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Autoreninterview

Was inspiriert Dich beim Schreiben?

Alles.

Bilder, Träume, ein Satz, den ich im Vorübergehen aufschnappe, Menschen in ihrem Alltag, die kleinen und großen Tragödien

Das Häuschen im Wald von „Solitär“ gibt es wirklich, ich laufe da öfter beim Spazierengehen vorbei. Die Frage „wer könnte da wohnen und warum?“ habe ich in einer Geschichte behandelt. Aber ich verrate jetzt nicht, wo die Hütte steht.

Ich mag es, wenn jemand meiner Inspiration Beine macht. Die besten Texte schreibe ich, wenn mir ein Bild oder ein Thema vorgelegt wird und es heißt: „Schreib mal etwas darüber!“ Es tut meinem Schreiben gut, wenn ich gezwungen werde, meine Komfort-Schreibzone zu verlassen und mich auf Neues einzulassen.

„Fräulein Annabella Kleist“ ist so entstanden. Ich hätte mich niemals freiwillig an das Thema  Alzheimer gewagt.

Das Bild einer toten Fliege und der Bildtitel „Pastelltot“ (von Eva Maria Vogtel) haben zur Idee eines Krimis geführt, der als „Kalte Rache“ bei dotbooks veröffentlicht wurde. Ohne das Bild ich nie auf die Idee gekommen Krimis zu schreiben.

Die Idee zu „Heute keine Schüsse“ ist während der Arbeit an einem anderen Roman entstanden. Mein Protagonist hatte ein Tagebuch aus der Zeit der Weimarer Republik gefunden. Das Tagebuch sollte im Leben dieses Protagonisten eine bedeutende Rolle spielen, und während er im Zug nach Berlin saß und darin las, kam mir die Idee, dieses Tagebuch tatsächlich zu schreiben. Was dann folgte, waren ein Jahr spannende Recherche und ein weiteres Jahr Schreibarbeit. Im April 2018 wurde „Heute keine Schüsse“ als fiktives Tagebuch des Galeriegehilfen Walter Schachtschneider veröffentlicht. Der Protagonist des ursprünglichen Romans sitzt  übrigens immer noch im Zug nach Berlin und wartet darauf, dass seine Geschichte weitergeht.

Wie kamst Du zum Schreiben?

Dass mir Worte liegen, habe ich schon in der Schulzeit bemerkt. Lieblingsfach: Deutsch. War wohl das einzige Fach, in dem ich (fast) immer meine Hausaufgaben hatte.

Dann bin ich aus Neugier zur  Schreibwerkstatt von Waltraud Schiffels, damals Stadtschreiberin von Saarbrücken, gegangen. Erste  Schreibaufgabe „Weihnachten“. Ich habe mein Werk vorgelesen. Waltraud ist aufgestanden, hat ein Buch von Thomas Mann aus dem Regal genommen, es vor mir hingelegt und gemeint: „Das ist dein Schreibstil und der ist richtig gut.“ Wow! Und dieses Urteil von einer richtigen Schriftstellerin! Eigentlich mochte ich Thomas Mann nie – aber egal. Übrigens: Ein guter Schreibstil ist wichtig – aber du musst auch etwas zu Erzählen haben.

Später war ich in der sozialen Arbeit tätig: Gesundheitsamt, Jugendamt, therapeutisches Jugendheim. Da kam das Bedürfnis, solche Menschen und ihr Handeln zu beschreiben, von denen ich annahm,  dass sie oft übersehen oder in ihren Motiven missverstanden werden.

„Cato“ und „Weihnachtsmarkt“ sind typische Beispiele dafür. Oder „Lebenslänglich“, ein Roman, der sich mit den Folgen von Kindesmissbrauch beschäftigt.

Hast Du literarische Vorbilder?

 Wolfgang Borchert: In seinen Texten gelingt es ihm wunderbar, Gefühle und Befindlichkeiten zu zeigen anstatt sie nur zu beschreiben.

Günther Kunert: Weil er sich nie in ein bestimmtes Genre einordnen ließ und mit Freude und großem Können alles macht, was mit Worten zu tun hat

Stephen King: Der Altmeister des Spannungsaufbaus.

Gibt es Rituale für Dich beim Schreiben?

 Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich lange Spaziergänge mache und dann  mit einer tollen Idee zurückkomme. Und ein Autor darf ja auch etwas erfinden; aber ehrlich gesagt: Wenn ich mit einem Text gar nicht weiterkomme, gehe ich in die Badewanne.

