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heute vor 100 Jahren – Leseprobe aus „Heute keine Schüsse“

05.01.1920, Donnerstag
Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Die letzten Kriegsgefangenen kehren heim.
Überall auf den Straßen sieht man hagere, müde Männer mit Pappschildern Suche Arbeit.
Heute wurde das Reichsamt für Arbeitsvermittlung eröffnet. Viele hoffen auf Friedrich Syrup vom Demobilisierungsministerium und darauf, dass es ihm gelingt, die Kriegsheimkehrer in Brot und Arbeit zu bringen
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13.01.1920, Dienstag   
Die Arbeiter demonstrierten am Mittag auf dem Königsplatz. Sie fürchten um ihre Rechte. Es war eine große Menschenmenge, Männer und Frauen. Selbst auf meinem Heimweg durch den Tiergarten traf ich noch auf Demonstranten. Die Stimmung war angespannt und gereizt, auch Schüsse fielen.
Später berichtete das Berliner Abendblatt von zweiundvierzig Toten und vielen Verletzten. Politiker von USPD und KPD wurden verhaftet.
Ich denke an Fritz. Ob er sicher ist in Moskau?
 Am Abend sagte Elsa, dass ihr Bruder Phillip nach Döbritz gegangen sei, um sich den Feldgrauen der Brigade Ehrhardt anzuschließen. Er könne den falschen Frieden der Republik nicht ertragen. Er wolle der radikalen Linken die Stirn bieten – und das mit militärischen Mitteln. Elsa fürchtet um den Bruder, der sich weit von ihr entfernt hat.
… Bei Phillip war es sicher nicht die Flucht vor einer geregelten Arbeit, die ihn bewogen hat, alle bürgerlichen Beschäftigungen abzulehnen. Es ist die Sehnsucht nach der ehrlichen, aufrichtigen Kameradschaft, nach einer Ordnung, die ihm Berlin in seiner Zerrissenheit nicht geben kann.

10.01.1920, Sonnabend

Der Frieden ist nun tatsächlich gemacht. Der Friedensvertrag von Versailles ist unterschrieben. So wird man nun die Forderungen des Vertrages erfüllen müssen.

Beim Frühstück im Adlon am Brandenburger Tor diskutierten am Nebentisch Geschäftsleute den Vertrag. Sie waren sich einig: Deutschland wird die Forderungen des Vertrages niemals erfüllen können. Die Hälfte der Eisenerzförderung und ein Viertel der Steinkohleförderung soll als Wiedergutmachung an die Entente geliefert werden. Dazu siebzehn Prozent der Kartoffelernte und dreizehn Prozent der Weizenernte. Dabei wurden die großen Ländereien im Osten an Polen gegeben. Womit soll das Reich seine Bürger ernähren? Darüber hinaus muss Deutschland Leistungen in Geld, Gold und Sachleistungen erbringen: Lokomotiven, Schiffe, ja ganze Industrieanlagen gehen nach Frankreich und England. Wie soll das Volk wieder auf die Beine kommen? Viele meinen, die Regierung und das Volk müssen gegen den Vertrag sprechen. Dazu die Demobilmachung. Keine Marine, keine Flugzeuge, keine Panzer. Eine Demütigung! Ein Staat ohne schlagkräftige Armee ist kein richtiger Staat, sagen die Nationalen.

Es herrscht immer noch Hochwasser an Rhein und Mosel. Die Schifffahrt wurde eingestellt, dadurch gibt es kaum noch Kohlelieferungen nach Berlin und das mitten im Winter.  Die Rohstoffe sind knapp und teuer. Von Wilhelm weiß ich, dass das Rheinland lieber gegen Devisen ins Ausland liefert. Die Reichsmark verliert immer mehr an Wert, je stärker die Regierung die Notenpresse einsetzt, um den Haushalt auszugleichen.

Die Berliner Betriebe fordern von ihren Arbeitern mehr Arbeit für weniger Lohn. Es gibt wieder Streiks in Berlin.

03.01.1920, Sonnabend
Keine Züge aus dem Ruhrgebiet. Streik der Eisenbahner überall im Reich. Die Gewerkschaft begründet den Streik mit der wachsenden finanziellen Not ihrer Mitglieder.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

1920

 01.01.1920, Donnerstag

Mit großem Spektakel hat Berlin das neue Jahr begrüßt.

Ich habe Ernst zum Silvesterball im Palmensaal des Esplanades begleitet. Zwar gibt es seit März als Folge des Belagerungs­zustandes wieder ein Tanzverbot, aber die Berliner kümmert das wenig. Es war turbulent. Ernst ist ein guter Tänzer, er könnte im Esplanade wohl auch Geld als Eintänzer verdienen. Die Damen der Gesellschaft schienen recht vertrauten Umgang mit ihm zu haben. Sie mögen sein vornehmes Benehmen, seine schlanke Figur, die wohlformulierten Komplimente. Ich hoffe, er gibt Margarete keinen Grund zur Eifersucht. Vielleicht werde ich mit der Schwester reden. Sie sollte Ernst zu diesen Anlässen begleiten, anstatt zu Hause Teegesellschaften zu geben.

Den Schwager hielt es nicht lange auf dem Ball. Und so zogen wir in einer fidelen Gruppe weiter in eines der Lokale, wie es jetzt viele in Berlin gibt. Wo bis morgens getanzt und ge­trunken wird. Hier verkehren Geschäftsleute und Unternehmer, die in einer Nacht ein Vielfaches von dem ausgeben, was ihre Arbeiter in einem Monat verdienen. Dazwischen die Mädchen, die auf eine einträgliche Bekannt­schaft hoffen. Und die mittellosen Künstler, die dem Reichtum hofieren in der Hoffnung auf einen Mäzen oder nur ein reichhaltiges Mahl.

So ist Berlin: Hier das wilde Tanzen und Vergnügen, rastlos und zügellos, und daneben die Millionen in großer Not.

Heute Morgen im BT die Neujahrsansprache des Reichspräsidenten. Ebert fordert alle Deutschen auf, in der Not zusammen zu stehen und gemeinsam jeder da, wo er stehe, für den Wiederaufbau des Vaterlandes sein Äußerstes zu tun. Werden die Demokraten ihm folgen? Seinen Worten fehlte das Pathos, das das deutsche Volk so sehr liebt.

Witten, 26.12.1919, Freitag, Weihnachten

Hochwasser an Rhein, Mosel und Main. In Köln wurde der Hafenverkehr eingestellt. Wilhelm befürchtet, dass schon bald die Ruhr über die Ufer treten könne. Er überlegt, das im Tal gelegene Werk zu räumen.

Für die nächsten Tage ist zudem strenger Frost vorausgesagt. So wird der Vater vorerst nicht mit nach Berlin kommen.

Margarete plant ebenfalls, noch länger in Witten zu bleiben und Auguste etwas zur Hand zu gehen. Als ob Auguste die Hilfe ihrer Schwägerin benötigt! Es ist wohl eher das alte Heimweh, das Margarete die Abreise hinausschieben lässt.

Mich braucht Radke in Berlin. Die Hängung für die Ausstellung beginnt. Ernst wird mich begleiten, er möchte ungern auf die Silvesterfeiern in Berlin verzichten. Als er sich leichten Herzens von Margarete und den Mädchen verabschiedete, meinte er augenzwinkernd:

„Man erwartet, dass ich in der Illustrierten Wochenzeitung exklusiv über die Silvesterspektakel berichte.“

Witten, 25.12.1919, Donnerstag, Weihnachten

Erste Friedensweihnacht seit 1914. Und die erste Weihnacht ohne die Mutter und Ludwig. Dank meiner Nichten und Neffen sind es dennoch fröhliche Weihnachtstage. Viel Lachen und leichtes Plaudern. Paul freute sich unbändig, seine kleine Freundin Elise wieder zu sehen. Marie-Cläre ist nun auch schon ein halbes Jahr alt. So lange ist die Mutter schon tot. Augustes Wunsch nach einem Mädchen hat sich nicht erfüllt. Im September wurde Heinrich geboren. Es gab Scherze und Späße über das ungerechte Schicksal, das beiden Familien das falsche Baby bescherte. Ob man nicht tauschen solle. Natürlich meint niemand dies ernsthaft. Einzig mein Schwager hielt sich zurück, er scheint immer noch zu grollen, weil ihm bis heute kein Stammhalter vergönnt ist.

Das politische Reden war ruhiger als die letzten Jahre. Als würde auch in unserer Familie so langsam der Frieden einkehren. Der Vater war sehr angetan von meiner Empfehlungsliste. Er wird die Bilder selbst in Augenschein nehmen und plant, uns nach den Festtagen nach Berlin zu begleiten. Nur Wilhelm kommt mir angespannt und niedergeschlagen vor. Er nimmt sich kaum Zeit für eine ruhige Mahlzeit. Eilt auch während der Feiertage immer wieder zur Fabrik. Beim Nachmittagsspaziergang sprach ich Auguste darauf an. Sie erzählte, dass ihn die Bedingungen des Friedens bedrücken.

