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Todesstrafe Der zweite Fall für Schmalenbeck und Paulsen

Die ersten Rezensionen zu dem neuen Krimi trudeln ein. Ich war gespannt, wie der zweite Teil  bei den Lesern ankommt. Ich hätte nicht gedacht, dass das Schreiben einer Fortsetzung so schwierig ist und ich war froh, als es beendet war. „Nie mehr Krimi“, dachte ich danach. Aber jetzt kribbelt es schon wieder. Über Motive und Täter nachzugrübeln, den perfekten Mord zu planen und danach den Täter zu überführen, macht einfach Spaß.

und wenn es dann die Leser unterhält … 

erste  Rezensionen

heute vor 100 Jahren – Leseprobe aus „Heute keine Schüsse“

15.07.1920, Donnerstag

Werner und ich haben die Dada-Messe der Galerie Burchard am Lützow-Ufer besucht und dort die surrealen, grotesken Exponate von Rudolf Schlichter, Max Ernst, Otto Dix und George Grosz gesehen.

Radke verurteilte die Ausstellung mit harten Worten:

„Ein Schaffen, das ausnahmslos gegen alles wirkt, das alles bekämpft, alles ins Lächerliche zieht, das keine Blasphemie und Beleidigung auslässt, ist nicht als Kunst zu betrachten. Es ist richtig, dass man versucht, gegen diese Leute vorzugehen. Heartfield und Schlichter gehören wegen Gotteslästerung und Beleidigung vor ein Gericht. Der preußische Erzengel gehört als Müll verbrannt, diese Figur hat absolut nichts mit Kunst zu tun.“

Ich denke, wenn ein Werk die Sicht des Künstlers auf die Beschaffenheit der Welt darstellt, selbst wenn er ungewohnte Mittel wählt, um diese neue, verwirrende Welt dem Betrachter zu vermitteln, dann hat er ein Kunstwerk erschaffen. Selbst wenn diese Kunst den Betrachter schmerzt oder beleidigt. Ich bin gewillt, die Dadaisten als Künstler ernst zu nehmen, allerdings scheint es mir, als würden sich manche selbst nicht ernst nehmen. Eine Kunst, die alles verneint, selbst ihre eigene Berechtigung als Kunst, ist eine schwierige Kunst.

Mich erinnert diese Kunst an den Krieg. Zerfetze, unvollständige Körper. Das Stakkato der dadaistischen Sprache weckt die Erinnerung an das akustische Inferno der Kriegsfront. Es ist aber eine Erinnerung, die ich fliehen möchte, ein Kunsterlebnis, das mir nicht dabei hilft, die Erinnerung an den Krieg zu verarbeiten. Allerdings geben Kritiker an, der Dadaismus wolle weniger den vergangenen Krieg als die gegenwärtige Welt beschreiben. Die hektische Arbeit in den Fabriken, die schrillen Vergnügungen, den zunehmenden Verkehr der Großstädte

06.06.1920, Sonntag, Wahltag

Heute wurde der erste republikanische Reichstag gewählt.
Mir scheint, dass weniger zur Wahl gingen als vor eineinhalb Jahren. Die Straßen waren ungewöhnlich ruhig für Berlin an diesem Morgen.

07.06.1920, Montag

Die Wahl zeigt, wie unzufrieden das Volk mit der Regierung ist. Diejenigen, die die Republik tragen sollen, die Parteien der Weimarer Koalition, schreiben die meisten Verluste.

 

21.05.1920, Freitag

Abends spazierten Elsa und ich durch den Tiergarten. Sie ist voller Sorge um Phillip und zweifelt, ob sie die Eltern einweihen soll. Der Bruder hatte sie am Vorabend besucht. Die Brigade Ehrhardt ist aufgelöst. Phillip kam, um sich zu verabschieden. Nun ist er mit Kameraden auf dem Weg nach München, um sich einer militärischen Organisation anzuschließen, die die Ziele der Brigade Ehrhardt weiter verfolgt.

Ich riet Elsa, die Eltern zu informieren. Nichts ist schlimmer als die Ungewissheit.

Am Nachmittag bin ich wieder dem Kriegsblinden begegnet. Er sitzt oft an der Ecke Bellevuestraße, wo die Siegesallee beginnt. Den niedrigen Schemel rückte er wie immer nach der Sonne. Der alte Militärmantel berührte den Boden, als er so dasaß und auf seiner Ziehharmonika spielte. Kein Gesang. Den Kopf hielt er gesenkt, kaum eine Regung, wenn eine Münze in den Blechbecher fiel. Ab und zu machte er Pause und beugte sich zu seinem Hund hin, der zu seiner Rechten auf einer weichen Decke ruhte. Der Alte lächelte, sprach freundlich mit dem Tier und streichelte das zottige, braune Fell. Ich gab noch eine Extramünze für den Hund.

 

20.05.1920, Donnerstag     

Ich habe Werner im Café Vaterland getroffen. Er ist tief gekränkt und in trüber Stimmung. Keine seiner Collagen wurde zur Dada-Ausstellung zugelassen. Dabei lief er seit Wochen Grosz wie ein Hündchen hinterher. Ein bissiger, kleiner Hund, der jede Äußerung seines Herrn lautstark und grell bebellte. Ich habe ihn beobachtet, im Gefolge von Grosz. Sie nehmen ihn nicht als ihresgleichen an und seine Collagen nicht ernst. So ist zur Kunst des Dada doch mehr vonnöten als blanke Wut. Werner nimmt sich selbst zu wichtig und zu ernst, um wirklich bei den Dadaisten anzukommen.

An mir hat Werner einen eigenartigen Narren gefressen. Oder sieht er nur den Sohn seines Gönners? Einmal riet ich ihm, doch wieder zur impressionistischen Malerei zurückzukehren. Deutsche Maler, die die Natur in impressionistischer Leichtigkeit malten, seien nach wie vor gefragt und würden in den Galerien gern genommen. Ich könnte mich für ihn bei Radke verwenden. Er wies mein Angebot empört zurück. Er sei Künstler und kein Auftragsmaler.

 

13.03.1920, Sonnabend

Schwarz-weiß-rote Fahnen hängen am Reichstag. Sie marschieren wieder. Die öffentlichen Gebäude sind besetzt.

Man sagt, die Regierung sei nach Stuttgart geflohen.

