husten. Ein harter, schmerzhafter Husten. Die Mutter setzte sich neben ihn. Wer Schnaps im Haus hat, braucht keinen Arzt. Das Mantra ihres Mannes. Und er hatte dafür gesorgt, dass ihm der Vorrat nie ausging. Ein Vorrat, der ihn überlebte. „Wenn die Winterstürme kommen, fährt das Postboot die Insel nicht mehr an“, begann sie wieder. Sie legte ihre Hand auf den Arm des Jungen. „Es wird Zeit, dass du gehst. Du musst zurück. Du kannst dich hier nicht ewig verkriechen. Das ist nicht gesund.“ Der Junge zog den Arm zurück: „Was weißt denn du, was gesund für mich ist! Du weißt doch gar nicht, was da draußen vorgeht! Ihr habt doch immer nur hier in eurem behüteten Paradies gelebt!“ Wütend wandte er sich von der Mutter ab. „Die Menschen da draußen sind schlimmer als Raubtiere. Sie lauern nur darauf, dass ich etwas falsch mache. Und dann stellen sie mich bloß, erbarmungslos. Sie geben sich als meine Freunde aus, nur um mich auszunutzen, eiskalt. Ich verstehe nicht, was sie antreibt. Ich habe es versucht. Aber ich kann mit Menschen nicht leben. Warum sollte ich dort draußen sein wollen? Dort ist kein Platz für mich! Sollen die Winterstürme kommen! Gut ist das! Ich brauche das Postboot ganz bestimmt nicht!“ Die Tür schlug laut zu. Beim Aufstehen hatte der Junge den Stuhl umgestoßen. Die Mutter hob ihn auf. Sie hörte ihn, wie er sich im Zimmer über ihr schwer auf das Bett fallen ließ. Wer Schnaps im Haus hat, braucht keinen Arzt. Da wusste sie, er würde die Insel nicht freiwillig verlassen. Diese Angst. Sie war ihr vertraut. Die Angst vor dem Leben. Vor dem Miteinander. Die Flucht ins vermeintliche Paradies. Langsam ging sie nach oben.
Zwei Stunden später öffnete sie die Tür zu seinem Zimmer. Sie ließ den Koffer in der offenen Tür stehen. Der Junge war eingeschlafen. Leise betrat sie das Zimmer. Der Gestank nach Schweiß, Alkohol und Zigaretten nahm ihr fast den Atem. Du hättest sein Zimmer lüften müssen, ging es ihr durch den Kopf. Behutsam setzte sie sich auf den Bettrand. Sie strich ihm sanft über den Kopf und rüttelte ihn zart an der Schulter. „Was?“, der Junge wurde wach. Erstaunt sah er die Mutter an. Sie war in den letzten Wochen nie in seinem Zimmer gewesen. Er setzte sich auf. Dann sah er den Koffer. „Vergiss es!“ der Junge schüttelte den Kopf. „Du kannst mich nicht einfach rauswerfen! Du bist meine Mutter! Du musst mir helfen!“ Die Mutter nickte. „Ich weiß. Deshalb werde ich gehen. In zehn Minuten kommt das Postboot. Ich habe mit meiner Schwester telefoniert. Ich kann bei ihr wohnen. Ich wollte mich nur noch von dir verabschieden.“