„Die Demobilmachung. Man verlangt nun von unseren Arbeitern, dass sie die Granaten, die sie einst gebaut haben, selbst zerstören. Das ist hart. Es trübt die Stimmung und die Arbeitsfreude. Außerdem gibt es einen Mangel an billigen Arbeitskräften zu beklagen. Unsere Fremdarbeiter aus dem besetzten Belgien sind heimgekehrt, und die Sprecher der deutschen Arbeiter fordern mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Der Achtstundentag ist ein gutes Beispiel. Die Gewerkschaften machen den Arbeitern Versprechen und die Unternehmer müssen nachher dafür gerade stehen.“

Ich war erstaunt, wie sachkundig Auguste über diese Angelegenheiten sprach. Kumpelhaft hängte sie sich bei mir ein, prüfte, ob das Kindermädchen mit dem Kinderwagen nachkam und meinte lächelnd:

„Allerdings brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Es sind viele da, die Brot und Arbeit brauchen. Und zu tun gibt es auch genug. Der Vater hat Wilhelm Aufträge aus dem Ausland vermittelt. Außerdem werden Kohle und Stahl immer gebraucht. Wilhelm hat große Pläne im Maschinenbau: Teile für Lastwagen, Lokomotiven. Und die Linke ist ja wohl endgültig geschlagen und das Gespenst der Enteignung damit auch.“

05.12.1919, Freitag

Gestern ging ich auf dem Heimweg von Radke am König Wilhelm Gymnasium in der Viktoriastraße vorbei. Gedächtnisfeier für die gefallenen Schüler stand am Eingang plakatiert, darunter die Namen der Gefallenen. Mehr als hundert Schüler waren aufgelistet. Sogar Sechzehnjährige sind in den Krieg gegangen. Und gerade von den ganz jungen, den unerfahrenen, sind nur wenige heimgekehrt. In ihrer Seele verletzt, sind sie für das Lernen und Studieren auf ewig verdorben.

Ich muss dringlich mit Radke über eine Gedächtnis­ausstellung sprechen. Es soll mehr sein als ein einfaches Gedenken. Ein Vermächtnis soll es sein. Kein einfaches Erinnern, sondern ein Mahnen.

Man muss die Jungen gewinnen, dass sie die Werke der Toten würdigen und vollenden. Ob Radke mein Anliegen versteht? Ob ich überhaupt einem beibringen kann, was ich meine? Jetzt fehlt Ludwig, der so leicht diese Dinge in Worte zu fassen vermochte.

Die jungen Poeten sollen die Werke der gefallenen Maler und Bildhauer beschreiben. Die jungen Maler sollen die Lyrik und die Prosa der toten Dichter mit Graphiken illustrieren. Es soll eine Ausstellung werden und eine Lesung. Vielleicht findet man auch einen Komponisten, begabt, mit großer Zukunft, der auf dem Feld geblieben ist, dessen Musik soll der Rahmen sein. Ich wünschte mir, Radke gäbe mir freie Hand für dieses Projekt. Man muss in den Akademien anfragen und an den Kunstgewerbeschulen. Und Ernst muss genügend Finanzen bekommen, um einen ganz außergewöhnlichen Katalog aufzulegen.

18.11.1919, Dienstag
Heute sagt Hindenburg vor dem Ausschuss für Kriegsschuld aus.
 
19.11.1919, Mittwoch
Ernst erzählte, dass Hindenburg vor dem Ausschuss für Kriegsschuld erklärt habe, die Truppe sei im Feld unbesiegt gewesen, der Krieg sei nur verloren worden, weil die Revolutionäre in der Heimat dem Heer in den Rücken fielen.
Die Revolution habe dem Heer im letzten Augenblick den Dolch in den Rücken gestoßen.
So scheint es, als werde man nun den Fürsprechern des Friedensvertrages die Last der Niederlage aufbürden.
 
09.11.1919, Sonntag
Revolutionsfeiertag.
Vor einem Jahr hat Scheidemann die Deutsche Republik ausgerufen.
Noch ist es unmöglich, das Ganze zu übersehen. Wird es der Regierung gelingen, das Chaos zu bewältigen? Die Nationalversammlung ist innerlich zerrissen. Parteien, die einander hassen und bekriegen. Dabei müssten sie jetzt zusammenstehen, um gegen die Verelendung der Massen zu kämpfen. Überall Arbeitslose. Kurzarbeit, Entlassungen, Schließungen. Wer Arbeit hat, wird ausgebeutet. Es gab in den letzten Monaten keinen Tag ohne Streik. Dazu der Kohlemangel. Auch die Zeche in Witten fördert für das Ausland, statt ins Inland zu liefern. Und die Bestimmungen des Friedensvertrages laden dem deutschen Volk eine enorme Bürde auf. Sein Ansehen in der Welt ist geschädigt. Die Demobilmachung und die Reparationszahlungen werden Wirtschaft und Heer für lange Zeit zu Boden drücken.
Täglich kehren Kriegsgefangene heim. Radkes Sohn Phillip ist immer noch nicht frei. Die deutsche Regierung hat an Frankreich appelliert, die Kriegsgefangenen freizulassen.

08.11.1919, Sonnabend

Zu Mittag haben Ernst und ich in der Markgrafenstraße Radkes Einladungsliste besprochen.

Ernst sagte mir, dass Hugo Haase gestern gestorben sei. Angeblich habe ein Geisteskranker geschossen. Aber niemand glaubt diese Version. So wird Mord zum Mittel des politischen Disputs und mir scheint, das Volk gewöhnt sich daran.

Trotz der eisigen Kälte und des schmerzenden Knies spazierte ich mit Margarete und den beiden Mädchen zur Spree. Es war ein liebliches Bild, wie die kleine Elise ihr Schwesterchen im Kinderwagen schob, sorgsam darauf bedacht, dass das Gefährt dem Ufer der Spree nicht zu nahe kam. Margarete wird langsam mit Berlin vertraut. Sie erzählte, dass Frau Radke sie in ihre Kreise eingeführt habe:

„Alles gute, angesehene Menschen. Man glaubt sich fast im heimischen Witten. Die gleichen Themen und Sorgen. Ich begleite Trude gerne zu den privaten Kaffeegesellschaften. Ich denke, ich werde in der nächsten Zeit selbst einige Einladungen geben. Trude hat mich überredet, mit ihr über den Kurfürstendamm zu flanieren. Dieses Romanische Café sagt mir allerdings gar nicht zu. Wie ein großer Bahnhofswartesaal: dunkel, ungemütlich, schlechter Kaffee und alter Kuchen. Dazu unordentlich gekleidete Menschen, die lauthals lachen und debattieren. Ja“, Margarete nickte, sich erinnernd, „tatsächlich eine Stimmung wie in einer Wartehalle.“

Ich dachte an Werner und die andern Künstler: Maler, Dichter, Komponisten, deren liebster Treffpunkt das Romanische Café ist. Die vortreffliche Beobachtungsgabe meiner großen Schwester: eine Wartehalle der Künstler. Warten auf Inspiration, Ruhm, den gelungenen Vertragsabschluss, den reichen Mäzen, die Aufnahme in die richtige Vereinigung, die hilft, den Weg zu bereiten auf die großen Bühnen und in die bekannten Ausstellungshallen.

Margarete rühmte Elsa, die liebenswerte Tochter Radkes. Dass sie so herzlich mit den Kleinen umgehe und immer zur Stelle sei, wenn eine zusätzliche Hand bei den Kindern gebraucht werde. Ob ich wohl wisse, dass das Mädchen ein großes Interesse an mir habe und sich eine gewisse Hoffnung mache, fragte sie.

„Wohl ist es eher Radke, der eine bestimmte Hoffnung hegt“, entgegnete ich lachend. Doch Margarete ließ mir meine leichtfertige Einstellung in dieser Angelegenheit nicht durchgehen. Sie nahm mir das Versprechen ab, behutsam mit der jungen Elsa umzugehen.

30.09.1919, Dienstag

Die Nationalversammlung tagt zum ersten Mal im Reichstagsgebäude. Anscheinend ist Berlin nun bereit für seine Regierung.

22.08.1919, Freitag

Das BT schreibt, dass die Deutschnationalen und die Unabhängigen der Vereidigung ferngeblieben sind. Ein kindisches Benehmen. Mir scheint, diese Parteien müssen die Demokratie erst noch lernen. Viele scheinen keine demokratische Zukunft zu wollen.

Dazu Ullsteins Zeitung, die gerade heute ein Bild des Reichspräsidenten gemeinsam mit Noske in Badekleidung bringt. Eine Aufmachung, die eines Reichspräsidenten wahrlich nicht zur Ehre gereicht. Dazu der Text:

Bei solchem Personal kann die Republik nur baden gehen.

 

21.08.1919, Donnerstag

Vereidigung Eberts in der Nationalversammlung.