Ein Knabe verteilt ein Flugblatt, das von Ebert unterschrieben ist:

Arbeiter! Genossen! Wir haben die Revolution nicht gemacht, um uns heute wieder einem blutigen Landsknechtsregime zu unterwerfen. Legt die Arbeit nieder! Streikt! Schneidet dieser reaktionären Clique die Luft ab! Kämpft mit jedem Mittel für die Erhaltung der Republik! Lasst allen Zwist beiseite. Es gibt nur ein Mittel gegen die Diktatur Wilhelms II: Lahmlegung jedes Wirtschaftslebens! Keine Hand darf sich mehr rühren! Kein Proletarier darf der Militärdiktatur helfen! Generalstreik auf der ganzen Linie! Proletarier, vereinigt euch! Nieder mit der Gegenrevolution!

11.03.1920, Donnerstag

Putsch gegen Ebert!

Der Berliner Lokalanzeiger berichtet von einem geplanten Putsch gegen die Regierung. Der Versailler Vertrag fordert die Reduzierung des Heeres von 400.000 auf 100.000 Mann und die Auflösung der Freikorps. Lüttwitz weigerte sich, die Freikorps aufzulösen. Daraufhin setzte Noske ihn ab. Man sagt, Lüttwitz sei auf dem Wege nach Döberitz zur Brigade Erhardt. Er werde nicht dulden, dass ihm eine solche Kerntruppe in einer so gewitterschwülen Zeit zerschlagen werde. Er plane, die Regierung aus Berlin zu vertreiben. Die Gruppe „Nationale Einheit“ um Kapp und Ludendorff halte sich bereit, noch in der Nacht zum Sonnabend den Reichstag zu übernehmen. Eine Militärregierung soll eingesetzt werden.

Ich kenne Ludendorff. Er bewohnt ein vornehmes Patrizierhaus in unserer Straße. Man kann ihn beim Spaziergang im Tiergarten treffen. Ihm haftet etwas durch und durch Napoleonisches an. Selbst in Zivilkleidung erahnt man den Militär. Beim Frühstück im Esplanade macht er keinen Hehl aus seiner Verachtung für den Zivilen Ebert und seine Republik. Er hat der Politik nie verziehen, dass sie einen Friedensvertrag ausgehandelt hat. Die Sozialisten in der Heimat hätten das deutsche Heer um die Früchte des Sieges betrogen.

 
05.01.1920, Donnerstag
 
Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Die letzten Kriegsgefangenen kehren heim.
Überall auf den Straßen sieht man hagere, müde Männer mit Pappschildern Suche Arbeit.
Heute wurde das Reichsamt für Arbeitsvermittlung eröffnet. Viele hoffen auf Friedrich Syrup vom Demobilisierungsministerium und darauf, dass es ihm gelingt, die Kriegsheimkehrer in Brot und Arbeit zu bringen
{
 
13.01.1920, Dienstag   
Die Arbeiter demonstrierten am Mittag auf dem Königsplatz. Sie fürchten um ihre Rechte. Es war eine große Menschenmenge, Männer und Frauen. Selbst auf meinem Heimweg durch den Tiergarten traf ich noch auf Demonstranten. Die Stimmung war angespannt und gereizt, auch Schüsse fielen.
Später berichtete das Berliner Abendblatt von zweiundvierzig Toten und vielen Verletzten. Politiker von USPD und KPD wurden verhaftet.
Ich denke an Fritz. Ob er sicher ist in Moskau?
Am Abend sagte Elsa, dass ihr Bruder Phillip nach Döbritz gegangen sei, um sich den Feldgrauen der Brigade Ehrhardt anzuschließen. Er könne den falschen Frieden der Republik nicht ertragen. Er wolle der radikalen Linken die Stirn bieten – und das mit militärischen Mitteln. Elsa fürchtet um den Bruder, der sich weit von ihr entfernt hat.
… Bei Phillip war es sicher nicht die Flucht vor einer geregelten Arbeit, die ihn bewogen hat, alle bürgerlichen Beschäftigungen abzulehnen. Es ist die Sehnsucht nach der ehrlichen, aufrichtigen Kameradschaft, nach einer Ordnung, die ihm Berlin in seiner Zerrissenheit nicht geben kann.

 

10.01.1920, Sonnabend

Der Frieden ist nun tatsächlich gemacht. Der Friedensvertrag von Versailles ist unterschrieben. So wird man nun die Forderungen des Vertrages erfüllen müssen.

Beim Frühstück im Adlon am Brandenburger Tor diskutierten am Nebentisch Geschäftsleute den Vertrag. Sie waren sich einig: Deutschland wird die Forderungen des Vertrages niemals erfüllen können. Die Hälfte der Eisenerzförderung und ein Viertel der Steinkohleförderung soll als Wiedergutmachung an die Entente geliefert werden. Dazu siebzehn Prozent der Kartoffelernte und dreizehn Prozent der Weizenernte. Dabei wurden die großen Ländereien im Osten an Polen gegeben. Womit soll das Reich seine Bürger ernähren? Darüber hinaus muss Deutschland Leistungen in Geld, Gold und Sachleistungen erbringen: Lokomotiven, Schiffe, ja ganze Industrieanlagen gehen nach Frankreich und England. Wie soll das Volk wieder auf die Beine kommen? Viele meinen, die Regierung und das Volk müssen gegen den Vertrag sprechen. Dazu die Demobilmachung. Keine Marine, keine Flugzeuge, keine Panzer. Eine Demütigung! Ein Staat ohne schlagkräftige Armee ist kein richtiger Staat, sagen die Nationalen.

Es herrscht immer noch Hochwasser an Rhein und Mosel. Die Schifffahrt wurde eingestellt, dadurch gibt es kaum noch Kohlelieferungen nach Berlin und das mitten im Winter.  Die Rohstoffe sind knapp und teuer. Von Wilhelm weiß ich, dass das Rheinland lieber gegen Devisen ins Ausland liefert. Die Reichsmark verliert immer mehr an Wert, je stärker die Regierung die Notenpresse einsetzt, um den Haushalt auszugleichen.

Die Berliner Betriebe fordern von ihren Arbeitern mehr Arbeit für weniger Lohn. Es gibt wieder Streiks in Berlin.

 

03.01.1920, Sonnabend
Keine Züge aus dem Ruhrgebiet. Streik der Eisenbahner überall im Reich. Die Gewerkschaft begründet den Streik mit der wachsenden finanziellen Not ihrer Mitglieder.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

1920

 01.01.1920, Donnerstag

Mit großem Spektakel hat Berlin das neue Jahr begrüßt.

Ich habe Ernst zum Silvesterball im Palmensaal des Esplanades begleitet. Zwar gibt es seit März als Folge des Belagerungs­zustandes wieder ein Tanzverbot, aber die Berliner kümmert das wenig. Es war turbulent. Ernst ist ein guter Tänzer, er könnte im Esplanade wohl auch Geld als Eintänzer verdienen. Die Damen der Gesellschaft schienen recht vertrauten Umgang mit ihm zu haben. Sie mögen sein vornehmes Benehmen, seine schlanke Figur, die wohlformulierten Komplimente. Ich hoffe, er gibt Margarete keinen Grund zur Eifersucht. Vielleicht werde ich mit der Schwester reden. Sie sollte Ernst zu diesen Anlässen begleiten, anstatt zu Hause Teegesellschaften zu geben.