Den PC fahre ich zum Schreiben immer hoch, selbst wenn ich einen Text auf Papier schreibe. Das Gebrumme heißt für mich: Jetzt wird gearbeitet.

 

Dein Lieblingsprojekt?

 Segen und Fluch: Das jeweilige Buch, an dem ich gerade schreibe.

Was fühlt man nach dem Verkauf eines Buches?

Erstaunen  – dass Menschen für das, was ich schreibe, tatsächlich Geld ausgeben.

Zweifel – hoffentlich sind sie mit dem, was sie da gekauft haben, zufrieden.

Selbstvertrauen – das positive Feedback vieler Leser  empfinde ich als  Bestätigung meines Schreibens

 Welche Wünsche hast Du Zukunft?

 Zeit

Brigitte Krächan,

 

Die Rolle des Chronisten – oder – Wie ich aus Versehen einen historischen Roman schrieb

Eigentlich sollte es ein Werk der Gegenwart werden. Einen modernen Entwicklungsroman wollte ich schreiben. Die Grundidee ist schnell erzählt: Mein Protagonist, nennen wir ihn „Heute“, weil er in der Gegenwart lebt und bis dato noch keinen Namen hat, ist müde. Lebensmüde. An seinem 30. Geburtstag beschließt „Heute“ seinem Leben ein Ende zu setzen, als er zufällig ein Tagebuch findet. Was Walter, der Chronist des Tagebuches, schreibt, leitet die Wende im Leben des „Heute“ ein. Er begibt sich auf Spurensuche und während „Heute“ im Zug nach Berlin sitzt und im Tagebuch liest, kam mir die Idee, dieses Tagebuch tatsächlich zu schreiben. Schließlich wollte ich wissen, was genau mein Protagonist da las. „Heute“ ist der Sohn eines Galeristen, daher sollte auch Walter in einer Galerie arbeiten. Und damit „Heute“ das Geschriebene mit Spannung lesen würde, sollte Walters Geschichte in einer aufregenden Zeit spielen und zudem nahe genug an der Gegenwart wegen der schon erwähnten Spurensuche. So kam ich auf die Idee, Walters Tagebuch im Berlin der Weimarer Republik anzusiedeln. Damit begann mein Abenteuer. Welche Sprache spricht ein Chronist der Zwanziger Jahre? Wie bewegt er sich fort? Mit Pferdedroschke? Im eigenen Auto? Gab es in Berlin schon eine U-Bahn? Wie fühlte sich das Leben im damaligen Berlin an?  Wie roch es, wenn Walter durch die Straßen ging? Ich las Tagebücher aus dieser Zeit  und habe Foto- und Filmmaterial durchgeschaut. Die Kunst- und Künstlerszene der Zwanziger Jahre hat mich so fasziniert, dass ich wochenlang zu Künstlern recherchierte. Paul Cassirer und Alfred Flechtheim, berühmte Galeristen dieser Zeit,  wurden mir zu guten Bekannten. Als Walter eines Tages seinen Bruder Ludwig im Zeitungsviertel besuchen wollte und ihm die Kugeln der Spartakisten um die Ohren flogen, wurde mir klar, dass es das Berlin der Weimarer Zeit ohne Politik und Straßenkampf nicht gibt.  Und so recherchierte ich zu Parteien und politischen Ideen und ließ Walter erzählten: Woche für Woche. Jahr für Jahr. Von seiner Arbeit in der Galerie, von den gesellschaftlichen Ereignissen der Großstadt, von seiner Familie, dem dominanten Vater, von seinem Freund Fritz, einem Kommunisten,  von seiner großen Liebe, von den politischen und sozialen Unruhen und von den Attentaten in Berlin. Als das Tagebuch des Chronisten Walter abbricht, das Warum sei hier nicht verraten, hatte ich eine Zeitspanne von 1917 bis 1933 beschrieben und vor mir lag ein Manuskript mit mehr als 400 Seiten. Zu umfangreich, um es in einen Roman einzubauen. Und so wurde das fiktive Tagebuch des Galeriegehilfen Walter Schachtschneider unter dem Titel „Heute keine Schüsse“ als historischer Roman veröffentlicht.

„Heute“, der Protagonist des ursprünglichen Romans, sitzt übrigens immer noch im Zug nach Berlin und wartet darauf, dass seine Geschichte weitergeht.