14.08.1919, Donnerstag

Heute tritt die neue Verfassung in Kraft. Noch immer hält sich die Regierung in Weimar auf. Es wird Zeit, dass sie in die Hauptstadt zurückkehrt.

aus „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“

als Taschenbuch, Hardcover, e-Book

erhältlich bei:

jeder örtlichen Buchhandlung

oder z.B. auch bei  AmazonThalia , Weltbild 

auch direkt beim Tredition-Verlag

Heft über Spurensuche als PDF

Auf der  BuchBerlin  haben mich viele auf das Info-Heft „Spurensuche“ angesprochen.

Leider war das Heft nicht im Verkauf.  Für alle, die Interesse an den Bildern und Informationen über die Spuren der Weimarer Republik im heutigen Berlin haben, stelle ich hier das Heft als PDF ein.

Spurensuche – Heute keine Schüsse

Einige Fotos ( von Büchern, die ich bei der Recherche benutzt habe) musste ich aus urheberrechtlichen Gründen herausnehmen.

Leserstimmen

Weimarer Republik, Berlin in der Weimarer Republik, Heute keine Schüsse, historischer Roman, Biografie

 

 

 

 

 

 

 

 

„treffende Darstellung der Weimarer Republik“
„Geschichte in verständlicher und unterhaltsamer Form“
„Glücksgriff“
„Brigitte Krächan erweckt das Berlin der Weimarer Republik noch einmal zum Leben“

 

Die ersten Leserstimmen zu „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“ sind online.

Es freut mich, dass meinen Lesern das Buch gefällt

Rezensionen bei:

Thalia 

Amazon

Lovelybooks 

 

 

Pressemitteilung

Ein Lehrstück für die Gegenwart?

„Heute keine Schüsse“ erzählt vom Berlin in der Zeit der Weimarer Republik.

Der vierte Roman der saarländischen Autorin Brigitte Krächan beschreibt in Tagebuchform das Leben des Walter Schachtschneider und hält die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in Berlin von 1917 bis 1933 fest.

Walter Schachtschneider ist Gehilfe in einer Berliner Kunstgalerie. Seine Arbeit bringt ihn in Kontakt mit der Kunstszene der Großstadt. Als er dem Kommunisten Fritz begegnet, lernt Walter auch das Elend der Menschen in den Mietkasernen und Hinterhöfen kennen. Er fühlt sich ohnmächtig angesichts der drängenden Probleme. Innerlich zerrissen im Für und Wider der möglichen Lösungen und politischen Programme flüchtet Walter in den Rolle des distanzierten Beobachters. Sein Nicht-Handeln führt jedoch letztlich zum Konflikt.
Brigitte Krächan hat Walters fiktive Geschichte in einen sorgfältig recherchierten historischen Kontext eingebunden. Walter spricht die Sprache des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts und beobachtet die Ereignisse aus der Sicht eines fiktiven Zeitzeugen. Der Autorin gelingt so eine spannende Nahaufnahme des Berlins der damaligen Zeit: Von der Gründung der Weimarer Republik, den politischen und sozialen Krisen, den wilden Goldenen 1920er bis zum Untergang der Demokratie im totalitären Regime des Nationalsozialismus.
„Bei der Recherche zu diesem Roman war ich überrascht, wie viele soziale und technische Entwicklungen in der Zeit der Weimarer Republik ihren Anfang nahmen. Gleichzeitig drängten sich mir immer wieder Vergleiche zu politischen Ereignissen der Gegenwart auf“, so Autorin Brigitte Krächan über ihr neues Werk, „ich habe mich oft gefragt, was wir aus der Geschichte gelernt haben und ob es uns gelingen wird, das Gelernte auch anzuwenden.“

Brigitte Krächan ist 1962 geboren, studierte Soziale Arbeit in Mainz und war viele Jahre in diesem Beruf tätig. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann im Saarland.

„Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“ von Brigitte Krächan ist ab sofort als Taschenbuch, 400 Seiten, und als ebook im Tredition Verlag oder alternativ unter ISBN 978-3-7469-1774-0 bzw. ISBN 978-3-7469-1776-4 erhältlich.

Alle weiteren Informationen zum Buch und eine Leseprobe

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Pressekontakt:
Brigitte Krächan,                                                                                                              Auf dem Echer 27                                                                                                                66571 Eppelborn                                                    brigitte.kraechan@googlemail.com

06806/86221

0175 4360623

 

 

 

 

 

wenn …dann

Ich weiß, ich mache alles richtig. So etwas muss gewissenhaft überlegt sein. Als sie ging, bin ich aufgestanden und rief im Büro an. Ich nahm mir für den ganzen Tag frei. Mein Chef war  nicht einverstanden. Urlaub! Eine Stunde vor Arbeitsbeginn!  Ich bot ihm an, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Und ich fügte erklärend hinzu, dass ich auf keinen Fall ins Büro kommen könne, dass ich wichtige Dinge zu entscheiden hätte und den ganzen Tag bräuchte, um darüber nachzudenken. Ich merkte, dass er mir nicht glaubte, aber es war mir egal. Sollte er mir kündigen! Ab morgen würde ich ohnehin nicht mehr zur Arbeit gehen – wenn ich heute die richtigen Entscheidungen traf. Aber dafür brauchte ich Zeit. Und eine Idee, wie ich systematisch und organisiert an die Sache herangehen konnte. Papier und Bleistift brauchte ich. Viel Papier! Und einen Radiergummi. Ich würde alles in Listen eintragen und dann meine Entscheidung treffen. Aber so einfach war das nicht mit den Listen. Der Inhalt meiner Listen sollte besser schon sortiert aufgelistet werden. Am besten wäre es, mir zuerst  Überschriften für die Listen zu überlegen. Und eine Negativliste musste ich anlegen. Darin würde alles stehen, was auf keinen Fall in den Listen auftauchen dürfte. Jeden einzelnen Punkt auf meinen Listen müsste ich, nachdem ich ihn aufgelistet hätte, genau abwägen. Ich würde alle Folgen, die kurzfristigen und die langfristigen, bedenken und dann die einzelnen Punkte gewichten. Ich beschloss, mir zunächst ein Bewertungssystem zu überlegen. Objektiv müsste es sein und weitsichtig. Auf keinen Fall dürfte ich die Auswirkungen zu kurzfristig beurteilen. Aber wie aussagekräftig wären langfristige Prognosen? Nur drei Punkte dürften auf meinen Listen nachher übrig sein. Diese drei Punkte müssten alles Positive umfassen und gleichzeitig alles Negative ausschließen. Nicht nur für mich, für alle! Mir war klar, dass die Zukunft der Menschheit,  unseres Planeten, sogar des Universums von diesen drei Punkten auf meinen Listen abhängen würde. Mächtig viel Verantwortung! Versteht ihr jetzt, warum ich an diesem Tage nicht zur Arbeit gehen konnte? Und ein falscher Satz, eine unbedachte Äußerung, und die Chance wäre vertan oder schlimmer: die Konsequenzen dieses Satzes könnten verheerend sein. Man kennt das doch, es gibt genügend Geschichten darüber. Sie sollten zur Warnung dienen. Und klar machen, dass man diese Aufgabe nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte. Nun, ich war schon immer ein besonders verantwortungsvoller Mensch gewesen. „Krämerseele“ hatte meine Frau mich genannt, bevor sie ging. Aber diese gewissenhafte  Krämerseele war es, die auserwählt wurde. Sie war zu mir gekommen! Ganz sicher, weil sie wusste, dass ich ihr Angebot sehr ernst nehmen und diese einmalige Chance nicht durch ein paar unbedachte Sätze versauen würde. Sie vertraute mir. Wenn nur mehr Zeit zum Überlegen wäre. Mehr Zeit zum Auflisten und Abwägen. Plötzlich wusste ich, was der erste von den drei Punkten auf meiner Liste sein musste: Mehr Zeit!  –  um die nächsten beiden Punkte mit all ihren Konsequenzen, allen Vor- und Nachteilen, auch im Hinblick auf viele Jahre im Voraus, zu formulieren, zu bedenken und schließlich zu bewerten. Mehr Zeit!  – Das war das Ergebnis eines ganzen Tages des Nachdenkens und Auflistens. Sie kam am frühen Morgen des nächsten Tages, und ich  präsentierte ihr mein Ergebnis. Kurz nachdem sie gegangen war, rief mein Chef an und meinte, weil ich gestern nicht zur Arbeit gekommen wäre, sei ein wichtiger Geschäftsabschluss danebengegangen. Er hätte sich entschieden, in Zukunft auf meine Arbeitskraft zu verzichten. Ich war erstaunt, wie schnell und mühelos sich die Dinge entwickelten. Aber eigentlich hatte ich nie daran gezweifelt. Nun hatte ich genügend Zeit, alles aufzulisten, zu bewerten und abzuwägen. Als erstes ging ich mir noch mehr Blöcke und Bleistifte und Radiergummis kaufen. Dann begann ich mit einer Liste, in die ich die Überschriften der Listen auflistete, und ich begann, ein Bewertungschema zu entwickeln. Ich kam gut voran und merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Aber ich hatte ja genug davon. Ich aß und schlief, ging kurz zum Einkaufen und arbeitete an meinen Listen. Irgendwann kamen Leute und wollten wissen, was genau ich da täte. Ich erklärte es ihnen. Sie meinten, ich müsste umziehen, weil ich die Miete schon lange nicht mehr bezahlt hätte. Ich zog um. Meine Listen durfte ich mitnehmen. Einmal ging mir das Papier aus, da habe ich meine Listen auf die Tapete geschrieben. Ich solle Bescheid sagen, wenn ich mehr Papier bräuchte, haben sie dann gemeint. Ich bekomme Papier, Bleistifte, etwas zum Essen und sie waschen meine Wäsche. Sie haben verstanden, dass ich mich vollkommen meinen Listen widmen muss. Sie wissen um die große Verantwortung, die ich auf mich genommen habe. Ich werde diese Aufgabe gewissenhaft zu Ende bringen.