Den Schwager hielt es nicht lange auf dem Ball. Und so zogen wir in einer fidelen Gruppe weiter in eines der Lokale, wie es jetzt viele in Berlin gibt. Wo bis morgens getanzt und ge­trunken wird. Hier verkehren Geschäftsleute und Unternehmer, die in einer Nacht ein Vielfaches von dem ausgeben, was ihre Arbeiter in einem Monat verdienen. Dazwischen die Mädchen, die auf eine einträgliche Bekannt­schaft hoffen. Und die mittellosen Künstler, die dem Reichtum hofieren in der Hoffnung auf einen Mäzen oder nur ein reichhaltiges Mahl.

So ist Berlin: Hier das wilde Tanzen und Vergnügen, rastlos und zügellos, und daneben die Millionen in großer Not.

Heute Morgen im BT die Neujahrsansprache des Reichspräsidenten. Ebert fordert alle Deutschen auf, in der Not zusammen zu stehen und gemeinsam jeder da, wo er stehe, für den Wiederaufbau des Vaterlandes sein Äußerstes zu tun. Werden die Demokraten ihm folgen? Seinen Worten fehlte das Pathos, das das deutsche Volk so sehr liebt.

Witten, 26.12.1919, Freitag, Weihnachten

Hochwasser an Rhein, Mosel und Main. In Köln wurde der Hafenverkehr eingestellt. Wilhelm befürchtet, dass schon bald die Ruhr über die Ufer treten könne. Er überlegt, das im Tal gelegene Werk zu räumen.

Für die nächsten Tage ist zudem strenger Frost vorausgesagt. So wird der Vater vorerst nicht mit nach Berlin kommen.

Margarete plant ebenfalls, noch länger in Witten zu bleiben und Auguste etwas zur Hand zu gehen. Als ob Auguste die Hilfe ihrer Schwägerin benötigt! Es ist wohl eher das alte Heimweh, das Margarete die Abreise hinausschieben lässt.

Mich braucht Radke in Berlin. Die Hängung für die Ausstellung beginnt. Ernst wird mich begleiten, er möchte ungern auf die Silvesterfeiern in Berlin verzichten. Als er sich leichten Herzens von Margarete und den Mädchen verabschiedete, meinte er augenzwinkernd:

„Man erwartet, dass ich in der Illustrierten Wochenzeitung exklusiv über die Silvesterspektakel berichte.“

Witten, 25.12.1919, Donnerstag, Weihnachten

Erste Friedensweihnacht seit 1914. Und die erste Weihnacht ohne die Mutter und Ludwig. Dank meiner Nichten und Neffen sind es dennoch fröhliche Weihnachtstage. Viel Lachen und leichtes Plaudern. Paul freute sich unbändig, seine kleine Freundin Elise wieder zu sehen. Marie-Cläre ist nun auch schon ein halbes Jahr alt. So lange ist die Mutter schon tot. Augustes Wunsch nach einem Mädchen hat sich nicht erfüllt. Im September wurde Heinrich geboren. Es gab Scherze und Späße über das ungerechte Schicksal, das beiden Familien das falsche Baby bescherte. Ob man nicht tauschen solle. Natürlich meint niemand dies ernsthaft. Einzig mein Schwager hielt sich zurück, er scheint immer noch zu grollen, weil ihm bis heute kein Stammhalter vergönnt ist.

Das politische Reden war ruhiger als die letzten Jahre. Als würde auch in unserer Familie so langsam der Frieden einkehren. Der Vater war sehr angetan von meiner Empfehlungsliste. Er wird die Bilder selbst in Augenschein nehmen und plant, uns nach den Festtagen nach Berlin zu begleiten. Nur Wilhelm kommt mir angespannt und niedergeschlagen vor. Er nimmt sich kaum Zeit für eine ruhige Mahlzeit. Eilt auch während der Feiertage immer wieder zur Fabrik. Beim Nachmittagsspaziergang sprach ich Auguste darauf an. Sie erzählte, dass ihn die Bedingungen des Friedens bedrücken.

„Die Demobilmachung. Man verlangt nun von unseren Arbeitern, dass sie die Granaten, die sie einst gebaut haben, selbst zerstören. Das ist hart. Es trübt die Stimmung und die Arbeitsfreude. Außerdem gibt es einen Mangel an billigen Arbeitskräften zu beklagen. Unsere Fremdarbeiter aus dem besetzten Belgien sind heimgekehrt, und die Sprecher der deutschen Arbeiter fordern mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Der Achtstundentag ist ein gutes Beispiel. Die Gewerkschaften machen den Arbeitern Versprechen und die Unternehmer müssen nachher dafür gerade stehen.“

Ich war erstaunt, wie sachkundig Auguste über diese Angelegenheiten sprach. Kumpelhaft hängte sie sich bei mir ein, prüfte, ob das Kindermädchen mit dem Kinderwagen nachkam und meinte lächelnd:

„Allerdings brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Es sind viele da, die Brot und Arbeit brauchen. Und zu tun gibt es auch genug. Der Vater hat Wilhelm Aufträge aus dem Ausland vermittelt. Außerdem werden Kohle und Stahl immer gebraucht. Wilhelm hat große Pläne im Maschinenbau: Teile für Lastwagen, Lokomotiven. Und die Linke ist ja wohl endgültig geschlagen und das Gespenst der Enteignung damit auch.“

05.12.1919, Freitag

Gestern ging ich auf dem Heimweg von Radke am König Wilhelm Gymnasium in der Viktoriastraße vorbei. Gedächtnisfeier für die gefallenen Schüler stand am Eingang plakatiert, darunter die Namen der Gefallenen. Mehr als hundert Schüler waren aufgelistet. Sogar Sechzehnjährige sind in den Krieg gegangen. Und gerade von den ganz jungen, den unerfahrenen, sind nur wenige heimgekehrt. In ihrer Seele verletzt, sind sie für das Lernen und Studieren auf ewig verdorben.

Ich muss dringlich mit Radke über eine Gedächtnis­ausstellung sprechen. Es soll mehr sein als ein einfaches Gedenken. Ein Vermächtnis soll es sein. Kein einfaches Erinnern, sondern ein Mahnen.

Man muss die Jungen gewinnen, dass sie die Werke der Toten würdigen und vollenden. Ob Radke mein Anliegen versteht? Ob ich überhaupt einem beibringen kann, was ich meine? Jetzt fehlt Ludwig, der so leicht diese Dinge in Worte zu fassen vermochte.

Die jungen Poeten sollen die Werke der gefallenen Maler und Bildhauer beschreiben. Die jungen Maler sollen die Lyrik und die Prosa der toten Dichter mit Graphiken illustrieren. Es soll eine Ausstellung werden und eine Lesung. Vielleicht findet man auch einen Komponisten, begabt, mit großer Zukunft, der auf dem Feld geblieben ist, dessen Musik soll der Rahmen sein. Ich wünschte mir, Radke gäbe mir freie Hand für dieses Projekt. Man muss in den Akademien anfragen und an den Kunstgewerbeschulen. Und Ernst muss genügend Finanzen bekommen, um einen ganz außergewöhnlichen Katalog aufzulegen.

 
 
18.11.1919, Dienstag
Heute sagt Hindenburg vor dem Ausschuss für Kriegsschuld aus.
 
19.11.1919, Mittwoch
Ernst erzählte, dass Hindenburg vor dem Ausschuss für Kriegsschuld erklärt habe, die Truppe sei im Feld unbesiegt gewesen, der Krieg sei nur verloren worden, weil die Revolutionäre in der Heimat dem Heer in den Rücken fielen.
Die Revolution habe dem Heer im letzten Augenblick den Dolch in den Rücken gestoßen.
So scheint es, als werde man nun den Fürsprechern des Friedensvertrages die Last der Niederlage aufbürden.
 
 
 
09.11.1919, Sonntag
 
Revolutionsfeiertag.
Vor einem Jahr hat Scheidemann die Deutsche Republik ausgerufen.
Noch ist es unmöglich, das Ganze zu übersehen. Wird es der Regierung gelingen, das Chaos zu bewältigen? Die Nationalversammlung ist innerlich zerrissen. Parteien, die einander hassen und bekriegen. Dabei müssten sie jetzt zusammenstehen, um gegen die Verelendung der Massen zu kämpfen. Überall Arbeitslose. Kurzarbeit, Entlassungen, Schließungen. Wer Arbeit hat, wird ausgebeutet. Es gab in den letzten Monaten keinen Tag ohne Streik. Dazu der Kohlemangel. Auch die Zeche in Witten fördert für das Ausland, statt ins Inland zu liefern. Und die Bestimmungen des Friedensvertrages laden dem deutschen Volk eine enorme Bürde auf. Sein Ansehen in der Welt ist geschädigt. Die Demobilmachung und die Reparationszahlungen werden Wirtschaft und Heer für lange Zeit zu Boden drücken.
Täglich kehren Kriegsgefangene heim. Radkes Sohn Phillip ist immer noch nicht frei. Die deutsche Regierung hat an Frankreich appelliert, die Kriegsgefangenen freizulassen.
 

08.11.1919, Sonnabend

Zu Mittag haben Ernst und ich in der Markgrafenstraße Radkes Einladungsliste besprochen.

Ernst sagte mir, dass Hugo Haase gestern gestorben sei. Angeblich habe ein Geisteskranker geschossen. Aber niemand glaubt diese Version. So wird Mord zum Mittel des politischen Disputs und mir scheint, das Volk gewöhnt sich daran.

Trotz der eisigen Kälte und des schmerzenden Knies spazierte ich mit Margarete und den beiden Mädchen zur Spree. Es war ein liebliches Bild, wie die kleine Elise ihr Schwesterchen im Kinderwagen schob, sorgsam darauf bedacht, dass das Gefährt dem Ufer der Spree nicht zu nahe kam. Margarete wird langsam mit Berlin vertraut. Sie erzählte, dass Frau Radke sie in ihre Kreise eingeführt habe:

„Alles gute, angesehene Menschen. Man glaubt sich fast im heimischen Witten. Die gleichen Themen und Sorgen. Ich begleite Trude gerne zu den privaten Kaffeegesellschaften. Ich denke, ich werde in der nächsten Zeit selbst einige Einladungen geben. Trude hat mich überredet, mit ihr über den Kurfürstendamm zu flanieren. Dieses Romanische Café sagt mir allerdings gar nicht zu. Wie ein großer Bahnhofswartesaal: dunkel, ungemütlich, schlechter Kaffee und alter Kuchen. Dazu unordentlich gekleidete Menschen, die lauthals lachen und debattieren. Ja“, Margarete nickte, sich erinnernd, „tatsächlich eine Stimmung wie in einer Wartehalle.“

Ich dachte an Werner und die andern Künstler: Maler, Dichter, Komponisten, deren liebster Treffpunkt das Romanische Café ist. Die vortreffliche Beobachtungsgabe meiner großen Schwester: eine Wartehalle der Künstler. Warten auf Inspiration, Ruhm, den gelungenen Vertragsabschluss, den reichen Mäzen, die Aufnahme in die richtige Vereinigung, die hilft, den Weg zu bereiten auf die großen Bühnen und in die bekannten Ausstellungshallen.

Margarete rühmte Elsa, die liebenswerte Tochter Radkes. Dass sie so herzlich mit den Kleinen umgehe und immer zur Stelle sei, wenn eine zusätzliche Hand bei den Kindern gebraucht werde. Ob ich wohl wisse, dass das Mädchen ein großes Interesse an mir habe und sich eine gewisse Hoffnung mache, fragte sie.

„Wohl ist es eher Radke, der eine bestimmte Hoffnung hegt“, entgegnete ich lachend. Doch Margarete ließ mir meine leichtfertige Einstellung in dieser Angelegenheit nicht durchgehen. Sie nahm mir das Versprechen ab, behutsam mit der jungen Elsa umzugehen.

30.09.1919, Dienstag

Die Nationalversammlung tagt zum ersten Mal im Reichstagsgebäude. Anscheinend ist Berlin nun bereit für seine Regierung.

22.08.1919, Freitag

Das BT schreibt, dass die Deutschnationalen und die Unabhängigen der Vereidigung ferngeblieben sind. Ein kindisches Benehmen. Mir scheint, diese Parteien müssen die Demokratie erst noch lernen. Viele scheinen keine demokratische Zukunft zu wollen.

Dazu Ullsteins Zeitung, die gerade heute ein Bild des Reichspräsidenten gemeinsam mit Noske in Badekleidung bringt. Eine Aufmachung, die eines Reichspräsidenten wahrlich nicht zur Ehre gereicht. Dazu der Text:

Bei solchem Personal kann die Republik nur baden gehen.

 

21.08.1919, Donnerstag

Vereidigung Eberts in der Nationalversammlung.