Und dann wird sie wieder kommen und mich nach den beiden anderen Wünschen fragen.

Das Treffen

Er ist von seinem Tisch aufgestanden und Sophie entgegengegangen.
Lächelnd begrüßt er sie: „Schön, dass Du kommen konntest!“
Sophie ist unsicher. Sie blickt sich um: „Ich dachte, wir sollten uns besser eine Zeit lang nicht treffen.“
Beide setzen sich an den kleinen Tisch in der dunklen Ecke des Lokals. Liebevoll wendet er sich der zierlichen, blonden Frau zu. Er schaut ihr tief in die Augen: „Aber ich musste Dich sehen!“
Dann beugt er sich weit über den Tisch zu Sophie hin und flüstert: „Du bist noch schöner geworden.“
Sein After Shave. Sie hat es immer geliebt. Plötzlich wirkt es aufdringlich, gewöhnlich. Sie weicht zurück: „Wie geht es ihr?“
Sein Lächeln friert ein. Seine Augen scheinen einen Ton dunkler zu werden: „Sie kämpft. Sie ist zäh.“
Auch er lehnt sich zurück: „Bist du umgezogen?“
Sophies Augen meiden den Blickkontakt. Nervös spielen ihre Hände mit dem Glas auf dem Tisch. „Aus beruflichen Gründen. Die alte Wohnung war einfach zu weit entfernt von meiner Arbeitsstelle.“
Er beugt sich wieder nach vorne: „Und eine neue Handynummer hast du auch.“
Er legt seine Hand über ihre: “Es war nicht einfach, Dich zu finden.“
Sophie zieht ihre Hand zurück: „Ich hatte mein Handy verloren.“
Sie bemerkt das Misstrauen in seinen Augen: „Du hättest Dich melden können.“
Sophie weicht seinem Blick aus: „Wir sollten keinen Kontakt haben. Du hast es so gewollt. Solange bis …“
Er beugt sich weit zu Sophie hinüber: „Aber ich hätte nicht gedacht, dass es solange dauern würde. Sie leidet. Es ist fürchterlich! Zwei Monate geht es jetzt schon. Ich kann es kaum noch mit ansehen. Ich leide!“
Sophie zwingt sich, ihn anzusehen. Dieses Selbstmitleid! Sie hatte es früher nie bemerkt. „Vielleicht ist es falsch. Vielleicht solltest Du es lassen.“
Sein Blick wird hart: „Es gibt kein Zurück. Ich muss wissen, dass Du da bist. Danach. Wirst Du da sein?“                                                                                                   Sophie weicht dem fragenden Blick aus: „So hatte ich es mir nicht vorgestellt.“
„Wirst Du da sein?“
„Ich sollte jetzt gehen. Bevor uns jemand zusammen sieht.“

Abhauen

Widerwillig wandte sich Sarah ihrem Bruder zu:  „Was willst Du?“ Tim hatte sie eingeholt. Er versuchte im Schritttempo neben ihr herzufahren. Das Rad schlingerte und drohte umzukippen. Tim war kein guter Radfahrer. Er hielt an und stieg ab: „Jetzt warte doch!“ Aber Sarah ging mit schnellen Schritten weiter. Tim zeigte auf die große Umhängetasche: „Gehst Du weg? Ich meine echt? Für länger?“ Sarah blieb stehen und drehte sich nach ihrem kleinen Bruder um: „Nach was sieht’s denn aus? Nach Picknick?“ „Aber sie haben das bestimmt nicht so gemeint. Sie wollen nicht wirklich, dass Du weggehst.“ Ungelenk versuchte Tim einen Arm um die Schulter seiner Schwester zu legen. „Lass das!“, Sarah schüttelte Tims Arm ab. „Du hast sie doch gehört: Internat. Zu den Betschwestern wollen sie mich schicken. Ohne mich!“ Unschlüssig stand Tim vor seiner Schwester:  „Aber da sind bestimmt viele Mädchen in Deinem Alter. Dort hast Du Gesellschaft und Du wirst Abitur machen. Das ist gut für Dich, hat Mama gesagt.“ Ärgerlich äffte Sarah ihren Bruder nach: „Das ist gut für dich, hat Mama gesagt. Du hast keine Ahnung! Ich bin ihr nur im Weg. Weil ich nicht in ihre spießige Familie passe. Sie, Rüdiger und Du: Ihr seid die Familie. Du hast sie doch gehört: ich bin wie mein Vater: Asozial und egoistisch“, Sarahs Stimme bebte, „ich bin gewissermaßen der Stachel in ihrem spießigen Leben, der Fleck auf der weißen Sonntagstischdecke, wenn sie ihre Freundinnen zum Kaffeekränzchen empfängt. Die schieben mich ab, ins Internat. So ist das. Aber ich lasse mich nicht wegsperren.“ Erschrocken schaute Tim seine Schwester an: „ Du willst wirklich weglaufen? Es wird bald dunkel. Sie werden sich Sorgen machen.“ Sarah schüttelte den Kopf und zeigte die Straße hinunter: „Sie haben mitbekommen, wie ich meine Sachen gepackt habe. Sie haben mich gehen lassen. Schau: Kein Rüdiger im BMW. Keine Monika im schicken Beatle.“ Sarah fasste grob die Schultern ihres Bruders und drehte ihn zur Straße: „Schau genau, kleiner Bruder: Niemand da, um mich aufzuhalten. Passt gerade nicht in ihren Terminkalender, dass die Tochter abhaut. Denen ist das scheißegal.“ Sarah fühlte, wie ihr Bruder unter ihrem Griff zusammenzuckte. Sie gab sich Mühe nicht in sein Gesicht zu schauen. Tränen konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Sie spürte, wie verzweifelt Tim nach Argumenten suchte. „Aber Du bist erst fünfzehn und es wird bald dunkel, wo gehst Du denn hin?“ Sarah überlegte, ob sie Tim in ihre Pläne einweihen sollte. Aber sie kannte Tim. Ein vorwurfsvoller Blick ihrer Mutter und Tim würde alles verraten. Jetzt war es Sarah, die ihrem Arm um die Schultern ihres kleinen Bruders legte: „Mach Dir keine Sorgen, ich komme schon klar.“ Tim nickte und atmete tief durch, ungeschickt griff er mit der linken Hand in seine rechte Hosentasche und zog einen Geldschein heraus. „Da“, Tim hielt Sarah fünfzig Euro unter die Nase, „den habe ich von Oma zum Geburtstag bekommen. Da kannst Du Zug fahren oder Essen kaufen. Ich weiß doch, dass Mama Dein Taschengeld gestrichen hat.“ Sarah schluckte. Sie hatte sich eben noch aus dem Portemonnaie ihrer Mutter bedient. Das wusste Tim nicht. Auf diese Idee würde er nicht einmal im Traum kommen. Mit einem traurigen Lächeln griff Sarah nach dem Geld und kniff Tim liebevoll in die Wange: „Danke, kleiner Bruder! Du bist der beste Bruder der Welt. Und jetzt beeil Dich, dass Du nach Hause kommst. Babies sollten um diese Zeit nicht mehr auf der Straße sein!“ Widerwillig stieg Tim auf sein Fahrrad. „Ich bin kein Baby mehr, ich bin schon sechs Jahre alt“, rief er Sarah zu und radelte davon.

Sarah sah ihrem Bruder nach, bis er in die Sackgasse zu ihrem Haus einbog, dann drehte sie sich um, wischte sich die Tränen aus den Augen und ging weiter Richtung Tankstelle. Sie würde es so machen wie die Ausreißerinnen in den Filmen. Sie würde einen LKW Fahrer ansprechen und fragen, ob er sie mitnehmen kann. Wohin wäre egal, erst einmal raus aus Kassel. Und dann würde sie sich irgendwie nach Lauenstein durchschlagen. Sie würde einfach zum Tannenweg 13 gehen. Vielleicht. Oder sie würde anrufen. Sie hatte die Telefonnummer. Es hat alles bei Facebook gestanden. Und er hatte nett geschrieben. „Schön von dir zu hören“, hatte er geantwortet, „vielleicht können wir uns irgendwann einmal treffen.“ Das war zwar nicht direkt eine Einladung. Aber er würde sie bestimmt nicht wegschicken, wenn sie vor seiner Tür stand. Und wenn er eine Familie hatte? Sarah hatte sich nicht getraut zu fragen.