14.08.1919, Donnerstag

Heute tritt die neue Verfassung in Kraft. Noch immer hält sich die Regierung in Weimar auf. Es wird Zeit, dass sie in die Hauptstadt zurückkehrt.

aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

als Taschenbuch, Hardcover, e-Book

erhältlich bei:

jeder örtlichen Buchhandlung

oder z.B. auch bei  AmazonThalia , Weltbild 

auch direkt beim Tredition-Verlag

Heft über Spurensuche als PDF

Auf der  BuchBerlin  haben mich viele auf das Info-Heft „Spurensuche“ angesprochen.

Leider war das Heft nicht im Verkauf.  Für alle, die Interesse an den Bildern und Informationen über die Spuren der Weimarer Republik im heutigen Berlin haben, stelle ich hier das Heft als PDF ein.

Spurensuche – Heute keine Schüsse

Einige Fotos ( von Büchern, die ich bei der Recherche benutzt habe) musste ich aus urheberrechtlichen Gründen herausnehmen.

Leserstimmen

Weimarer Republik, Berlin in der Weimarer Republik, Heute keine Schüsse, historischer Roman, Biografie

 

 

 

 

 

 

 

 

„treffende Darstellung der Weimarer Republik“
„Geschichte in verständlicher und unterhaltsamer Form“
„Glücksgriff“
„Brigitte Krächan erweckt das Berlin der Weimarer Republik noch einmal zum Leben“

 

Die ersten Leserstimmen zu „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“ sind online.

Es freut mich, dass meinen Lesern das Buch gefällt

Rezensionen bei:

Thalia 

Amazon

Lovelybooks 

 

 

Pressemitteilung

Ein Lehrstück für die Gegenwart?

„Heute keine Schüsse“ erzählt vom Berlin in der Zeit der Weimarer Republik.

Der vierte Roman der saarländischen Autorin Brigitte Krächan beschreibt in Tagebuchform das Leben des Walter Schachtschneider und hält die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in Berlin von 1917 bis 1933 fest.

Walter Schachtschneider ist Gehilfe in einer Berliner Kunstgalerie. Seine Arbeit bringt ihn in Kontakt mit der Kunstszene der Großstadt. Als er dem Kommunisten Fritz begegnet, lernt Walter auch das Elend der Menschen in den Mietkasernen und Hinterhöfen kennen. Er fühlt sich ohnmächtig angesichts der drängenden Probleme. Innerlich zerrissen im Für und Wider der möglichen Lösungen und politischen Programme flüchtet Walter in den Rolle des distanzierten Beobachters. Sein Nicht-Handeln führt jedoch letztlich zum Konflikt.
Brigitte Krächan hat Walters fiktive Geschichte in einen sorgfältig recherchierten historischen Kontext eingebunden. Walter spricht die Sprache des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts und beobachtet die Ereignisse aus der Sicht eines fiktiven Zeitzeugen. Der Autorin gelingt so eine spannende Nahaufnahme des Berlins der damaligen Zeit: Von der Gründung der Weimarer Republik, den politischen und sozialen Krisen, den wilden Goldenen 1920er bis zum Untergang der Demokratie im totalitären Regime des Nationalsozialismus.
„Bei der Recherche zu diesem Roman war ich überrascht, wie viele soziale und technische Entwicklungen in der Zeit der Weimarer Republik ihren Anfang nahmen. Gleichzeitig drängten sich mir immer wieder Vergleiche zu politischen Ereignissen der Gegenwart auf“, so Autorin Brigitte Krächan über ihr neues Werk, „ich habe mich oft gefragt, was wir aus der Geschichte gelernt haben und ob es uns gelingen wird, das Gelernte auch anzuwenden.“

Brigitte Krächan ist 1962 geboren, studierte Soziale Arbeit in Mainz und war viele Jahre in diesem Beruf tätig. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann im Saarland.

„Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“ von Brigitte Krächan ist ab sofort als Taschenbuch, 400 Seiten, und als ebook im Tredition Verlag oder alternativ unter ISBN 978-3-7469-1774-0 bzw. ISBN 978-3-7469-1776-4 erhältlich.

Alle weiteren Informationen zum Buch und eine Leseprobe

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Pressekontakt:
Brigitte Krächan,                                                                                                              Auf dem Echer 27                                                                                                                66571 Eppelborn                                                    brigitte.kraechan@googlemail.com

06806/86221

0175 4360623

 

 

 

 

 

wenn …dann

Ich weiß, ich mache alles richtig. So etwas muss gewissenhaft überlegt sein. Als sie ging, bin ich aufgestanden und rief im Büro an. Ich nahm mir für den ganzen Tag frei. Mein Chef war  nicht einverstanden. Urlaub! Eine Stunde vor Arbeitsbeginn!  Ich bot ihm an, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Und ich fügte erklärend hinzu, dass ich auf keinen Fall ins Büro kommen könne, dass ich wichtige Dinge zu entscheiden hätte und den ganzen Tag bräuchte, um darüber nachzudenken. Ich merkte, dass er mir nicht glaubte, aber es war mir egal. Sollte er mir kündigen! Ab morgen würde ich ohnehin nicht mehr zur Arbeit gehen – wenn ich heute die richtigen Entscheidungen traf. Aber dafür brauchte ich Zeit. Und eine Idee, wie ich systematisch und organisiert an die Sache herangehen konnte. Papier und Bleistift brauchte ich. Viel Papier! Und einen Radiergummi. Ich würde alles in Listen eintragen und dann meine Entscheidung treffen. Aber so einfach war das nicht mit den Listen. Der Inhalt meiner Listen sollte besser schon sortiert aufgelistet werden. Am besten wäre es, mir zuerst  Überschriften für die Listen zu überlegen. Und eine Negativliste musste ich anlegen. Darin würde alles stehen, was auf keinen Fall in den Listen auftauchen dürfte. Jeden einzelnen Punkt auf meinen Listen müsste ich, nachdem ich ihn aufgelistet hätte, genau abwägen. Ich würde alle Folgen, die kurzfristigen und die langfristigen, bedenken und dann die einzelnen Punkte gewichten. Ich beschloss, mir zunächst ein Bewertungssystem zu überlegen. Objektiv müsste es sein und weitsichtig. Auf keinen Fall dürfte ich die Auswirkungen zu kurzfristig beurteilen. Aber wie aussagekräftig wären langfristige Prognosen? Nur drei Punkte dürften auf meinen Listen nachher übrig sein. Diese drei Punkte müssten alles Positive umfassen und gleichzeitig alles Negative ausschließen. Nicht nur für mich, für alle! Mir war klar, dass die Zukunft der Menschheit,  unseres Planeten, sogar des Universums von diesen drei Punkten auf meinen Listen abhängen würde. Mächtig viel Verantwortung! Versteht ihr jetzt, warum ich an diesem Tage nicht zur Arbeit gehen konnte? Und ein falscher Satz, eine unbedachte Äußerung, und die Chance wäre vertan oder schlimmer: die Konsequenzen dieses Satzes könnten verheerend sein. Man kennt das doch, es gibt genügend Geschichten darüber. Sie sollten zur Warnung dienen. Und klar machen, dass man diese Aufgabe nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte. Nun, ich war schon immer ein besonders verantwortungsvoller Mensch gewesen. „Krämerseele“ hatte meine Frau mich genannt, bevor sie ging. Aber diese gewissenhafte  Krämerseele war es, die auserwählt wurde. Sie war zu mir gekommen! Ganz sicher, weil sie wusste, dass ich ihr Angebot sehr ernst nehmen und diese einmalige Chance nicht durch ein paar unbedachte Sätze versauen würde. Sie vertraute mir. Wenn nur mehr Zeit zum Überlegen wäre. Mehr Zeit zum Auflisten und Abwägen. Plötzlich wusste ich, was der erste von den drei Punkten auf meiner Liste sein musste: Mehr Zeit!  –  um die nächsten beiden Punkte mit all ihren Konsequenzen, allen Vor- und Nachteilen, auch im Hinblick auf viele Jahre im Voraus, zu formulieren, zu bedenken und schließlich zu bewerten. Mehr Zeit!  – Das war das Ergebnis eines ganzen Tages des Nachdenkens und Auflistens. Sie kam am frühen Morgen des nächsten Tages, und ich  präsentierte ihr mein Ergebnis. Kurz nachdem sie gegangen war, rief mein Chef an und meinte, weil ich gestern nicht zur Arbeit gekommen wäre, sei ein wichtiger Geschäftsabschluss danebengegangen. Er hätte sich entschieden, in Zukunft auf meine Arbeitskraft zu verzichten. Ich war erstaunt, wie schnell und mühelos sich die Dinge entwickelten. Aber eigentlich hatte ich nie daran gezweifelt. Nun hatte ich genügend Zeit, alles aufzulisten, zu bewerten und abzuwägen. Als erstes ging ich mir noch mehr Blöcke und Bleistifte und Radiergummis kaufen. Dann begann ich mit einer Liste, in die ich die Überschriften der Listen auflistete, und ich begann, ein Bewertungschema zu entwickeln. Ich kam gut voran und merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Aber ich hatte ja genug davon. Ich aß und schlief, ging kurz zum Einkaufen und arbeitete an meinen Listen. Irgendwann kamen Leute und wollten wissen, was genau ich da täte. Ich erklärte es ihnen. Sie meinten, ich müsste umziehen, weil ich die Miete schon lange nicht mehr bezahlt hätte. Ich zog um. Meine Listen durfte ich mitnehmen. Einmal ging mir das Papier aus, da habe ich meine Listen auf die Tapete geschrieben. Ich solle Bescheid sagen, wenn ich mehr Papier bräuchte, haben sie dann gemeint. Ich bekomme Papier, Bleistifte, etwas zum Essen und sie waschen meine Wäsche. Sie haben verstanden, dass ich mich vollkommen meinen Listen widmen muss. Sie wissen um die große Verantwortung, die ich auf mich genommen habe. Ich werde diese Aufgabe gewissenhaft zu Ende bringen.

Und dann wird sie wieder kommen und mich nach den beiden anderen Wünschen fragen.

Das Treffen

Er ist von seinem Tisch aufgestanden und Sophie entgegengegangen.
Lächelnd begrüßt er sie: „Schön, dass Du kommen konntest!“
Sophie ist unsicher. Sie blickt sich um: „Ich dachte, wir sollten uns besser eine Zeit lang nicht treffen.“
Beide setzen sich an den kleinen Tisch in der dunklen Ecke des Lokals. Liebevoll wendet er sich der zierlichen, blonden Frau zu. Er schaut ihr tief in die Augen: „Aber ich musste Dich sehen!“
Dann beugt er sich weit über den Tisch zu Sophie hin und flüstert: „Du bist noch schöner geworden.“
Sein After Shave. Sie hat es immer geliebt. Plötzlich wirkt es aufdringlich, gewöhnlich. Sie weicht zurück: „Wie geht es ihr?“
Sein Lächeln friert ein. Seine Augen scheinen einen Ton dunkler zu werden: „Sie kämpft. Sie ist zäh.“
Auch er lehnt sich zurück: „Bist du umgezogen?“
Sophies Augen meiden den Blickkontakt. Nervös spielen ihre Hände mit dem Glas auf dem Tisch. „Aus beruflichen Gründen. Die alte Wohnung war einfach zu weit entfernt von meiner Arbeitsstelle.“
Er beugt sich wieder nach vorne: „Und eine neue Handynummer hast du auch.“
Er legt seine Hand über ihre: “Es war nicht einfach, Dich zu finden.“
Sophie zieht ihre Hand zurück: „Ich hatte mein Handy verloren.“
Sie bemerkt das Misstrauen in seinen Augen: „Du hättest Dich melden können.“
Sophie weicht seinem Blick aus: „Wir sollten keinen Kontakt haben. Du hast es so gewollt. Solange bis …“
Er beugt sich weit zu Sophie hinüber: „Aber ich hätte nicht gedacht, dass es solange dauern würde. Sie leidet. Es ist fürchterlich! Zwei Monate geht es jetzt schon. Ich kann es kaum noch mit ansehen. Ich leide!“
Sophie zwingt sich, ihn anzusehen. Dieses Selbstmitleid! Sie hatte es früher nie bemerkt. „Vielleicht ist es falsch. Vielleicht solltest Du es lassen.“
Sein Blick wird hart: „Es gibt kein Zurück. Ich muss wissen, dass Du da bist. Danach. Wirst Du da sein?“                                                                                                   Sophie weicht dem fragenden Blick aus: „So hatte ich es mir nicht vorgestellt.“
„Wirst Du da sein?“
„Ich sollte jetzt gehen. Bevor uns jemand zusammen sieht.“