„Nö Kleine“, der LKW Fahrer schüttelte den Kopf, „geh Du mal ganz brav wieder nach Hause, ich nehme ganz bestimmt keine Minderjährigen mit.“ Enttäuscht wandte sich Sarah ab. Das war schon der dritte Versuch. Sie hatte es sich einfacher vorgestellt. Vielleicht doch zum Bahnhof? Sarah wollte sich gerade auf dem Weg zum Bahnhof machen, als ein grauer PKW neben ihr anhielt. „Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Fahrer durch das offene Seitenfenster. Sarah trat an den Wagen heran und musterte den Fahrer. Mindestens vierzig und er wirkte genau so spießig wie Rüdiger. „Weiß nicht“, antwortete Sarah, „Lauenstein vielleicht.“ Der Fahrer griff über die Beifahrerseite und öffnete die Tür. „Wenn Du willst – bis Hildesheim kann ich Dich mitnehmen.“ Sarah wusste, dass Hildesheim irgendwo in der Nähe von Lauenstein lag. Sie wusste auch, dass sie eigentlich nicht zu einem Fremden in den Wagen steigen sollte. Aber man sollte auch nicht von zu Hause weglaufen. Und wer sich für das eine entschied, musste das andere wohl in Kauf nehmen. Sarah stieg ein. „Danke!“ Sie legte den Sicherheitsgurt an, während der Fahrer den Wagen aus der Tankstelleneinfahrt lenkte. Sarah entspannte sich, als der Wagen tatsächlich den Hinweisschildern zur A7 Richtung Hildesheim folgte. „Besuchst Du Freunde in Lauenstein?“ Sarah nickte. „Und sie erwarten Dich?“ Erneut nickte Sarah. Sie wollte nicht unhöflich sein, aber sie hatte auch keine Lust, sich mit dem Fremden zu unterhalten. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, steckte die Kopfhörer ein, schloss die Augen und gab vor, Musik zu hören. Der Fahrer stellte die Musik im Wagen lauter. Nach ungefähr einer halben Stunde spürte Sarah, dass der Wagen langsamer wurde und öffnete die Augen. Ausfahrt Nordheim-Nord. „Warum fahren wir ab?“ Sarah hatte sich aufgesetzt. „Ich dachte, Sie fahren nach Hildesheim.“ „Kein Grund zur Aufregung“, antwortete der Fahrer. „Du wolltest  nach Lauenstein. Hast Du mal auf die Uhr geguckt? Wenn wir in Hildesheim ankommen ist es schon nach Zehn. Dann gurkst Du um Mitternacht noch in der Gegend herum. Für mich ist Lauenstein nur ein kleiner Umweg.“ Die Stimme des Fahrers klang freundlich und was er sagte war glaubwürdig, trotzdem vertraute Sarah ihm nicht. Ihr fielen Filmszenen ein, in denen jungen Anhalterinnen genau das passierte, was jetzt mit ihr geschah. Unauffällig rückte Sarah näher zur Tür. Der Fahrer grinste. „Was ist los? Hast Du Angst, ich würde mit Dir auf einen einsamen Waldweg abbiegen?“ Mit einem Knopfdruck verriegelte er die Türen. „Nicht, dass Du panisch aus dem fahrenden Wagen springst.“ „Was haben Sie vor?“, fragte Sarah. Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Nichts habe ich vor“, erwiderte der Fahrer. „Außer: Dir vielleicht eine kleine Lektion zu erteilen, an die Du Dich mit Sicherheit erinnern wirst, bevor Du wieder in ein fremdes Auto steigst.“ Der Fahrer schaute zu Sarah hinüber. „Was denkst Du?“, grinste er, „werden wir da vorne auf den Waldweg einbiegen oder nicht?“ In diesem Moment knallte es. Blech kreischte, der Wagen drehte sich um seine Achse und blieb entgegen der Fahrbahnrichtung stehen. Aus den Augenwinkeln konnte Sarah erkennen, wie ein anderer Wagen von der Straße abkam und am Rand der Böschung verschwand. Sarah hörte, wie Äste brachen. Dann wurde es still. „Wieso haben sich die Airbags nicht geöffnet?“, ging es Sarah durch den Kopf. Sie schaute zum Fahrer hinüber. Er saß regungslos hinter dem Steuer und atmete tief ein und aus. „Bist du okay?“ fragte er schließlich. Sarah nickte: „Ich glaube schon. Aber wir müssen nach dem anderen Wagen sehen.“ Sie deutete hinüber zum Straßenrand zu der Stelle an der der Wagen verschwunden war. „Da vorne irgendwo ist er die Böschung hinunter. Wir müssen aussteigen und…“ „Gar nichts müssen wir! Der Kerl hat mir die Vorfahrt genommen“, entgegnete der Fahrer wütend. „Aber wir müssen den Notarzt rufen, erste Hilfe leiste oder so“, Sarah zerrte an der Wagentür: „Jetzt machen Sie doch die Tür auf!“ Der Fahrer schüttelte den Kopf. „Wir werden gar nichts machen. Was soll ich der Polizei sagen, wenn sie mich fragt, warum ich hier mitten in der Nacht mit einer Minderjährigen durch die Gegend fahre?“ Sarah zerrte weiter an der Wagentür. Die Zentralverriegelung! Irgendwo musste der Knopf sein! An Rüdigers Auto gab es den doch auch! Hastig drückte Sarah alle Knöpfe, die sie am Armaturenbrett erreichen konnte. Mit einem Klicken schaltete die Zentralverriegelung auf offen. Sarah riss die Wagentür auf. „Scheiße! Bleib da! Warte doch mal!“ hörte Sarah hinter sich, als sie in die Dunkelheit lief. Sie flüchtete von der Straße in ein kleines Wäldchen. Atemlos kauerte sie sich in eine Mulde. Sie hörte das Rufen und Fluchen des Fahrers und rührte sich nicht. Schließlich gab er auf. Sarah wartete, bis sie seinen Wagen davonfahren hörte. Dann kletterte sie wieder auf die Straße. Ihre Beine zitterten und ihr war kalt. Etwas kribbelte an ihren Wangen. Sarah wollte es wegwischen und bemerkte, dass sie weinte. Zögernd ging sie zu der Stelle, an der der andere Wagen von der Straße abgekommen war. Sie schaute die Böschung hinunter. Aber da war nichts. Nur Dunkelheit und das Zirpen der Grillen. „Ob ich rufen sollte?“, überlegte sie. Schwieg aber. Sie fürchtete, eine Antwort zu erhalten. „Ich könnte so tun, als sei nichts geschehen. Eigentlich ist nichts geschehen. Alles ist so, wie es war. Sogar meine Tasche habe ich noch. Ich könnte einfach gehen, als sei nichts passiert. Sarah verstand nicht, warum sie plötzlich an Tim dachte. Der kleine Tim, der seine große, coole Schwester so vorbehaltlos bewunderte. „Man muss helfen, man darf nicht einfach weggehen.“ „Du hast recht, Tim.“ Mit bebenden Fingern wählte Sarah die Notrufnummer.

Sie solle bleiben, wo sie sei, sagten sie. Und so saß Sarah immer noch an der Böschung als die Polizei und der Notarzt eintrafen. Das flackernde Blaulicht setzte den Wald gespenstisch in Szene. Sarah hatte das Gefühl, als würde das alles nicht wirklich geschehen, als sei sie nur Zuschauer bei einem ziemlich dramatischen Theaterstück. Ihr wurde eine Decke umgelegt und man brachte sie zum Krankenwagen. Sie konnte beobachten, wie die Feuerwehr eintraf und mit Scheinwerfern die Böschung ausleuchtete. Dann schloss man die Tür des Krankenwagens und eine Ärztin fragte, was passiert sei. Sarah war mit einem Mal unendlich müde. „Ich war auf dem Weg zu meinem Vater“, antwortete sie nur, nannte der Ärztin die Adresse und Telefonnummer ihres Vaters in Lauenstein und wartete teilnahmslos, als die Ärztin ausstieg, um sich mit den Polizisten zu unterhalten. Schließlich öffnete sich die Tür des Krankenwagens und die Ärztin stieg wieder ein. „Ich habe gerade mit Deinem Vater telefoniert. Er schien erstaunt, aber er sagte, er würde sich sofort auf den Weg machen, um Dich abzuholen.“ Sarah lächelte. „Danke! Und“, sie zögerte, „könnten Sie bitte auch meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass es mir gut geht?“

Karl, der Kleingärtner

Fertig.

Mit einem zufriedenen Lächeln räumte Karl Stift und Lineal zurück in die abgegriffene Schreibmappe. Sie hatte seinem Vater gehört. Karl schloss den Din A 4-Block und legte den Jahreskalender darauf. Entspannt lehnte er sich auf seinem Gartenstuhl zurück. Gerade hatte er den letzten Punkt auf seiner heutigen To do-Liste  durchgestrichen. Gleich würde er nach Hause fahren, sein Unterhemd gegen ein Poloshirt tauschen und mit Erika  einen Ausflug zur Feste Ehrenbreitstein machen. Er lächelte, schloss die Augen und lauschte dem Gesang der Amsel. Es war immer dasselbe. Erika mochte nicht, wenn er im Unterhemd in seinem Schrebergarten saß. „Du siehst aus wie ein Proletarier.“ „Na und?“, hatte Karl geantwortet, „ ich bin ein Proletarier, warum sollte ich nicht wie einer aussehen.“ Schon sein Vater hatte im Unterhemd im diesem Schrebergarten gesessen. Karl dachte an die wenigen Schwarzweißaufnahmen, die ihm von seinem Vater  geblieben waren. Er hatte sie gerahmt und im Inneren der Gartenlaube aufgehängt. Auch das Mitgliedsabzeichen des Reichsbund Deutscher Kleingärtner, auf das sein Vater so stolz gewesen war und die Auszeichnungsmedaille der Reichsfachgruppe Reisebrieftaubenwesen hatte er aufgehängt. Für Lieselotte, die Brieftaube, die 1935 wegen hervorragender Flugleistung ausgezeichnet worden war, hatte er sogar  extra ein passendes Regalbrett gezimmert. „Dieses verstaubte, verlauste Vieh kommt mir nicht in die Laube“, hatte Erika protestiert und gedroht, den gesamten Schrebergarten zu boykottieren, wenn Karl darauf bestand, dass Lieselotte bei ihnen einzog. Also musste Lieselotte in der Holzkiste in der Garage bleiben. Aber die Aufzeichnungen seines Vaters aus mehr als fünfzig Jahren Gartenbau hatte Karl mit zum Schrebergarten genommen. Sie lagen jetzt auf Liselottes Regalbrett. Karl kannte sie auswendig. In jeder freien Minute studierte er die Notizen seines Vaters. Auch ein ganz besonderes Blatt hatte Karl zu den Unterlagen gelegt. Er hätte es gerne neben den Fotos aufgehängt. Aber Erika hätte ihm das nie erlaubt. „Das ist vorbei. Das geht uns nichts mehr an“, hätte sie gesagt.  „Vergesst nie, dass das heiligste Recht auf dieser Welt das Recht auf Erde ist, die man selbst bebauen will, und das heiligste Opfer das Blut, das man für diese Erde vergießt.“ Karl wusste, dass es ein Zitat Adolf Hitlers war. Sein Vater hatte es in sorgfältiger Normschrift auf ein Din A 4-Blatt gemalt. Auch ihm war verboten worden, es wieder aufzuhängen. Nach dem Krieg. Karl erinnerte sich an den Vater, wie er 1948 weinend in seinem zerbombten Schrebergarten stand. Der Vater war bei den ersten Kriegsgefangenen, die Russland freigelassen hatte. Die Mutter und er, der kleine, damals sechsjährige Karl, hatten versucht, ein bisschen aufzuräumen, sie wussten, wie sehr der Vater an seinem Schrebergarten hing.  Wie stolz er auf seine persönliche Bekanntschaft mit Hans Kammler war, dem Führer des Reichsbundes der Kleingärtner. Er hatte ihn auf dem Reichskleingärtnertag in Chemnitz kennengelernt. Karl erinnerte sich und schüttelte widerwillig den Kopf. Nein, sein Vater war kein Nazi. Er hatte nie Juden vergast. Aber er hatte seinen Grund und Boden geliebt und als er in den Krieg zog, freiwillig, dann nur, um das zu verteidigen, was er liebte. Später, nach dem Krieg, als sie den Schrebergarten längst wieder aufgebaut hatten und Karl ihn gemeinsam mit seinem Vater bewirtschaftete, hatte der Vater ihm abends beim Bier aus den alten Zeitschriften vorgelesen. Von gesunder Lebensweise und von gesunder und kräftigender Kost, die der Ertrag des Gartens ermöglicht, auch von Disziplin und genauer Planung und davon, dass es eine Unsitte sei, die wertvolle Scholle durch Bepflanzung mit ertraglosen Blumen zu vergeuden. Karl hatte das gefallen. Und er fand bis heute nichts Verwerfliches an der Einstellung seines Vaters. Karl öffnete die Augen, setzte sich auf, atmete tief die reine, würzige Luft ein und betrachtete voller Stolz seinen Garten. Morgen würden sie die Johannisbeeren ernten. Eine Rekordernte! Noch besser als im Juni vor fünf Jahren. Karl hatte extra die Küchenwaage von zuhause mitgebracht. Solche respektablen Ernten kamen nicht vom Nichtstun. Er liebte es, sich den wechselnden Herausforderungen der Natur zu stellen, Wind und Wetter heldenhaft zu trotzen und Mutter Erde immer höhere Erträge abzuringen. Karl kannte die unterschiedlichen Bedürfnisse und vielfältigen Bedrohungen seiner Pflanzen genau. Er hatte ein wachsames Auge auf die Schädlinge und studierte regelmäßig die Kataloge der einzelnen Anbieter für Dünger und Mittel zur Unkrautvernichtung und Ungezieferbekämpfung. Als Schädlingsmanagement hatte neulich ein Anbieter den Einsatz eines neuen Rattengiftes beschrieben. Karl merkte sich die Marke. Er wusste um die optimalsten Aussaattermine und griff selbst zum Pinsel, wenn er den Bienenflug aufgrund widriger Wetterverhältnisse als unbefriedigend empfand. Seit er in Pension war und nahezu jeden Tag im Schrebergarten werkelte, konnte er den Ertrag der Gemüsepflanzen noch einmal um 25 % steigern. Karl genoss Tage wie heute, wenn er schon am frühen Morgen die Bohnenreihen abschritt. 15 Stangen. Exakt nach der Sonne ausgerichtet, im genau vermessenen Abstand von jeweils 80 Zentimetern. Die disziplinierte Ordnung seiner Stangenbohnen verursachte Karl immer ein wohliges Kribbeln im Nacken. „Irgendwann werden sie lebendig und marschieren davon“, pflegte Erika die Heeresschau ihres Mannes zu kommentieren. Karl schnaubte dann nur verächtlich. Frauen! Was verstanden sie schon von effektiver, disziplinierter Gartenarbeit! Da war Kraft gefragt, kompromisslose Ausdauer. Aber besonders auch Köpfchen für die ausgetüftelten Anbaustrategien, die ausgewogenen Düngergaben und die gezielte  Verwendung der chemischen Mittel. Kampfmittel, wie Karl jedem grinsend erklärte, wenn es um Ungeziefer ging. Erika hatte er die Kräuterecke zugewiesen. Ein bisschen Unkrautjäten, im Sommer die Pflanzen schneiden und zum Trocknen in den Schatten hängen. Da konnte sie nicht viel verkehrt machen. Und wenn doch, war er augenblicklich zur Stelle, um es ihr noch einmal zu erklären. Der alte, einbeinige Kurt, vom Schrebergarten nebenan, der hatte ihn verstanden. Mit dem konnte er sich stundenlang über die richtige Kartoffelsorte unterhalten. Frühgold, Heidenniere, Inovator, Turdus. Kurt hatte sie alle gekannt. Und wie der immer seine riesigen Kohlköpfe bewundert hatte und den strammen, festen Lauch. Kurt war ein guter Kerl gewesen. Obwohl er Sozialist war. Aber über Politik haben sie nur  das eine Mal geredet. Als Kurt starb, wunderte sich Karl, wie wenig er über seinen ewigen Nachbarn wusste. Ehefrau? Kinder? Kurt war nur am Wochenende in seiner Laube gewesen und sie hatten eigentlich immer über den Garten gesprochen. Mit einem Sozialisten kann man nicht über Politik reden.