Abhauen

Widerwillig wandte sich Sarah ihrem Bruder zu:  „Was willst Du?“ Tim hatte sie eingeholt. Er versuchte im Schritttempo neben ihr herzufahren. Das Rad schlingerte und drohte umzukippen. Tim war kein guter Radfahrer. Er hielt an und stieg ab: „Jetzt warte doch!“ Aber Sarah ging mit schnellen Schritten weiter. Tim zeigte auf die große Umhängetasche: „Gehst Du weg? Ich meine echt? Für länger?“ Sarah blieb stehen und drehte sich nach ihrem kleinen Bruder um: „Nach was sieht’s denn aus? Nach Picknick?“ „Aber sie haben das bestimmt nicht so gemeint. Sie wollen nicht wirklich, dass Du weggehst.“ Ungelenk versuchte Tim einen Arm um die Schulter seiner Schwester zu legen. „Lass das!“, Sarah schüttelte Tims Arm ab. „Du hast sie doch gehört: Internat. Zu den Betschwestern wollen sie mich schicken. Ohne mich!“ Unschlüssig stand Tim vor seiner Schwester:  „Aber da sind bestimmt viele Mädchen in Deinem Alter. Dort hast Du Gesellschaft und Du wirst Abitur machen. Das ist gut für Dich, hat Mama gesagt.“ Ärgerlich äffte Sarah ihren Bruder nach: „Das ist gut für dich, hat Mama gesagt. Du hast keine Ahnung! Ich bin ihr nur im Weg. Weil ich nicht in ihre spießige Familie passe. Sie, Rüdiger und Du: Ihr seid die Familie. Du hast sie doch gehört: ich bin wie mein Vater: Asozial und egoistisch“, Sarahs Stimme bebte, „ich bin gewissermaßen der Stachel in ihrem spießigen Leben, der Fleck auf der weißen Sonntagstischdecke, wenn sie ihre Freundinnen zum Kaffeekränzchen empfängt. Die schieben mich ab, ins Internat. So ist das. Aber ich lasse mich nicht wegsperren.“ Erschrocken schaute Tim seine Schwester an: „ Du willst wirklich weglaufen? Es wird bald dunkel. Sie werden sich Sorgen machen.“ Sarah schüttelte den Kopf und zeigte die Straße hinunter: „Sie haben mitbekommen, wie ich meine Sachen gepackt habe. Sie haben mich gehen lassen. Schau: Kein Rüdiger im BMW. Keine Monika im schicken Beatle.“ Sarah fasste grob die Schultern ihres Bruders und drehte ihn zur Straße: „Schau genau, kleiner Bruder: Niemand da, um mich aufzuhalten. Passt gerade nicht in ihren Terminkalender, dass die Tochter abhaut. Denen ist das scheißegal.“ Sarah fühlte, wie ihr Bruder unter ihrem Griff zusammenzuckte. Sie gab sich Mühe nicht in sein Gesicht zu schauen. Tränen konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Sie spürte, wie verzweifelt Tim nach Argumenten suchte. „Aber Du bist erst fünfzehn und es wird bald dunkel, wo gehst Du denn hin?“ Sarah überlegte, ob sie Tim in ihre Pläne einweihen sollte. Aber sie kannte Tim. Ein vorwurfsvoller Blick ihrer Mutter und Tim würde alles verraten. Jetzt war es Sarah, die ihrem Arm um die Schultern ihres kleinen Bruders legte: „Mach Dir keine Sorgen, ich komme schon klar.“ Tim nickte und atmete tief durch, ungeschickt griff er mit der linken Hand in seine rechte Hosentasche und zog einen Geldschein heraus. „Da“, Tim hielt Sarah fünfzig Euro unter die Nase, „den habe ich von Oma zum Geburtstag bekommen. Da kannst Du Zug fahren oder Essen kaufen. Ich weiß doch, dass Mama Dein Taschengeld gestrichen hat.“ Sarah schluckte. Sie hatte sich eben noch aus dem Portemonnaie ihrer Mutter bedient. Das wusste Tim nicht. Auf diese Idee würde er nicht einmal im Traum kommen. Mit einem traurigen Lächeln griff Sarah nach dem Geld und kniff Tim liebevoll in die Wange: „Danke, kleiner Bruder! Du bist der beste Bruder der Welt. Und jetzt beeil Dich, dass Du nach Hause kommst. Babies sollten um diese Zeit nicht mehr auf der Straße sein!“ Widerwillig stieg Tim auf sein Fahrrad. „Ich bin kein Baby mehr, ich bin schon sechs Jahre alt“, rief er Sarah zu und radelte davon.

Sarah sah ihrem Bruder nach, bis er in die Sackgasse zu ihrem Haus einbog, dann drehte sie sich um, wischte sich die Tränen aus den Augen und ging weiter Richtung Tankstelle. Sie würde es so machen wie die Ausreißerinnen in den Filmen. Sie würde einen LKW Fahrer ansprechen und fragen, ob er sie mitnehmen kann. Wohin wäre egal, erst einmal raus aus Kassel. Und dann würde sie sich irgendwie nach Lauenstein durchschlagen. Sie würde einfach zum Tannenweg 13 gehen. Vielleicht. Oder sie würde anrufen. Sie hatte die Telefonnummer. Es hat alles bei Facebook gestanden. Und er hatte nett geschrieben. „Schön von dir zu hören“, hatte er geantwortet, „vielleicht können wir uns irgendwann einmal treffen.“ Das war zwar nicht direkt eine Einladung. Aber er würde sie bestimmt nicht wegschicken, wenn sie vor seiner Tür stand. Und wenn er eine Familie hatte? Sarah hatte sich nicht getraut zu fragen.