Und dann war Kurt einfach so gestorben, ohne etwas geregelt zu haben und hatte Karl mit dem ganzen Ärger allein gelassen. Karl hatte offiziell die Übernahme des Nachbargartens beantragt. Er war fest entschlossen, den Gemüseanbau im Sinne Kurts weiterzuführen und hatte ein entsprechendes Gesuch an Herrn von Ullrich, den ersten Vorsitzenden des Kleingartenvereins, gerichtet. Karl runzelte die Stirn und schnaubte ungehalten, als er an das Gespräch mit dem feinen Herrn von Ullrich zurück dachte. „Zieh Dir wenigstens ein Poloshirt über“, hatte Erika ihm nachgerufen, als er an einem Samstagnachmittag zur Vereinsklause „Abendfrieden“ losmarschierte. Karl hatte nur den Kopf geschüttelt. Sein Blick streifte das akkurat geschnittene Säulenobst. Der Fruchtansatz der Viktoria-Kirsche war vorbildlich. Karl nickte zufrieden.  Er hatte es nicht nötig, sich für Herrn von Ullrich zu  verkleiden. Karl hatte für den anderen gestimmt, bei der Vorstandswahl vor einem halben Jahr. Der von Ullrich war ihm zu liberal, hat nach seiner Wahl die strengen Anbauregeln geändert: wer wollte, konnte nun auch nur Rasen säen und auf den Gemüsebau verzichten. Zum Glück war es eine geheime Wahl gewesen. Der erste Vorsitzende des Kleingartenvereins saß am Tresen, als Karl das Vereinslokal betrat. Er stand auf und begrüßte Karl mit einem freundlichen Handschlag. Karl musterte seinen Gegenüber. „Der sieht nicht aus wie ein Gärtner, mit der hellen Hose und dem schicken Hemd. Der hat noch nie im Leben ein Gemüsebeet umgegraben.“ Von Ullrich unterbrach Karls Gedanken. „Schön, dass Sie gekommen sind. Lassen Sie uns zum Tisch gehen.“ Herr von Ullrich griff nach seiner ledereingebundenen Aktenmappe und ging Karl zum Stammtisch voraus. Nachdem sie Platz genommen hatten, zog der erste Vorsitzende ein paar Unterlagen aus der Mappe. Karl fühlte, wie er  nervös wurde und ärgerte sich über seine Unsicherheit. So offiziell hatte er sich dieses Gespräch nicht vorgestellt. Ein, zwei Bier, ein bisschen verhandeln, ob man die Pacht beim zweiten Schrebergarten nicht ein paar Euro billiger machen könnte, einen Schnaps auf den verstorbenen Kurt. Hand drauf. Und, damit alles seine Ordnung hatte, schließlich die Unterschrift unter den Pachtvertrag. Jetzt bereute er, dass er nicht Erikas Rat befolgt hatte. Er fühlte sich nackt und angreifbar in seinem verwaschenen Feinrippunterhemd. „Nun, Herr Klein, ich habe Ihr Ansinnen letzte Woche in der Vorstandssitzung vorgetragen“, begann Herr von Ullrich und schaute Karl freundlich an. „Wir wissen es zu schätzen, dass Sie seit vielen Jahren unsere Kleingartenanlage durch Ihren gepflegten Gemüsegarten bereichern.“ Karl nickte eifrig: „Seit über 70 Jahren, Herr Vorsitzender, der Schrebergarten hat schon meinem Vater gehört. Wir sind eine alte Gartenbaufamilie. Uralter Gartenadel, gewissermaßen. Ganz vernarrt in die eigene Scholle.“ Er lachte und verstummte verlegen, als der Vorsitzende nicht in sein Lachen einfiel. Herr von Ullrich musterte Karl schweigend. „Alt“, begann er schließlich „und vernarrt“. Der  Vorsitzende räusperte sich: „Sehen Sie, Herr Klein, damit hätten wir das Problem gewissermaßen auf den Punkt gebracht: Sie werden demnächst 80 Jahre alt. Denken Sie nicht, es wäre an der Zeit, die Gartenarbeit gelassener anzugehen?“ Karl starrte Herr von Ullrich sprachlos an. „Was erlaubte sich dieser Jungsporn? Was waren schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel, gemessen an seiner überragenden Erfahrung im Gemüsebau? Trotz seiner fast 80 Jahre hatte er immer noch die besten Ernten der gesamten Gartenanlage! Und warum? Weil er genau wusste, wann Dünger und wann das richtige Spritzmittel notwendig waren! Der feine Pinkel  war doch über Berliner Tiergartenrasen und ein paar Monatserdbeeren nicht hinausgekommen!“ Ehe Karl die passende Antwort formuliert hatte, fuhr Herr von Ullrich fort: „Dazu kommt, dass viele meiner Vereinskollegen Ihre Anbaumethoden kritisieren.“ Jetzt reichte es Karl! Er richtete sich auf, schob die Brust nach vorne, zog den Bauch ein  und straffte die Schultern: „Was gibt es an meinen Anbaumethoden auszusetzten?“, fragte er herausfordernd. „Kommen Sie vorbei! Schauen Sie sich meine Erträge an! Meine Erfolge sprechen für sich!“ Anscheinend hatte Karl den richtigen Ton getroffen. Mit Genugtuung stellte er fest, dass Herr von Ullrich anscheinend nach Argumenten suchte. Zögernd begann sein Gegner: „Der übertriebene Einsatz der Düngemittel und das viele Gift, das Sie versprühen.“ Karl hatte genug. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und sprang auf. „Die verstehen davon nichts! Diese Öko-Gänseblümchen-Züchter! Erzählen Sie das einmal einem aus der Landwirtschaft! Wer ernten will, muss Mutter Erde auch etwas zurückgeben! Und der Kampf gegen Schimmelpilze, Blattläuse und Kohlraupenbefall kann nicht mit einem Gartenschlauch gewonnen werden, da braucht es den gezielten Gifteinsatz. Aber davon habt Ihr junges Gemüse allesamt keine Ahnung! Für Euch kommt der Apfel doch aus dem Supermarkt!“ Karl atmete schwer. Herr von Ullrich war ebenfalls aufgestanden. „Wir sollten uns wieder beruhigen“, beschwichtigend legte der erste Vorsitzende  seine Hand auf Karls Arm. Wütend schüttelte Karl die Hand ab. Herr von Ullrich zuckte die Schultern. „Also, um die Sache zu Ende zu bringen“, begann er in ernstem Ton, „ Ihr Antrag auf Übernahme eines zweiten Schrebergartens wurde vom Vorstand einstimmig abgelehnt. Sie sollten dieses Votum aber nicht persönlich nehmen.“ Karl schnaubte vor Empörung: „Und ob ich das persönlich nehme! Darauf können Sie Ihren vornehmen Arsch verwetten! Aber Ihr werdet noch an mich denken, wenn Eure Schreberanlagen allesamt aussehen wie Reihenhausvorgärten. Wenn niemand mehr weiß, wie man einen Kohlrabi züchtet. Ihr werdet noch an mich denken!“ Erhobenen Hauptes schritt Karl zur Tür. Bevor er sie öffnete, wandte er sich dem Wirt der Vereinsschenke zu: „Wir sehen uns, Erich. Ich komme auf mein Bier vorbei, sobald dieser feine Herr gegangen ist. Er wird erleben, was er davon hat, mich einen alten Narren zu nennen.“

Karl erinnerte sich an den Sonntagmorgen, als sie ankamen, um Kurts Schrebergarten zu übernehmen. Städter! Das nervtötende schrille Kläffen ihres kleinen Köters hatte Karl die Frühstückslaune verdorben. Er ging zur Himbeerhecke und schaute hinüber: Kleines rotes Flitzerauto, Frau mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel und zwei Gören, ein Junge, ein Mädchen. „Nein, Sie können den Wagen nicht einfach hier an der Hecke stehen lassen! Das ist eine Laubenkolonie und kein Aldiparkplatz!“ Karl hatte es schon befürchtet. Vor vier Wochen war ein Gartenbauunternehmen angerückt und hatte Kurts Gemüsebeete durch langweiligen, unnützen Rasen ersetzt. Karls Sonntag war verdorben. Kreischende Kinder, Dauerbeschallung aus dem CD-Player  und Hundegebell. Ein Gewitter mit anschließendem Dauerregen konnte nicht schlimmer sein. Nein, ein Gewitter wäre eine Wohltat dagegen. Ein Gewitter würde vorübergehen. Aber diese Sippe würde jetzt jedes Wochenende in den Schreibergarten einfallen. Und dann fiel ihm auch noch Erika in den Rücken. Die ganze folgende Woche lag sie ihm in den Ohren. „Es sind nun mal unsere neuen Nachbarn. Eine gute Nachbarschaft ist wichtig. Einer muss den Anfang machen. Wenigstens einmal musst Du ihnen eine Chance geben.“ Eigentlich war Erika Karl immer eine loyale Ehefrau. Aber wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie extrem stur auf ihrer Meinung beharren. Karl erinnerte sich an Lieselotte und schließlich, am nächsten Sonntag, als die ganze Brut wieder anrückte, hatte Karl nachgegeben und Erika erlaubt, sie zum Kaffee einzuladen. Es gab selbstgebackene Triester Torte mit der Johannisbeermarmelade aus der Rekordernte. Und sie kamen! Ein Alptraum! Sie mit rotlackierten Fingernägeln. Hat garantiert noch nie einen Setzling eingepflanzt. Und dann die Kinder! Nicht einen Moment stillsitzen konnten sie. Überall rumgerannt sind sie. „Nein, nicht auf die Beete treten! Ihr müsst auf den Wegen bleiben! Stellt die Gießkanne weg, das ist kein Kinderspielzeug!“ Mit dem Mädchen stimmte etwas nicht. Schlitzaugen und ein Mondgesicht. Und richtig reden konnte sie auch nicht, obwohl sie älter war als ihr Bruder. Und dann beobachtet Karl, wie der Hund seine Bohnenstangen beschnüffelte. Karl sprang auf, aber es war zu spät. Der Köter hatte tatsächlich das Bein gehoben! „Nehmen Sie das Vieh an die Leine!“ Karl konnte sich nur mit Mühe beherrschen. „Ja, natürlich!“, die Frau rief den Hund herbei und leinte ihn am Gartentisch an. „Entschuldigung. Zum Glück ist ja nichts passiert.“ Sie lächelte Karl freundlich an. Karl fing Erikas Blick auf und bemühte sich, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben:  “Ihr Hund verdirbt meine Bohnen. Sie haben tatsächlich überhaupt keine Ahnung vom Gemüsebau. Was wollen Sie überhaupt mit einem Schrebergarten?“ Die Frau lehnte sich zurück und atmete genussvoll tief ein. „Die frische Luft. Es ist wegen der Kinder. Mein geschiedener Mann meinte,  ein bisschen Natur am Wochenende  würde uns gut tun. Er hat den Schrebergarten für uns gemietet. Hier können die Kinder im Freien spielen, ohne dass ich sie ständig beaufsichtigen muss. Marie liebt Pflanzen“, liebevoll strich die Frau der kleinen Marie über die Wange. „Nächste Woche wird ein Sandkasten geliefert und eine Schaukel. Und die Kletterburg, die sich Philip gewünscht hat.“ „Ja! Kletterburg! Kletterburg!“ Philip war aufgesprungen und hüpfte aufgeregt um den Tisch. „Burg! Burg!“ ahmte Marie ihren kleinen Bruder nach und verhedderte sich in der Leine des Hundes, als sie Philip nachrannte. Mit verkniffenem Mund und schwer atmend starrte Karl auf die Kaffeelachen, die Erika eilig mit einem Geschirrhandtuch aufwischte. Marie hatte sich das Knie aufgeschlagen und weinte. „Nein“, Karl schüttelte energisch den Kopf, „wir haben ganz bestimmt kein Pflaster. Am besten bringen Sie die Kleine nach Hause und reinigen da die Wunde. Gartenerde kann sehr gefährlich sein, wegen der Bodenkeime!“ „Wirklich?“, musterte die Mutter die kleine  Wunde  „Ja, dann gehen wir jetzt wohl besser.“ „Besser ist das.“, erwiderte Karl, „und vergessen Sie den Hund nicht!“

„Ein Schrebergarten ist kein Kinderspielplatz!“ Es dauerte lange, bis sich Karls Blutdruck von dem Besuch der neuen Nachbarn erholt hatte. Dann nahm er den Bauhauskatalog und kalkulierte, was ihn ein hoher, stabiler Gartenzaun kosten würde

Aber das mit dem hohen, stabilen Gartenzaun wurde nichts. Punkt 2.5 der Kleingartenverordnung erlaubte nur Zäune bis zu einer Höhe von 1.00 Meter. Karl hatte noch einmal in der Verordnung nachgeschlagen, als Erika den Einwand vorbrachte. Und eine Ausnahmegenehmigung hatte der feine Herr von Ullrich ausdrücklich abgelehnt. „Einigen Sie sich mit Ihren neuen Nachbarn“, hatte Herr von Ullrich leichtfertig erklärt. „Schenken Sie dem Hund ein paar Leckerlies und kochen Sie Marmelade mit den Kindern. Sie werden sehen, die neuen Nachbarn werden eine nette Abwechslung in Ihrem Leben sein. Kinder sind ein Segen.“ Karl hätte gerne auf diese Abwechslung verzichtet. Das Johlen der Kinder, das Bellen und Jaulen des Hundes, die Musik, ja sogar die fremdartigen Kochdüfte, die vom Nachbargrundstück herüberwehten, alles störte Karls Gartenfrieden und machte seine Wochenenden zu einem einzigen Ärgernis. Karl hatte sogar überlegt, am Wochenende in der Stadt zu bleiben und seinen Schrebergarten nur noch unter der Woche aufzusuchen. Aber er wollte seine Pflanzen nicht mit diesen Eindringlichen alleine lassen.

Und dieser neugierige Hund und die ungezogenen Kinder drangen immer dreister in Karls Schrebergarten sein. Bälle und Frisbeescheiben landeten im Pflücksalat und der blöde Köter fand keinen besseren Platz, um seinen Kochen zu vergraben als Karls Möhrenbeet.

„Es ist ein Geschenk, er mag Sie.“ Karl hatte die Nachbarin  mit  dem abgenagten Knochen konfrontiert.

Und dann die Kinder!  Sie kamen durch die Himbeerhecke gekrochen, ohne auf Äste oder Fruchtstände zu achten. Oder sie kletterten über das kleine Gartentor. Standen dann einfach da:  der kleine Philipp mit seiner blöden Schwester an der Hand und fragten, ob das Kuchen sei, was da so lecker duftete.

Dann hatte Karl die kleine Marie erwischt, wie sie die Zucchiniblüten von den Pflanzen pflückte. Wutentbrannt schleppte er die Kleine zu ihrer Mutter. „Schauen Sie doch nur, wie niedlich sie aussieht, mit den gelben Blüten im Haar. Da kann man ihr doch gar nicht mehr böse sein, nicht wahr?“ Und ob Karl ihr böse sein konnte! „Wenn ich Ihre Kinder noch einmal in meinem Garten erwische, rufe ich die Polizei,“ herrschte er die Frau an. „Passen Sie auf Ihre Göre auf. Sie hat mir die ganze Zucchiniernte verdorben.“

Das war an einem Samstagmorgen gewesen. Am Samstagnachmittag kam die Nachbarin mit Kindern und Hund im Schlepptau und überreichte Karl eine ganze Tüte Zucchini und eine Flasche Wein dazu. „Die Zucchini hatte Aldi heute im Angebot. Da habe ich gleich an Sie gedacht.“

Da wusste Karl endgültig, dass diese Frau ihn nie verstehen würde.

Und dann geschah das mit den Erdbeeren. Karl kam gerade aus dem Baumarkt zurück, er hatte dort nach einem effektiven Mittel gegen Wühlmäuse gesucht, als die Göre über seinen eigenen Gartenpfad auf ihn zu stolperte und ihm ihren grellgelben Sandeimer unter die Nase hielt.  „Gefunden! Für Dich!“ nuschelte sie. Voller Entsetzten betrachtete Karl Maries Fundstücke im Eimer. Dann ging sein Blick zum Erdbeerbeet. Tatsächlich! Eine ganze Armee Wühlmäuse hätte nicht schlimmer wüten können. Wenn sie wenigstens nur die reifen Früchte genommen hätte!

„Sie dürfen ihr nicht böse sein. Sehen Sie doch, wie traurig sie jetzt. Sie wollte doch sogar mit Ihnen teilen!“ „Es sind meine Erdbeeren! Auf meinem Grund und Boden!“, schnaubte Karl. „Sie haben ja recht,“ die Mutter nickte beschwichtigend. „Aber Marie liebt buntes Essen. Schauen Sie,“ die Mutter zeigte auf die Liebesperlen in einer kleinen Schüssel auf dem Gartentisch. „Maries Lieblingsnascherei.  Bei den kleinen roten Beeren in Ihrem Garten konnte sie einfach nicht widerstehen.“ „Meine Erdbeeren sind nicht klein. Zumindest nicht, wenn man mit der Ernte wartet, bis sie reif sind. Und dieses Zuckerzeug,“ wütend deutete Karl auf die Liebesperlen,“  ist ungesunder chemischer Mist. Den sollten Sie Ihren Kindern umgehend abgewöhnen, geben Sie ihnen einen Apfel, dann müssen sie auch nicht im Nachbarsgarten wildern!“ Hätte der Schrebergarten der Nachbarin ein Gartentor gehabt, Karl hätte es wütend ins Schloss geworfen als er zu seinem übel zugerichteten Erdbeerbeet zurückstampfte. Liebesperlen! Kleine bunte Kügelchen! Karl dachte über die Liebesperlen nach, während er die herausgerissenen Pflanzen  einpflanzte und versuchte, den angerichteten Schaden zu beheben. Als er damit fertig war, hatte er einen Entschluss gefasst. Schädlingsmanagement. Kleine rosa Kügelchen.

Karl schlug  Erika vor, an diesem Wochenende einen Ausflug zur Feste Ehrenbreitstein zu machen. Erika freute sich.  Es kam selten vor, dass Karl sein Wochenende im Schrebergarten gegen eine andere Freizeitaktivität eintauschte. Erika war, genau wie Karl es erwartet hatte, am Samstagmorgen nicht mit zum Schrebergarten gekommen. Sie wollte zu Hause den Ausflug vorbereiten. Karl war alleine zum Schrebergarten gefahren, um noch schnell einige notwendige Pflegearbeiten zu erledigen. Zum Schluss stellte er ein sorgfältig mit Normschrift geschriebenes kleine Hinweistäfelchen auf: „Vorsicht Gift !“ Dann nahm er seine Schreibmappe von Isabellas Regalbrett  mit zum Gartentisch.

Fertig.  Mit einem zufriedenen Lächeln räumte Karl Stift und Lineal zurück in die abgegriffene Schreibmappe.  Karl schloss den Din A 4 Block und legte den Jahreskalender darauf. Entspannt lehnte er sich auf seinem Gartenstuhl zurück. Gerade hatte er den letzten Punkt auf seiner heutigen To do-Liste  durchgestrichen: Auslegen von  Rattengift im Erdbeerbeet. Er freute sich auf den Ausflug mit Erika.