„Nö Kleine“, der LKW Fahrer schüttelte den Kopf, „geh Du mal ganz brav wieder nach Hause, ich nehme ganz bestimmt keine Minderjährigen mit.“ Enttäuscht wandte sich Sarah ab. Das war schon der dritte Versuch. Sie hatte es sich einfacher vorgestellt. Vielleicht doch zum Bahnhof? Sarah wollte sich gerade auf dem Weg zum Bahnhof machen, als ein grauer PKW neben ihr anhielt. „Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Fahrer durch das offene Seitenfenster. Sarah trat an den Wagen heran und musterte den Fahrer. Mindestens vierzig und er wirkte genau so spießig wie Rüdiger. „Weiß nicht“, antwortete Sarah, „Lauenstein vielleicht.“ Der Fahrer griff über die Beifahrerseite und öffnete die Tür. „Wenn Du willst – bis Hildesheim kann ich Dich mitnehmen.“ Sarah wusste, dass Hildesheim irgendwo in der Nähe von Lauenstein lag. Sie wusste auch, dass sie eigentlich nicht zu einem Fremden in den Wagen steigen sollte. Aber man sollte auch nicht von zu Hause weglaufen. Und wer sich für das eine entschied, musste das andere wohl in Kauf nehmen. Sarah stieg ein. „Danke!“ Sie legte den Sicherheitsgurt an, während der Fahrer den Wagen aus der Tankstelleneinfahrt lenkte. Sarah entspannte sich, als der Wagen tatsächlich den Hinweisschildern zur A7 Richtung Hildesheim folgte. „Besuchst Du Freunde in Lauenstein?“ Sarah nickte. „Und sie erwarten Dich?“ Erneut nickte Sarah. Sie wollte nicht unhöflich sein, aber sie hatte auch keine Lust, sich mit dem Fremden zu unterhalten. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, steckte die Kopfhörer ein, schloss die Augen und gab vor, Musik zu hören. Der Fahrer stellte die Musik im Wagen lauter. Nach ungefähr einer halben Stunde spürte Sarah, dass der Wagen langsamer wurde und öffnete die Augen. Ausfahrt Nordheim-Nord. „Warum fahren wir ab?“ Sarah hatte sich aufgesetzt. „Ich dachte, Sie fahren nach Hildesheim.“ „Kein Grund zur Aufregung“, antwortete der Fahrer. „Du wolltest  nach Lauenstein. Hast Du mal auf die Uhr geguckt? Wenn wir in Hildesheim ankommen ist es schon nach Zehn. Dann gurkst Du um Mitternacht noch in der Gegend herum. Für mich ist Lauenstein nur ein kleiner Umweg.“ Die Stimme des Fahrers klang freundlich und was er sagte war glaubwürdig, trotzdem vertraute Sarah ihm nicht. Ihr fielen Filmszenen ein, in denen jungen Anhalterinnen genau das passierte, was jetzt mit ihr geschah. Unauffällig rückte Sarah näher zur Tür. Der Fahrer grinste. „Was ist los? Hast Du Angst, ich würde mit Dir auf einen einsamen Waldweg abbiegen?“ Mit einem Knopfdruck verriegelte er die Türen. „Nicht, dass Du panisch aus dem fahrenden Wagen springst.“ „Was haben Sie vor?“, fragte Sarah. Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Nichts habe ich vor“, erwiderte der Fahrer. „Außer: Dir vielleicht eine kleine Lektion zu erteilen, an die Du Dich mit Sicherheit erinnern wirst, bevor Du wieder in ein fremdes Auto steigst.“ Der Fahrer schaute zu Sarah hinüber. „Was denkst Du?“, grinste er, „werden wir da vorne auf den Waldweg einbiegen oder nicht?“ In diesem Moment knallte es. Blech kreischte, der Wagen drehte sich um seine Achse und blieb entgegen der Fahrbahnrichtung stehen. Aus den Augenwinkeln konnte Sarah erkennen, wie ein anderer Wagen von der Straße abkam und am Rand der Böschung verschwand. Sarah hörte, wie Äste brachen. Dann wurde es still. „Wieso haben sich die Airbags nicht geöffnet?“, ging es Sarah durch den Kopf. Sie schaute zum Fahrer hinüber. Er saß regungslos hinter dem Steuer und atmete tief ein und aus. „Bist du okay?“ fragte er schließlich. Sarah nickte: „Ich glaube schon. Aber wir müssen nach dem anderen Wagen sehen.“ Sie deutete hinüber zum Straßenrand zu der Stelle an der der Wagen verschwunden war. „Da vorne irgendwo ist er die Böschung hinunter. Wir müssen aussteigen und…“ „Gar nichts müssen wir! Der Kerl hat mir die Vorfahrt genommen“, entgegnete der Fahrer wütend. „Aber wir müssen den Notarzt rufen, erste Hilfe leiste oder so“, Sarah zerrte an der Wagentür: „Jetzt machen Sie doch die Tür auf!“ Der Fahrer schüttelte den Kopf. „Wir werden gar nichts machen. Was soll ich der Polizei sagen, wenn sie mich fragt, warum ich hier mitten in der Nacht mit einer Minderjährigen durch die Gegend fahre?“ Sarah zerrte weiter an der Wagentür. Die Zentralverriegelung! Irgendwo musste der Knopf sein! An Rüdigers Auto gab es den doch auch! Hastig drückte Sarah alle Knöpfe, die sie am Armaturenbrett erreichen konnte. Mit einem Klicken schaltete die Zentralverriegelung auf offen. Sarah riss die Wagentür auf. „Scheiße! Bleib da! Warte doch mal!“ hörte Sarah hinter sich, als sie in die Dunkelheit lief. Sie flüchtete von der Straße in ein kleines Wäldchen. Atemlos kauerte sie sich in eine Mulde. Sie hörte das Rufen und Fluchen des Fahrers und rührte sich nicht. Schließlich gab er auf. Sarah wartete, bis sie seinen Wagen davonfahren hörte. Dann kletterte sie wieder auf die Straße. Ihre Beine zitterten und ihr war kalt. Etwas kribbelte an ihren Wangen. Sarah wollte es wegwischen und bemerkte, dass sie weinte. Zögernd ging sie zu der Stelle, an der der andere Wagen von der Straße abgekommen war. Sie schaute die Böschung hinunter. Aber da war nichts. Nur Dunkelheit und das Zirpen der Grillen. „Ob ich rufen sollte?“, überlegte sie. Schwieg aber. Sie fürchtete, eine Antwort zu erhalten. „Ich könnte so tun, als sei nichts geschehen. Eigentlich ist nichts geschehen. Alles ist so, wie es war. Sogar meine Tasche habe ich noch. Ich könnte einfach gehen, als sei nichts passiert. Sarah verstand nicht, warum sie plötzlich an Tim dachte. Der kleine Tim, der seine große, coole Schwester so vorbehaltlos bewunderte. „Man muss helfen, man darf nicht einfach weggehen.“ „Du hast recht, Tim.“ Mit bebenden Fingern wählte Sarah die Notrufnummer.

Sie solle bleiben, wo sie sei, sagten sie. Und so saß Sarah immer noch an der Böschung als die Polizei und der Notarzt eintrafen. Das flackernde Blaulicht setzte den Wald gespenstisch in Szene. Sarah hatte das Gefühl, als würde das alles nicht wirklich geschehen, als sei sie nur Zuschauer bei einem ziemlich dramatischen Theaterstück. Ihr wurde eine Decke umgelegt und man brachte sie zum Krankenwagen. Sie konnte beobachten, wie die Feuerwehr eintraf und mit Scheinwerfern die Böschung ausleuchtete. Dann schloss man die Tür des Krankenwagens und eine Ärztin fragte, was passiert sei. Sarah war mit einem Mal unendlich müde. „Ich war auf dem Weg zu meinem Vater“, antwortete sie nur, nannte der Ärztin die Adresse und Telefonnummer ihres Vaters in Lauenstein und wartete teilnahmslos, als die Ärztin ausstieg, um sich mit den Polizisten zu unterhalten. Schließlich öffnete sich die Tür des Krankenwagens und die Ärztin stieg wieder ein. „Ich habe gerade mit Deinem Vater telefoniert. Er schien erstaunt, aber er sagte, er würde sich sofort auf den Weg machen, um Dich abzuholen.“ Sarah lächelte. „Danke! Und“, sie zögerte, „könnten Sie bitte auch meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass es mir gut geht?“